Es tut weh, wenn man seinen Traumjob verliert. Zumal, wenn man ihn 16 Jahre lang machen durfte. Jutta Stiehler, Therapeutin aus München, war 16 Jahre lang im Dr. Sommer-Team der Jugendzeitschrift BRAVO und leitete es zeitweise. Dr. Sommer war "die" informelle Anlaufstelle für Sexualberatung von Jugendlichen in Deutschland. Erwachsene von heute, die noch ohne Internet groß wurden, sagen oft, dass sie durch Dr. Sommer alles über Sexualität gelernt haben, was wichtig ist. In der dreiteiligen ARD-Doku "BRAVO – Headlines, Hypes und Herzschmerz" (ab Samstag, 23. Mai, ARD-Mediathek und am Montag, 1. Juni, 23.05 Uhr, im Ersten) erzählt neben vielen ehemaligen BRAVO-Stars und Machern auch Jutta Stiehler von ihrer Arbeit.
teleschau: Sie haben von 1998 bis 2014 als Dr. Sommer im Bravo-Team gearbeitet. Wie kommt man eigentlich zu einem solchen Job?
Jutta Stiehler: Ich war und bin noch immer mit Margit Tetz befreundet, der damaligen Dr. Sommer. Das war jedoch deutlich vor 1998, damals habe ich noch Sozialpädagogik studiert. Margit hat mir einen Praktikumsplatz angeboten, der lief über ein Semester. Ich wusste sofort: Das ist mein Traumjob! Als ich fertig studiert und noch einen meinen zweiten Sohn bekommen hatte, ging es für mich danach ins Berufsleben: Die BRAVO wurde zum festen Job.
teleschau: Wie groß war Ihr Team damals?
Jutta Stiehler: 1998 waren wir zu viert. Zu Boom-Zeiten – das war um die Wende herum, als unfassbar viele Briefe aus den neuen Bundesländern unsere Redaktion erreichten, bestand das Team sogar mal aus sechs Personen. Und selbst die haben es kaum geschafft, alle Briefe zu beantworten.
"Ich bin heute noch stolz auf unsere Arbeit"
teleschau: Gab es denn mal einen echten Dr. Sommer?
Jutta Stiehler: Ja und nein. Natürlich hat jemand die Rubrik begründet – das war Dr. Martin Goldstein. Er startete 1969 die legendäre Rubrik "Was Dich bewegt". Martin Goldstein war der Meinung, man müsse Sexualität aus der Schmuddelecke herausholen. Er wollte da aber nicht mit Klarnamen auftreten, weil er dazu noch in einer evangelischen Beratungsstelle tätig war. So entstand der Name Dr. Sommer.
teleschau: Jüngeren Menschen muss man erklären, wie vor Internet und Social Media Kommunikation ablief: Man konnte Dr. Sommer über Briefe und per Telefon erreichen. Gab es eine richtige Dr. Sommer-Hotline?
Jutta Stiehler: Ja, das Telefon war jeden Tag eine Stunde besetzt. Als E-Mail immer populärer wurde, haben wir die Telefonsprechstunde auf zweimal die Woche verkürzt. Man muss sagen: Allzu viele Anlaufstellen für Jugendliche und ihre Fragen zur Sexualität existierten damals nicht. Wir waren ein Fachteam, das sich mit den Themen auskannte und den Jugendlichen sehr offen begegnete. Ich bin heute noch stolz auf unsere Arbeit, weil ich denke: Sie hat viel Gutes bewirkt.
teleschau: Glauben Sie, dass viele Kids die BRAVO wegen der Dr. Sommer-Seiten kauften?
Jutta Stiehler: Auf jeden Fall, das wusste auch jeder im Haus. Es war ein Dreiklang an Themen, der die Leserinnen und Leser an der BRAVO interessierte: Stars, Musik und Dr. Sommer. Bei einer Umfrage zeigte sich, dass die Dr. Sommer-Seiten oft als erste aufgeschlagen wurden.
"Sie wollten sehen, wie Körper von Gleichaltrigen denn so ausschauen"
teleschau: Die Dr. Sommer-Seiten in der BRAVO zeigten komplett nackte Jugendliche in einem naturalistischen Look. Hatten Sie nie Probleme mit der Zensur oder anderen Sittenwächtern?
Jutta Stiehler: In meiner Zeit kann ich mich nicht daran erinnern, dass es mal Ärger gab. Einmal war die BRAVO auf dem Index, als Dr. Goldsein etwas über Selbstbefriedigung geschrieben hatte. Ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, in welchem Jahr das war. Im Lauf der 70-er ist die Gesellschaft sehr viel liberaler geworden. Ich würde sagen: Unser Look war "korrekt". Es ging darum, alles klar zu zeigen, aber nicht irgendwelche Fantasien anzuregen.
teleschau: Wie sind Sie an Ihre Models gekommen?
