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Physiologie: Das Auge des Hundes: Was können sie sehen?

Hunde sehen die Welt in Schwarz-Weiß? Stimmt nicht! Dass sie kurzsichtig sind dagegen schon. Wir erklären, wie das Auge der Vierbeiner aufgebaut ist und warum ein Reh gut daran tut, vor einem Hund starr stehen zu bleiben.

Von Philip Alsen

Das Auge des Hundes: Was können sie sehen?

Hunde sind Jäger, deren Augen zwischen Dämmerung und Nacht sowie kurz vor Sonnenaufgang am besten sehen

Getty Images

Das Auge des Beutegreifers nimmt etwas, das sich bewegt, viel besser wahr als Dinge, die sich still verhalten. Sein fast kugelförmiges Sehorgan umgibt die weiße Lederhaut. An der Vorderseite geht sie in die transparente Hornhaut (Lateinisch: Cornea) über. In einem Ring dahinter liegt die auch Iris genannte Regenbogenhaut mit der Pupille. Die Netzhaut (Retina) enthält die für Licht empfindlichen Sehzellen. Von hinten treten die Nerven in das Auge, das an dieser Stelle lichtunempfindlich ist. Etwas höher liegt der Gelbe Fleck (Macula lutea), die Stelle seines schärfsten Sehens.

Es war einen Versuch wert: Drei Milchglasscheiben, ein paar Farbstrahler, jede Menge Fleischhäppchen, einige Kilogramm leckeren Käses und drei Hunde, mehr brauchten die amerikanischen Psychologen Jay Neitz, Gerald H. Jacobs und Timothy Geist nicht, um zu widerlegen, was bei vielen noch heute als gesichert gilt: Hunde sehen die Welt in Schwarz-Weiß. "Doch das ist Blödsinn", erklärt Neitz. Gemeinsam mit seinen Kollegen verwöhnte er zwei Italienische Windspiele und einen Toypudel mehrere Wochen lang mit Fleisch- und Käsehappen: "Zwei der drei Scheiben waren gleich beleuchtet, eine dritte andersfarbig, und hinter der lagen die geruchssicher verpackten Leckereien."

Das Auge des Hundes sieht bunt

Die Welt der Hunde ist bunt. Das stand schon kurz nach Beginn des Experiments fest. Nicht ganz so farbenfroh wie die der Menschen, aber dennoch bunt. "Tatsächlich", so Forscher Neitz, "können Hunde die Farben Rot und Grün schlecht unterscheiden." Rotes sieht gelb aus, Grünes ebenso. Ein roter Ball auf einer grünen Wiese ist für einen Hund ein gelber Ball in einem Meer aus gelben Halmen. Dafür haben des Menschen beste Freunde einen sehr ausgeprägten Sinn für Blautöne.

Der Grund dafür liegt in seiner Vergangenheit. In der Zeit zwischen Dämmerung und Nacht sowie kurz vor Sonnenaufgang hat das vom Himmel reflektierte Licht wegen der fehlenden Sonneneinstrahlung einen höheren Blauanteil - für einen Jäger, der zu dieser Zeit auf der Pirsch ist und Blautöne gut unterscheiden kann, ist dies ein gewaltiger Vorteil. Umrisse von Beutetieren heben sich gut ab, jede Bewegung wird sofort gesehen. Der dafür raffinierteste Trick der Natur ist eine lichtreflektierende Schicht an der Rückwand des Hundeauges, Lateinisch das "Tapetum lucidum". Dieser "leuchtende Teppich" ist dafür verantwortlich, dass Tieraugen im Dunkeln leuchten, wenn man sie anstrahlt. Denn er wirft das durch die Netzhaut einfallende Licht zurück und nutzt es auf diese Weise doppelt.

Der Aufbau des Hundeauges gleicht unserem. Sein Auge wird umfasst von dem oberen und unteren Augenlid sowie der beim Menschen verkümmerten Nickhaut, die im unteren Augenlid liegt und sich beim Schlafen wie eine Schutzbrille über die Hornhaut legt. Unter der Hornhaut liegen die Iris und die Pupille, mehr kann man von außen nicht sehen.

Die Unterschiede zum menschlichen Auge beginnen im Augenhintergrund: In der aus zehn Schichten bestehenden Netzhaut sitzt nicht nur ein sehr feines Geflecht aus Nervengewebe, dort befinden sich auch zwei verschiedene Arten von Lichtempfängern, Zapfen und Stäbchen.

