Editorial Schröder hat nichts zu verlieren


Die stern-Reporter Jan-Philipp Sendker und Andreas Hoidn-Borchers haben sich in den vergangenen Wochen der SPD gewidmet. Wie geht's den Sozis? Was bewegt "Münte" an der Basis?

Liebe stern-Leser!

Die stern-Reporter Jan-Philipp Sendker und Andreas Hoidn-Borchers haben sich in den vergangenen Wochen der SPD gewidmet. Wie geht's den Sozis? Was bewegt "Münte" an der Basis? Hat die einst stolze Bewegung sozialdemokratischer Idealisten noch die Kraft, den Kanzler auf seinem Schild zu tragen, das Land zu regieren? Eindrücke von Wehmut und Resignation, aber auch von Zuversicht brachten die stern-Kollegen mit.

Nach dem Keulenschlag aus Hamburg steht fest, dass die Operation Müntefering zu keiner Verbesserung des sozialdemokratischen Allgemeinbefindens geführt hat. Was tun? Sicher gibt es in der Basis immer noch einige, die glauben, die industrielle Revolution fände gerade statt und es gäbe jede Menge zum Umverteilen. Diese Retro-Perspektive weist natürlich nicht den Weg aus der Krise. Da die SPD kaum noch tiefer sinken kann, bleibt der Trotz: "Eine vernünftige Alternative" zum Reformprozess gebe es nicht, stellte der Kanzler vergangenen Montag klar. Er hat Recht. Und erfährt Unterstützung von den weisen Granden seiner Partei, Eppler, Bahr, Vogel - sie alle mahnen ihre Partei in der stern-Reportage (Seite 40) zur Einsicht. Hans-Jochen Vogel beispielsweise rät, "die Realität wahrzunehmen, auch wenn's wehtut".

Auf all die altgedienten Parteigänger, die jetzt scharenweise davonlaufen, kann Schröder keine Rücksicht nehmen. Die Partei muss ohnehin neue kluge, junge Köpfe ködern. Früher waren die Jungsozialisten der stärkste Verband innerhalb der Sozialdemokratie, heute ist es die Arbeitsgemeinschaft "60 plus". Jüngere werden dringend gebraucht, um Reformen einzufordern, um Tempo zu machen. Quasi in eigener Sache. Sie selbst sind es ja, die in 20 bis 30 Jahren davon profitieren. Ein heute 30-jähriger Wähler verlangt jetzt Antworten auf existenzielle Fragen: beispielsweise, wie das Rentensystem der Zukunft aussieht oder eine Gesundheitsversorgung unabhängig vom persönlichen Einkommen.

Das oft zitierte Zeitfenster für den Umbau der Sozialsysteme steht nur noch einen Spalt offen. In ein paar Jahren wird der Interessenausgleich zwischen Jung und Alt durch die Demografie torpediert, danach übernehmen die Alten die Macht.

Wenn sich die Mehrheit der Wähler in der zweiten Lebenshälfte befindet, ist Schluss mit großen Umwälzungen. Dann wird gewählt, wer den Status quo verspricht.

13 Wahlen stehen in diesem Jahr noch an. Müntefering und Schröder haben nichts zu verlieren. Sie sollten ohne taktisches Zögern alles auf die Reformkarte setzen. Die Opposition hat kein besseres Blatt auf der Hand.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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