Jutta Stiehler: Man konnte sich ab 16 Jahren bewerben. Lange Zeit gab es mehr als genug Bewerberinnen und Bewerber. Wichtig war uns, dass wir die Jugendlichen nicht vorführen und sie rein zu jugendgerechten Themen befragen: Wie war dein erstes Mal? Hast du immer noch Regelschmerzen? Dies waren Fragen, die unsere Leser interessierten. Außerdem wollten sie sehen, wie Körper von Gleichaltrigen denn so ausschauen. Wir gaben uns deshalb Mühe, eine möglichst große Bandbreite junger Menschen zu zeigen und sie damit zu unterstützen. Nach dem Motto: Es gibt viele Körper und Körperformen. So und so können Brüste, Penisse oder Hoden aussehen. Das ist alles in Ordnung so, und jeder Körper ist schön.
teleschau: Wie kann man sich ein Foto-Shooting mit 16-jährigen Nacktmodellen vorstellen. Gab es da nicht viel Scham im Raum?
Jutta Stiehler: Überraschenderweise nicht. Erst mal brauchten wir ja die Einverständniserklärung der Eltern. Es geschah nicht selten, dass Eltern während der Fotoaufnahmen im Hintergrund dabei waren. Nicht nur der Look der Bilderstrecken sollte naturalistisch sein. Auch die Atmosphäre rund um das Foto-Shooting sollte natürlich sein. Alle Sorgen wurden direkt und verständnisvoll angesprochen. Es ist ja immer so: Peinlich oder belastend werden die Dinge erst dann, wenn man nicht drüber spricht. Unser Motto war: Sprechen wir sofort drüber, dann kann sich gar keine Anspannung aufbauen. Und man muss natürlich sagen: Es waren in der Regel eher selbstbewusste Mädchen und Jungs, die sich als Models beworben haben.
teleschau: Sie sagen, dass es lange Zeit mehr als genug Bewerber gab. Hat das irgendwann nachgelassen und wenn ja, warum?
Jutta Stiehler: In den Nuller- und Zehnerjahren wurde es tatsächlich weniger. Ich glaube, mit dem Internet und vor allem Social Media hat sich viel verändert. Man wurde auf einmal viel leichter auffindbar – und auch erreichbar. Man lebt nicht mehr so anonym. Trotzdem blieb die Dr. Sommer-Rubrik an sich für die Jugendlichen sehr, sehr wichtig.
"Jugendliche fürchten sich davor, dass man ihnen nicht glaubt"
teleschau: Wie sind Sie mit Telefonanrufen oder Mails umgegangen, die alarmierend waren?
Jutta Stiehler: Immer dann, wenn es in Richtung Übergriffigkeit und sexualisierte Gewalt ging, haben wir die Jugendlichen darin bestärkt, dass sie sich jemand anvertrauen sollen. Wir haben ihnen klargemacht, dass die anderen, die Täter, sich auf der Unrechtsseite befinden. Und wir haben versucht, ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Wir erklärten den Jugendlichen auch, dass Schweigen – gerade wegen der Scham – solche Taten erst möglich macht.
teleschau: Blieben die Jugendlichen anonym?
Jutta Stiehler: Nur die garantierte Anonymität beim Dr.-Sommer-Team ermöglichte es den Jugendlichen, sich uns anzuvertrauen. Weil sie wussten, dass wir nicht "tätig werden" können, es aber auch nicht ohne ihr Einverständnis tun würden. In der Regel ist es genau diese Angst vor möglichen Aktionen, warum viele mit ihren Erlebnissen alleine bleiben. Jugendliche fürchten sich davor, dass man ihnen nicht glaubt, dass man das Erlebte umdeutet – nach dem Motto: Das könnte doch auch ein Versehen gewesen sein – oder dass die Erwachsenen gleich Aktionen starten: die Polizei rufen, Anzeige erstatten, den Täter stellen. Dass etwas über ihren Kopf hinweg oder hinter ihrem Rücken passiert, ist eine unermesslich große Überforderung und ein erneuter Missbrauch für ein betroffenes Mädchen oder einen Jungen.
teleschau: Wie ging weiter, wenn sich die Jugendlichen Ihnen anvertraut haben?
