Schon bei der Ankunft in Brixton Hill in Südlondon wird klar, dass irgendwo hier das Epizentrum der Herzenswärme sein muss. Von der Seitenwand des Cafés "Stir Coffee Brixton" grüßt die Illustration eines kleinen Jungen, der auf einem Ast sitzt. "Was willst du werden, wenn du groß bist?", steht darüber in einer Handschrift, die unverkennbar die von Charlie Mackesy ist. "Freundlich", antwortet der Junge.
Unweit von hier wohnt, zurückgezogen in einer ruhigen Nebenstraße, der Autor und Illustrator dieses und vieler anderer Aphorismen. Der Engländer Mackesy, 62, ist ein Phänomen: ein Messias der Nächstenliebe und Warmherzigkeit, auf den die Briten sechs Jahrzehnte lang warten mussten. Manche halten ihn für die Reinkarnation von "Winnie Puh"-Erfinder A. A. Milne, andere schwärmen vom neuen Michael Bond, Autor der geliebten "Paddington Bear"-Bücher. Puh und Paddingon verkörpern dabei ein Bild des Königreichs, das die Briten gern der Welt präsentieren: tolerant, liebenswert, exzentrisch. Spätestens seit dem Brexit vor neun Jahren hat dieses Image Risse bekommen. Mackesys erster Bestseller "Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd" erschien vor sechs Jahren und eroberte zuerst die Insel und danach die Welt, gerade rechtzeitig also, um den Ruf der Nation zu retten.
Seine Wortspiele sind nie bösigartig
Mackesy empfängt den stern in seinem chaotischen Reich. Fast jede Wand und Oberfläche des viktorianischen Reihenhauses, das er bewohnt, hat der Künstler zur Leinwand gemacht, mit Skizzen, kleinen Porträts, Zitaten überzogen, mit gerahmten Werken befüllt. Im Wohnzimmer, das auch Atelier ist, lehnt eine aus den Angeln gehobene Tür, bis an die Ränder bemalt mit verspielten Karikaturen: der Witz spleenig, die Wortspiele unübersetzbar, aber nie bösartig. Dazwischen Sätze wie "Wenn du Geld verehrst, wirst du dich immer arm fühlen", aber auch: "Frag nie einen Friseur, ob du einen Haarschnitt brauchst."
Mackesy – weiße Einstein-Mähne, Polohemd, Turnschuhe – lässt sich auf ein durchgesessenes Sofa fallen. "Ich bin leider sehr erschöpft", entschuldigt er sich. Er reiste zuletzt kreuz und quer durchs Land, um sein gerade erschienenes Buch vorzustellen, es heißt auf Deutsch etwas umständlich: "Denk immer dran: Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs, das Pferd und der Sturm". Im Königreich dominierte es wochenlang die Schaufenster der Buchläden.
Wer nun aber glaubt, hier ginge es um ein Kinderbuch, irrt. Mackesys vier Protagonisten reisen gemeinsam durch Welten aus Tinte und Aquarellfarbe, die als Projektionsflächen für Lebensweisheiten dienen. Waren es im ersten Buch Winterlandschaften, durch die der namenlos bleibende Junge und seine tierischen Freunde stromerten, so trotzen sie in dieser Fortsetzung einem Sturm.
Der Tod seines Dackels hat ihn schwer getroffen
"Während der Arbeit an meinem neuen Buch habe ich meine Mutter verloren und vor Kurzem auch sehr enge Freunde", erzählt der Autor. Natürlich habe ihn das beim Schreiben beeinflusst. Die Geschichte sei eine Allegorie auf schwere Phasen im Leben und auf die Angst vor dem Verlust. "Trauer ist ein seltsames Tier, das merkwürdige Dinge mit uns macht", sagt Mackesy. Auch der Tod seines Dackels Barney ("meine Inspiration, ein bisschen von ihm steckt in allen vier Charakteren") im Januar habe ihn hart getroffen.
Mit dem Starrummel um seine Person hat Charlie Mackesy sichtlich zu kämpfen. "Früher war mein Leben ruhiger, einfacher", sagt er. "Ich habe Bilder gemalt. Und ich musste weniger Interviews geben."
