Mit ihrem anspruchsvollen Politthriller "Im toten Winkel" erzählt Ayşe Polat eine Geschichte über Verdrängung, Kontrolle und die unsichtbaren Kräfte, die ganze Biografien bestimmen. Der Film besteht aus drei Kapiteln, die unterschiedliche Perspektiven vermitteln und sich erst nach und nach zu einem größeren Ganzen fügen. Dokumentarfilmaufnahmen, Handyvideos und Überwachungskameras schaffen eine unmittelbare Nähe zur Handlung und lassen die Zuschauer die Spannung hautnah erleben.
Im ersten Kapitel begleitet der Film Simone (Katja Bürkle), die gemeinsam mit einem deutschen Filmteam in den Nordosten der Türkei reist, um eine Dokumentation über immaterielle Denkmäler zu drehen. Dabei stößt das Team auf das Schicksal der Kurdin Hatice (Tudan Ürper). Vor über einem Vierteljahrhundert wurde ihr Sohn entführt, und die Geschichte ihres Verlusts ist unvergessen. Als die Dolmetscherin Leyla (Aybi Era, bekannt aus "Notruf Hafenkante") die kleine Melek (Çagla Yurga) mitbringt und der für ein Interview vorgesehene Rechtsanwalt Eyüp (Aziz Çapkurt) plötzlich verschwindet, gerät das Team in eine lebensbedrohliche Lage.
Traumata auf der Seele
Das zweite Kapitel gewährt Einblicke in die Perspektive von Zafer (Ahmet Varli). Er observiert Eyüp und entführt ihn im Auftrag einer Organisation. Doch schnell wird derjenige, der eigentlich jagen sollte, selbst zum Gejagten. Das Kapitel scheint aufgrund zahlreicher Zeitsprünge und dem ständigen Spiel mit den Blickwinkeln recht verworren. Aber im dritten Kapitel verdichten sich die Ereignisse: Die Schicksale des Filmteams und Zafers Vergangenheit werden miteinander verwoben, und die Zusammenhänge offenbaren sich in überraschender und tiefgründiger Weise.
"Im toten Winkel" entstand 2021 in der Türkei und in Hamburg. Regisseurin und Drehbuchautorin Ayşe Polat, selbst kurdischer Herkunft, untersucht in ihrem Werk erneut die Spuren, die Traumata auf der Seele hinterlassen, und zeigt, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind. Für ihre Arbeit bekam Polat unter anderem beim deutschen Filmpreis 2024 eine Auszeichnung in Gold für die beste Regie und das beste Drehbuch sowie den Filmpreis in Bronze in der Kategorie bester Spielfilm. Der Film ist bereits ab Sonntag, 08. März, in der ARD-Mediathek verfügbar.
Im toten Winkel – So. 15.03. – ARD: 23.35 Uhr