Jutta Stiehler: Wir hörten ihnen zu, glaubten ihnen und bestätigten sie darin, dass ihre Gefühle und Ängste stimmen. Dass sie wahrhaftig sind und keine Einbildung. Wir gaben ihnen Informationen, dass sexuelle Übergriffigkeit bei Blicken, Worten, Sprüchen oder Pfiffen beginnen. Wir glaubten ihnen uneingeschränkt, wenn Mädchen berichteten, dass der Täter ein Vater, Stiefvater, Onkel oder jemand anderes aus dem nahen familiären Umfeld war. Denn so ist das in den meisten Fällen. Den "Fremden im Park" gibt es viel seltener! Wir unterstützten die Jugendlichen dabei, sich jemanden zu suchen, der oder dem sie sich anvertrauen können. Die Mutter, die Tante, die Mutter der besten Freundin, eine Lehrerin. Wichtig ist, dass die Jugendlichen nicht alleine bleiben, sich Hilfe suchen und Schutz bekommen. Wenn uns die Mädchen sagten, in welcher Stadt sie leben, haben wir ihnen Adressen von Beratungsstellen wie zum Beispiel "Wildwasser" geschickt. Wissen Sie, ich habe viele Jahre mit jugendlichen Mädchen und auch erwachsenen Frauen zu diesem Thema gearbeitet und Erfahrung gesammelt. Ich habe unzählige Ängste, Sorgen, Zweifel, Bauchschmerzen, Depressionen und andere Folgen mitbekommen. Es ist kaum vorstellbar, wie sehr so ein Erlebnis oder – schlimmer noch – mehrere Erlebnisse die Welt eines jungen Menschen verändern und verstören kann.
"Damals ist vieles schief gelaufen"
teleschau: Haben sich die Themen der Jugendlichen während Ihrer Zeit bei der BRAVO verändert?
Jutta Stiehler: Viele Themen rund um Jugend und Sexualität sind immer gleich. Es geht ums Verliebtsein, Verhütung oder Fragen wie: Ist mein Penis oder mein Busen groß genug? Ein paar Themen haben aber auch gewechselt. Zum Beispiel alles, was mit Piercing, Intimschmuck und Tattoos zu tun hat, das ist schon eher zeitgeistig und in meiner Ära mehr geworden. In manche Themen mussten wir uns als Team auch erst mal selbst reinarbeiten (lacht).
teleschau: Ist Dr. Sommer heute nicht mehr so wichtig wie früher?
Jutta Stiehler: Persönliche Sexualberatung wird immer wichtig sein, aber früher gab es für Jugendliche kaum vertrauenswürdige Anlaufstellen. Heute fragen junge Mädchen oft ihre Mütter, und es ist toll, dass das möglich ist, denn es zeigt: Wir sind als Gesellschaft offener geworden, die Generationen mehr miteinander im Dialog. Dazu sind viele Themen öffentlich nicht mehr so stark tabuisiert wie früher. Im Internet gibt es alle Informationen, jedoch fällt es oft schwer, den Überblick zu bekommen. Die Fragen an Dr. Sommer gingen oft in Richtung: "Ich weiß schon, dass ... aber wie ist das bei mir?". Die richtige Antwort lässt sich nur über individuelle Beratung finden, sicher nicht über KI.
teleschau: Kommen wir zu Ihrer Entlassung bei der BRAVO. Die Auflage brach irgendwann massiv ein – wohl wegen der Digitalisierung. Die erreichte junge Leser natürlich früher als ältere. Die Dr. Sommer-Redaktion wurde massiv heruntergefahren. Wie blicken Sie auf Ihr Ende dort?
Jutta Stiehler: Es ist schon zwölf Jahre her, aber ich bin immer noch ein bisschen traurig. Wir haben eine wichtige Arbeit gemacht, denn es gibt immer noch Fragen, mit denen möchte man eben nicht zur Mama oder zu einer Freundin gehen. Da will man in der Anonymität bleiben und jederzeit das Telefongespräch abbrechen können, wenn es einem zu viel wird. Dafür war Dr. Sommer eine tolle Institution.
teleschau: Hat die BRAVO damit nicht ein Alleinstellungsmerkmal aufgegeben?
Jutta Stiehler: So würde ich es auch sagen. Damals ist vieles schiefgelaufen. Ich habe danach wieder als Sozialpädagogin gearbeitet, bin nach der Entlassung in die Sozialarbeit gegangen. Das war jene Zeit, als viele unbegleitete minderjährige Jugendliche in Zeiten der Flüchtlingswelle nach Deutschland kamen. Einige Jahre arbeitete ich als Coach für Langzeitarbeitslose, dann bin ich in Rente gegangen. Ich arbeite aber noch in freier Praxis in München weiter und biete auch Online-Beratung an. Die ARD-Doku tut mir gerade in Hinsicht auf das Ende bei der BRAVO sehr gut, merke ich. Weil das Nachdenken und Reden über unsere Arbeit mir zeigt: Wir haben vielen jungen Leuten geholfen – und das ist ein sehr gutes Gefühl.