Wie kam er eigentlich auf die vier ungewöhnlichen Helden der Erfolgsbücher? "Jede Figur ist ein Teil von mir, von uns allen", erklärt Mackesy. "Der Junge ist der ängstliche Teil, der alles hinterfragt." Der Maulwurf sei die Neigung, sich mit Kuchen zu trösten, wenn man niedergeschlagen sei. Der Fuchs wiederum stehe für das Misstrauen in einem jeden. "Und das Pferd ist die Weisheit."
Lebensweisheiten für Millionen
Die Geschichte vom Jungen, dem Maulwurf, dem Fuchs und dem weißen Pferd begann vor acht Jahren auf Instagram. Die große Resonanz auf die Tintenzeichnungen mit den kleinen Lebensweisheiten ermutigte Mackesy zum Weitermachen.
Eine Galerie entdeckte die Text-Bild-Miniaturen, bald darauf auch ein großer Buchverlag. Die Aphorismen fügten sich zu einer Geschichte, das erste Buch erschien 2019, und der Verlag druckte davon gleich mal 10 000 Exemplare. "Ich dachte damals: Sind die verrückt? Die verkaufen wir nie", erinnert sich Mackesy.
Dann kam Covid.
Und die Botschaften von Mitgefühl und Gemeinschaft trafen einen Nerv in einer Gesellschaft, die im Angesicht des Virus gerade alles auf den Prüfstand stellen und Solidarität ganz neu einüben musste. Sprüche wie "Zusammen haben wir weniger Angst" wurden in jener Zeit zum Rettungsanker für viele, die mit Einsamkeit und Krankheitsgefahr kämpften. "Im Lockdown erhielt ich über 700 000 E-Mails", sagt Mackesy. Ihm schrieben Patienten von der Isolationsstation im Krankenhaus, Schulkinder, Menschen in der Reha: "Krankenschwestern druckten die Instagram-Motive aus und hängten sie in ihren Stationen auf."
Mackesy rettet Menschenleben
Er habe viele Anfragen von Institutionen erhalten, die überraschendste sei eine der Armee gewesen. Dort plante man eine Kampagne zur psychischen Gesundheit. "Sie wollten das Motiv verwenden, auf dem der Junge fragt: 'Was ist das Mutigste, was du je gesagt hast?' Und das große, starke Pferd antwortet: 'Hilf mir.'"
2022 wurde aus dem Buch ein Kurzfilm, der wiederum einen British Academy Film Award gewann und dann auch noch den Oscar. Die Verleihungszeremonie in Hollywood beschreibt Mackesy als "surreal". Er sei dankbar für die Erfahrung, aber sie habe ihn auch gelehrt, was er wirklich unter Erfolg verstehe: materiellen Reichtum oder Einfluss jedenfalls nicht. "Erfolgreich sind meine Freunde, die glauben, sie hätten versagt, und denen ich sage: 'Mann, du hast eine Familie und bist ein guter Mensch, das ist doch riesig.'" Einmal, erzählt er, habe ein junger Mann bei einer Signierstunde angestanden, nur um ihm zu danken. Mackesys Buch hätte ihn davon abgehalten, sich das Leben zu nehmen. "Das nenne ich Erfolg." Demnächst wird er wieder an Bushaltestellen Exemplare des neuen Buches liegen lassen, so hat er es schon mit dem ersten Titel getan. Ein Marketingstunt? Nein, Mackesy will einfach freundlich sein.
Geschichten wie eine warme Umarmung
Literaturkritiker mögen die Nase rümpfen über Sentimentalitäten à la "Lieben braucht Mut". Viele Menschen aber rührt das. Mackesys Debüt hat sich zehn Millionen Mal verkauft, es wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Selbst das Königshaus zählt nachweislich zur riesigen Fangemeinde der unpolitischen Illustrationen. Und keiner ist über diesen Erfolg überraschter als der Urheber selbst. Dabei ist es gerade sein entwaffnender, imperfekter Charme, der durch die Seiten schimmert. Die Kapitel haben die Wohlfühlwirkung einer Umarmung, von der man gar nicht wusste, wie sehr man sie gebraucht hat. Wenn es eine Weisheit im neuen Band gibt, die ihm aus dem Herzen spricht, dann, so Mackesy, wohl diese: "Ich bin ein bisschen unordentlich und unfertig‘, sagte der Junge. ‚Das sind wir alle‘, sagte der Maulwurf.“
Charlie Mackesy: „Denk immer dran“
Penguin Verlag, 128 Seiten, 25 Euro