HOME

Text übers Anderssein: Zehnjähriger berührt mit Gedicht über sein Leben als Autist

"Ich bin seltsam, ich bin neu": Mit diesen Worten beginnt das Gedicht eines zehnjährigen Jungen, der unter dem Asperger-Syndrom leidet - und der es mit wenigen Zeilen schafft, die Schwierigkeiten seines Alltags zu beschreiben.

Gedicht eines Autisten

Mit dieser Hausaufgabe spricht der zehnjährige Benjamin Giroux vielen Menschen aus der Seele: Für den Deutschunterricht musste er ein Gedicht schreiben, das mit den Worten "Ich bin" beginnt. Benjamin leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, und beschreibt in den wenigen Zeilen sehr eindringlich, wie fremd und unsicher er sich in der Gesellschaft anderer oft fühlt.

Laut seines Vaters ist Benjamin normalerweise nicht besonders mitteilsam: "Wenn wir ihn nach der Schule fragen, wie sein Tag war, kriegen wir meist nur einsilbige Antworten", sagte sein Vater Sonny "Today.com". Doch die Gedichtaufgabe war für den Jungen anscheinend genau der richtige Rahmen, um über seine Gefühle zu sprechen. Seine Eltern erzählen, dass er sich direkt nach der Schule an den Küchentisch setzte, um sein Gedicht zu schreiben, und erst wieder aufstand, als er damit fertig war. Sie waren zu Tränen gerührt, als Benjamin es ihnen vortrug. Seine Mutter schickte es an die National Autism Association, die das Gedicht auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichten. Es wurde tausende Male geteilt und kommentiert.

Der Versuch einer Übersetzung:
Ich bin seltsam, ich bin neu
Ich frage mich, ob du auch so bist
Ich höre Stimmen in der Luft
Ich sehe du nicht und das ist nicht gerecht
Ich will nicht traurig sein
Ich bin seltsam, ich bin neu
Ich stelle mir vor, du bist es auch
Ich fühle mich wie ein Junge im All
Ich berühre die Sterne und fühle mich unpassend
Ich frage mich, was andere denken mögen
Ich weine, wenn die Leute lachen, es macht mich klein
Ich bin seltsam, ich bin neu
Ich verstehe jetzt, dass du auch so bist
Ich sage, ich "fühle mich wie ein Schiffbrüchiger"
Ich träume von einem Tag, an dem das in Ordnung ist
Ich versuche dazuzugehören
Ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffe
Ich bin seltsam, ich bin neu.

"Am Anfang waren wir sehr traurig, dass er sich so allein gelassen und missverstanden fühlt", sagte sein Vater. "Doch als er weiter las, merkten wir, dass Benjamin verstanden hat, dass nicht nur er allein sich seltsam fühlt, sondern jeder andere auf seine Weise auch." Benjamin wolle allen zeigen, dass es in Ordnung ist, sich anders zu fühlen, besonders wenn man einmal verstanden habe, dass jeder auf seine Art seltsam ist.

Auch wenn seine Eltern sofort begeistert von dem Gedicht waren, plagten Benjamin Selbstzweifel. Er traute sich nicht, am nächsten Tag in die Schule zu gehen und sein Gedicht vorzutragen. Erst die vielen begeisterten Facebook-Kommentare von fremden Leuten, die seine Eltern ihm vorlasen, änderten seine Sicht auf sein Gedicht. 


vim
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity