Demnächst in neuen Folgen von "Der Lehrer"
Hendrik Duryn im Interview: "Das, was ständig über Schule geschrieben wird, finde ich nervend"

  • von Elisa Eberle
Hendrik Duryn stammt selbst aus einer Lehrerfamilie. Seine Mutter Charlotte diente ihm indirekt auch als Vorbild für die Figur Stefan Vollmer, die er in der RTL-Serie "Der Lehrer" verkörpert, wie er im Interview verrät.
Hendrik Duryn stammt selbst aus einer Lehrerfamilie. Seine Mutter Charlotte diente ihm indirekt auch als Vorbild für die Figur Stefan Vollmer, die er in der RTL-Serie "Der Lehrer" verkörpert, wie er im Interview verrät.
© RTL / Steffen Junghans

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"Der Lehrer" ist zurück. Fünf Jahre nach seinem Ausstieg aus der RTL-Serie schlüpft Hendrik Duryn abermals in seine Paraderolle von Stefan Vollmer. Im Interview spricht der Schauspieler über die Dreharbeiten in Leipzig und die Frage, warum das deutsche Schulsystem weniger schlecht ist als sein Ruf.

Er ist einer der bekanntesten Pauker im deutschen Fernsehen: Als Stefan Vollmer zeigte Schauspieler Hendrik Duryn von 2009 bis 2021, in 88 von 98 Folgen der Serie "Der Lehrer", worauf es beim Lehrerberuf wirklich ankommt. Nun, fünf Jahre nach dem vorläufigen Ende, kommt die beliebte Comedy mit einer zehnten Staffel zurück zu RTL: Sechs neue Folgen von "Der Lehrer" zeigt der Sender am Donnerstag, 28. Mai, und Donnerstag, 4. Juni, ab 20.15 Uhr, im Dreierpack. Auf RTL+ wird die Serie bereits ab Donnerstag, 21. Mai, wöchentlich in Doppelfolgen veröffentlicht. Im Interview plaudert Duryn über seine eigene Schulzeit in der DDR. Außerdem beschreibt der 58-Jährige, was einen guten Schüler und einen guten Lehrer auszeichnet, und warum seine Mutter ein "24-Stunden-Lehrer-Mensch" war.

teleschau: Herr Duryn, waren Sie ein guter Schüler?

Hendrik Duryn: Ich war ein guter Schüler. Einige prominente Kolleginnen und Kollegen sind stolz darauf, dass sie schlecht in der Schule waren, um dann damit zu glänzen, was Tolles aus ihnen geworden ist. Ich finde das falsch und ziemlich unverantwortlich, darauf stolz zu sein, dass man die Chance nicht genutzt hat, die man in der Schule nun mal hat. Ich war auch ein Teilzeit-Rabauke, keine Frage. Aber ein guter Schüler ist für mich auch nicht unbedingt einer, der nur brav in der Bank sitzt und seine Instinkte unterdrückt.

teleschau: Sondern?

Duryn: Ein guter Schüler ist für mich einer, der Interesse hat und der trotzdem anmeldet, wenn ihm was nicht passt. Ich hatte das Glück, dass mir Lernen wirklich krass leicht fiel. Ich habe selbst mein Abi mit einem Schnitt von 1,2 ablegen können, obwohl ich neben der Schule viel zu tun hatte: Ich habe sehr viel Sport gemacht, Theater gespielt ... Ich bin zwar nicht gern in die Schule gegangen, aber ich hatte schon als Schüler begriffen, dass Schule ein bisschen so ist wie Vitamin C: Man kann Vitamin C nicht selbst herstellen, sondern muss es von außen zuführen.

"Super, dass es so viele Möglichkeiten gibt, wie man in die Schule gehen kann"

teleschau: Wie hat sich Schule seit Ihrer Kindheit und Jugend verändert?

Duryn: Ich bin im Osten sozialisiert worden. Ich bin noch auf die polytechnische Oberschule und die erweiterte Oberschule gegangen, denn es gab ja nur zwei Systeme. Es gab eine ganz klare Leistungsbestimmung: Wenn du aufs Gymnasium willst, musst du die entsprechenden Voraussetzungen dafür entweder Ende der achten, spätestens Anfang der zehnten Klasse erfüllen. Das heißt, du musst leistungsfähig und leistungsbereit sein. Das ist mit heute schwer zu vergleichen. Denn inzwischen gibt es viele verschiedene Systeme und viele freie Schulen.

teleschau: Ist das gut oder schlecht?

Duryn: Ich finde es super, dass es so viele Möglichkeiten gibt, wie man in die Schule gehen kann. Natürlich besteht die Gefahr, dass am Ende auch Quatsch dabei ist. Freie Schulen werden meist von ihren Gründern mit einer ganz tollen Idee in die Welt gesetzt. Aber wenn die Gründer nach 15 Jahren nicht mehr das Sagen haben, dann geht die Gründungsidee oftmals verloren, und dann werden das eher schlimme Schulen, weil die Didaktik und die Methodik fehlen und man gezwungenermaßen zurückfällt in das System, das sich 200 Jahre durchgesetzt hat.

"Das Schlechtschreiben ist für mich das eigentliche Problem"

teleschau: Wie bewerten Sie das heutige Schulsystem allgemein?

Duryn: Ich kann nur über das urteilen, was ich bei meinen Kindern sehe, und muss sagen: Ich finde, die Art und Weise, wie sie betreut werden, welche Möglichkeiten ihnen geboten werden, super. Auch das, was ich während der Dreharbeiten am Johannes-Kepler-Gymnasium erlebt habe, war toll: Die Lehrer waren alle sehr offen, sehr interessiert an dem, was wir machen, und haben das in ihren Schulalltag eingebunden. Das, was ich sehe, gefällt mir. Das, was ständig über Schule geschrieben wird, finde ich nervend.

teleschau: Inwiefern?

Duryn: Wenn alles so schlecht wäre, wie behauptet wird, wieso stehen wir mit unserer volkswirtschaftlichen Leistung dann noch immer so weit oben? Wieso sind dann unsere Städte nicht alle völlig verrottet? Wieso haben wir nicht mehr Vandalismus und pöbelnde Jugendliche? Wenn das wirklich alles so schlimm ist, muss sich das doch auch im Straßenbild widerspiegeln. Das sehe ich nicht! Das Schlechtschreiben ist für mich das eigentliche Problem.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Duryn: Wenn man so etwas liest, ist es, als wenn man eine Brille aufsetzt, die komplett mit Dreck verschmiert ist. Ich denk mir dann immer: Leute, setzt doch mal die Brille ab! Guckt selber hin, ohne diese vorgefertigte Meinung, die sagt: "Alles ist schlecht." Das gilt auch für die Aussage: "Mit Deutschland geht's bergab." Ich war in letzter Zeit so viel unterwegs, habe Lesungen in so vielen Städten gehalten. Ich war in 30 verschiedenen Städten, Dörfern, Gemeinden, kleinen Regionen und habe mich immer wieder gefragt: Wo ist es hier jetzt richtig sch...? Wo sind diese vielen maroden Häuser? Wo ist jetzt alles schlecht?

teleschau: Aber nur gut läuft es doch auch nicht ...

Duryn: Natürlich gibt es Dinge, die schwierig und schlecht sind. Aber es ist nicht schlecht, weil es schlecht ist, sondern weil man die Herausforderung nicht erkannt hat, es zu lösen. Natürlich weiß ich auch, dass wir Regionen haben in Deutschland, die von der Politik so dermaßen vergessen wurden, die so dermaßen am A... sind. Ich würde all diese Politikerinnen und Politiker, die sich so gerne selbstbeweihräuchern, gerne mal rütteln, am Schlafittchen packen und nach Bautzen ins sorbische Gebiet reinstecken. Ich würde ihnen sagen: "So, ihr geht jetzt mal für ein halbes Jahr in die Lausitz und guckt, was in dieser Zeit dort alles passiert. Und dann geht ihr wieder zurück in die Politik in euern Elfenbeinturm, und dann trefft ihr neue Entscheidungen!" Dieser Negativzirkus, von dem ich die ganze Zeit lese, führt nur dazu, dass man nicht mehr an Veränderungen glaubt. Das führt dazu, dass viele Leute einfach nur noch mit ausgestreckter Hand dasitzen und sagen: "Erst muss mir was gegeben werden, damit ich was tue." Wir werden die Probleme nicht lösen, wenn wir sagen: "Jemand anderes muss sie lösen."

"Leute, so kann das Ding nicht sterben!"

teleschau: War diese momentane Debatte über Schule mit ein Grund, weshalb "Der Lehrer" zurückkommt?

Duryn: Nee. Ich habe schon zwei Jahre, nachdem die Serie abgesetzt wurde, gesagt: "Leute, so kann das Ding nicht sterben! Das geht nicht! Die Serie gehört ins deutsche Fernsehen! Sie ist humorvoll, verantwortlich und inhaltlich gut." Ich habe über drei Jahre daran gearbeitet, dass wir da sind, wo wir jetzt sind. Dass die Serie jetzt just zu einer Zeit kommt, in der so viel über Schule diskutiert wird, ist Zufall. Die Produktion für eine Staffel dauert über ein Jahr. Du kannst zu Produktionsbeginn gar nicht absehen, was in einem Jahr sein wird.

teleschau: Bei der Neuauflage waren Sie also wieder intensiv an der Entwicklung beteiligt?

