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Editorial: Was Gewalt gegen Kinder bedeutet

Liebe stern-Leser!

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der stern dem Thema Kindesmisshandlung widmet. Wir haben über die verhungerte und verdurstete Jessica in Hamburg berichtet, über die toten Kinder von Darry oder die kleine Lea-Sophie aus Schwerin - Namen und Orte, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Aber es ist das erste Mal, dass wir das Martyrium eines Kindes nahezu vollständig dokumentieren. Es tut weh, diese Geschichte über den langsamen Tod der dreijährigen Karolina zu lesen. Aber erst bei der Lektüre der ungeheuerlichen Details wird sichtbar, welches Grauen sich hinter dem spröden Wort "Kindeswohlgefährdung" verbergen kann - und warum wir genau hinsehen müssen, was in unserer Nachbarschaft geschieht. 1,4 Millionen Kinder werden jedes Jahr Opfer häuslicher Gewalt, schätzt das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen. Sie werden geprügelt und gequält, gedemütigt und gezüchtigt. Oder verwahrlosen, alleingelassen von ihren Eltern.

Fast ein halbes Jahr ist stern-Mitarbeiter Manfred Karremann, selbst Vater zweier Töchter, Dutzenden solcher Fälle nachgegangen, hat mit Polizisten und Staatsanwälten gesprochen, mit Ärzten und Wissenschaftlern. Aber vor allem das Schicksal von Karolina ließ ihn nicht mehr los. Das Mädchen war, misshandelt und ohne Bewusstsein, Anfang Januar 2004 auf einer Krankenhaustoilette im bayerischen Weißenhorn entdeckt worden und wenig später an einer Hirnblutung gestorben. Karremann befragte Zeugen und Nachbarn und besuchte auch Karolinas Mutter und deren Lebensgefährten - beide sitzen im Gefängnis, wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Zusammen mit Redakteur Werner Mathes rekonstruierte er für den stern die letzten Tage des Kindes. Wie schon Karremanns stern--Zweiteiler über die geheime Welt der Pädophilen (stern Nr. 45 und 46/2003: "Unter Kinderschändern") war auch dieses Projekt eine Koproduktion mit dem ZDF, das am Dienstag dieser Woche die "37 Grad"-Reportage "Was geschah mit Karolina?" sendete. Der stern und das ZDF wollen Aufmerksamkeit schaffen für das Leid vieler Kinder, die eigentlich die Zukunft des Landes sein sollten (Seite 74).

Im vergangenen Jahr erschien im stern der erste große Gehaltsreport: "100 Berufe im Vergleich - wer verdient wie viel?" (Nr. 29/2007). Hundert Arbeitnehmer vom Arbeitsvermittler bis zum Zimmermädchen hatten den stern in ihre Lohnabrechnung schauen lassen. Die Titelstory erregte Aufsehen, und häufig fragten Leser nach: "Was verdienen eigentlich Selbständige?" Immerhin gibt es in Deutschland inzwischen 4,5 Millionen Freiberufler, Handwerker und Gewerbetreibende. stern-Redakteur Joachim Reuter und ein Team von neun Rechercheuren haben in den vergangenen sechs Monaten mit 100 Selbständigen gesprochen - vom Apotheker bis zum Winzer, vom Binnenschiffer bis zum Wirtschaftsprüfer, von der Prostituierten bis zur Bildhauerin. Die Spreizung der Einkommen ist groß - von wenigen Hundert Euro, mit denen Künstler oder eine Ladenbesitzerin über die Runden kommen müssen, bis hin zu den knapp 18.000 Euro, die ein Vermögensberater monatlich verdient. Viele Selbständige arbeiten 50 oder 60 Stunden pro Woche. Dabei macht der große Einsatz nicht unzufrieden - fast alle sagen von sich, dass sie glücklich sind. Nur drei der 100 Interviewpartner bereuten ihre Entscheidung - eine Prostituierte, ein Taxifahrer und ein Bestatter (Seite 46).

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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