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Editorial: Recht auf einen würdigen Tod

Liebe stern-Leser!

Vor sechs Monaten veröffentlichte der stern eine Reportage, die viele Leser so aufwühlte, wie es selten einem Beitrag gelingt: Der "Zeit"-Reporter Bartholomäus Grill hatte aufgeschrieben, wie sein krebskranker Bruder zum Freitod in die Schweiz fahren musste, weil Sterbehilfe in Deutschland nicht erlaubt ist. Grill wurde mit dem Henri Nannen Preis für die beste deutschsprachige Reportage ausgezeichnet.

Über diesem Fall und unzähligen ähnlichen Tragödien, die sich im Stillen abspielen, steht ein und dieselbe Frage: Warum darf Menschen, die sich bei schwerstem Leiden, aber bei noch klarem Verstand für den Freitod entscheiden, in unserem Land nicht dabei geholfen werden? Ein Arzt darf zwar Schmerzen lindern, aber auch nicht auf Bitte des Patienten gezielt den Tod herbeiführen. Selbst Verwandte oder Freunde dürfen es nicht: Sie kommen in juristische Schwierigkeiten, weil Beihilfe zur Selbsttötung zwar straflos ist, sie sich anschließend aber womöglich wegen unterlassener Hilfeleistung schuldig machen. Außerdem haben die meisten Menschen keine legale Möglichkeit, an geeignete "todsichere" Medikamente heranzukommen.

Wenn Schwerstkranke also ihrem Leben mit dem verbliebenen Rest an Würde ein Ende setzen wollen, sind sie genötigt, entweder andere Menschen in Schwierigkeiten zu bringen oder ihren letzten Weg in ein anderes Land anzutreten. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Wir brauchen endlich klare Regelungen im Gesetz.

Es geht dabei nicht um eine "Lizenz zum Töten", wie die Evangelische Kirche befürchtet. Es geht um das Recht von Patienten, selbst verbindlich zu entscheiden, wann eine Behandlung abgebrochen werden soll, weil sie lieber sterben wollen, als länger zu leiden. Die gnädige Hand, die ihnen das Glas mit dem tödlichen Trunk reicht, den sie dann selbst leeren, darf nicht kriminalisiert werden.

Der stern lässt in dieser Ausgabe Betroffene zu Wort kommen. Die Schweizer Sterbehilfeorganisation "Dignitas" hatte unter ihren Mitgliedern, darunter beinahe 2700 Deutsche, gefragt, ob sie zu Interviews bereit wären. Rund 60 meldeten sich.Vor knapp einem halben Jahr begann stern-Redakteur Oliver Link, Jurist, der selbst schon über Sterbehilfe geschrieben hat, mit ihnen behutsame Vorgespräche zu führen. Einige verließ dann doch der Mut, häufig waren es auch Angehörige, die intervenierten. Am Ende verblieben zwölf Frauen und Männer, die einen gemeinsamen Wunsch formulieren: "Lasst uns sterben" - und zwar so, wie sie es für richtig halten.

Über das Für und Wider der Sterbehilfe führte Bartholomäus Grill, Autor der preisgekrönten "Zeit"-Reportage, ein Streitgespräch mit dem Philosophen Robert Spaemann.

Uns würde zu diesem schwierigen Thema auch Ihre Meinung interessieren, liebe Leser und Leserinnen: Sollte Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen erlaubt werden?

Schicken Sie Ihre Beiträge bitte an:

stern
Betrifft: Sterbehilfe
20444 Hamburg
oder per E-Mail an: sterbehilfe@ stern.de

Wir werden beispielhafte Zuschriften nächste Woche veröffentlichen - genauso, wie wir es in dieser Ausgabe mit einer Auswahl der mehr als 700 E-Mails und Briefen zum Thema "Was ist ungerecht in Deutschland?" tun

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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