Hunde sind kurzsichtige Jäger

Wissen Sie, warum ein Reh auf der Wiese still stehen bleibt, wenn es einen Hund sieht? Weil das die beste Chance ist, nicht aufzufallen. Probieren Sie das einmal selbst: Stellen Sie sich hundert Meter von Ihrem Hund entfernt ganz still auf eine Wiese und rufen Sie ihn. Wetten, dass er nicht kommt? Wahrscheinlich würde er gern, leider aber erkennt er sie nicht mehr. Und nun? Arm heben, leicht in die Knie gehen oder mal mit einem Bein wackeln reicht, und Sie haben wieder seine volle Aufmerksamkeit. Bewegungen werden nämlich sofort wahrgenommen.

Für das Reh bedeutet das: stehen bleiben. Läuft es los, beginnt die Hatz. Scharf gucken kann der Hund aber nicht. Wie deutlich ein Lebewesen sieht, hängt nämlich vom Aufbau des Auges ab, von der Größe der Linse, der Netzhaut und der Pupille, von der Zahl und Anordnung der Zäpfchen und Stäbchen. Grundsätzlich aber gilt: Für die Sehschärfe sind die Zäpfchen verantwortlich. Bei uns Menschen (wir haben viele Zäpfchen) liegt der Punkt des schärfsten Sehens in der sogenannten Sehgrube (wissenschaftlich: Fovea Centralis), einer nervenreichen, gut durchbluteten und nur etwa 1,5 Millimeter tiefen Senke, in der pro Quadratmillimeter etwa 140.000 Zapfen liegen. Auch Hunde haben oberhalb der Sehnerveneinmündung ein nervenreiches Gebiet, allerdings ähnelt es mehr einem Streifen, und es enthält nur Stäbchen. Menschen sehen deshalb etwa sechsmal schärfer als Hunde - zumindest vermutet man das. Denn ein Sehtest mit jemandem, der nicht auf Fragen wie "Welcher Buchstabe ist das?" antworten kann, ist schwer zu interpretieren. 

Ein Gesichtsfeld von etwa 240 Grad

Schon beinahe unnötig zu erwähnen, dass auch die räumliche Wahrnehmung der Hunde nicht so gut ist. Zwar haben sie ein großes Gesichtsfeld von etwa 240 Grad, das für die Jagd vorteilhaft ist, sie können deshalb auch Bewegungen erkennen, die seitlich oder sogar hinter ihnen liegen. Der Bereich der von beiden Augen gesehen wird, das sogenannte binokleare Gesichtsfeld, ist aber klein. Gerade einmal 60 Grad des Gesichtsfelds überschneiden sich. Zum Vergleich: Wir Menschen sehen etwa 120 Grad "in Stereo". Dieser Raum ist für unsere Tiefenwahrnehmung wichtig. Das kann man leicht daran erkennen, dass Menschen, die ein Auge verloren haben, beim Salzfass leicht danebengreifen, zumindest solange, bis sich das Gehirn auf die veränderte Situation eingestellt hat.

Mit dem Sehsinn der Hunde ist es also nicht weit her - zumindest nicht aus der Perspektive von uns Menschen. Für die Hunde aber ist das eigentlich kein Problem. Sie sind perfekt auf ihr Leben als Beutegreifer eingestellt und kommen auch gut in der von uns Menschen geschaffenen Welt zurecht.

Allerdings könnten wir es ihnen mitunter leichter machen, wenn wir auf die Besonderheiten ihrer Sehfähigkeit Rücksicht nehmen würden. Als Hundesportler beispielsweise könnte sich die Zusammenarbeit mit unseren Hunden sogar verbessern. Ein roter Ball auf einer grünen Wiese zum Beispiel ist für den Hund kein Spaß, sondern ein Stück Detektivarbeit. Hätte er seine Nase nicht, würde er den nie finden. Rot warnt uns Menschen vor Gefahren, für einen Blindenhund aber ist eine rote Ampel nicht zu erkennen. Wer mit seinem Hund Agility macht, sollte wissen, dass der Hund die rot markierten Kontaktzonen nicht sieht, und wer ihn durch einen ein paar Meter entfernten Tunnel schicken möchte, sollte sich darüber im Klaren sein, dass der Hund den erst richtig erkennt, wenn er unmittelbar davor steht. Die Dummys, die bei Retriever-Wettbewerben geworfen werden, sind meist grün - wären sie blau, gingen nicht so viele verloren. Aber Moment mal: Blaue Dummys, blaues Spielzeug, blaue Bälle, wäre das nicht eine perfekte Geschäftsidee?

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