Duryn: Immer! 2012 war ich zunächst subversives Teil des Kreativteams. Wir waren zu viert. Gemeinsam haben wir 70 Episoden, die Figuren, die Geschichten und die Sozialstruktur entwickelt. Anfangs durfte ich daran nur teilnehmen, es durfte aber keiner wissen. Erst im dritten Jahr wurde es offiziell, dass ich es weitermache. Ab dem vierten Jahr haben sie dann gesagt: "Wir würden es dir auch bezahlen." (lacht) Was mir in dem Fall aber völlig unwichtig war, denn mir ging es um die Sache, und ich wurde ja auch als Schauspieler bezahlt. Wir haben 100 bis 120 Arbeitstage nur für die Entwicklung der Bücher verbracht, teilweise parallel zu den Dreharbeiten. So ist es jetzt auch wieder.

teleschau: Das heißt, Sie haben inzwischen einen Nebenberuf als Autor?

Duryn: Ich bin Autor. Ich schreibe Theaterstücke und Drehbücher. Inzwischen bin ich auch Headwriter für den "Dünentod – Ein Nordsee-Krimi". Das hat sich alles aufgrund der Investitionen entwickelt, die ich zuvor getätigt habe. Das ist in Deutschland unüblich, deswegen hat es auch so lange gedauert.

"Ein großes Vorbild für mich war meine Mutter"

teleschau: Inwiefern flossen Ihre eigenen Erfahrungen als Schüler und Lehrerkind in Ihre Gestaltung der Figur Stefan Vollmer ein?

Duryn: Ich glaube, ein Teil deiner Biografie fließt immer mit ein, aber du kannst nicht deine eigenen Erfahrungen eins zu eins in einem Film verwursten. Du musst kombinieren, was du siehst, und was du aus den Geschichten anderer erfährst.

teleschau: Stefan Vollmer ist also nicht das Porträt eines Ihrer ehemaligen Lehrer?

Duryn: Es gibt natürlich solche Lehrer wie Stefan Vollmer. Ein großes Vorbild für mich war meine Mutter. Sie war eins zu eins Stefan Vollmer, also Stefanie Vollmer könnte man sagen. Während man heute wegen der sogenannten "Problemschüler" große Konferenzen macht, ist meine Mutter einfach auf diejenigen zugegangen, die gezeigt haben, dass sie irgendein großes Problem haben, das sie selbst nicht artikulieren können. Bei meiner Mutter haben diese Schüler immer drei Chancen bekommen. Jeder von denen war an Nachmittagen bei uns zu Hause. Meine Mutter hat ihnen Nachhilfe gegeben, sie hat mit ihren Eltern gesprochen. Sie war ein 24-Stunden-Lehrer-Mensch. Aber im Gegensatz zum Vollmer hat sie dafür einen hohen Preis bezahlt: Alle vier Wochen hatte sie einen Migräne-Anfall, und sie hat an der Schule keine Karriere gemacht, weil sie das System zu oft ausgehebelt hat. Leider ist meine Mutter vor ein paar Jahren verstorben. Aber sie war eine grandiose Frau!

teleschau: In einer idealen Welt sollte so eigentlich jede Lehrkraft sein ...

Duryn: Nee, finde ich nicht. Meine Mutter war einfach so, aber jeder Mensch ist nun mal anders. Jede Lehrkraft hat auch eine andere Methodik und Didaktik. Während der Dreharbeiten habe ich viele Lehrkräfte kennengelernt, bei denen ich mir dachte: "Wow! Die Art und Weise, die Schülerinnen und Schüler abzuholen, ist auch cool!" Ich sag mal so: Welche Busfahrerin oder welcher Mechatroniker legt so eine Aufopferung an den Tag, wie wir sie von Lehrern erwarten?

teleschau: Wie sieht das Idealbild eines Lehrers für Sie im Jahr 2026 aus?

Duryn: Authentizität ist wichtig. Ein guter Lehrer muss sehen, dass unser Lehrsystem ungesund ist und eine 200-jährige habsburgische Tradition hat, die er als einzelner Lehrer in seinem Klassenverband zwingend auflösen muss. Dabei darf er aber nicht seine eigene Persönlichkeit verlieren. Wenn ein Lehrer aufgeregt ist, dann ist er aufgeregt, dann teilt er das mit und gibt seinen Schülerinnen und Schülern gleichzeitig die Erlaubnis, dass sie es auch sind. Ein guter Lehrer darf auch keine Angst davor haben, sich Hilfe zu holen, wenn seine Klasse wirklich aus dem Ruder läuft. Es gibt Konstellationen in Klassen, die katastrophal sind. Denen kannst du nicht Herr werden.

"Endlich darf ich wieder einen 'Inga Lindström' machen"

teleschau: Vor ein paar Jahren beklagten Sie in einem Interview, dass Sie viel zu selten in Ihrer Heimat Leipzig drehen dürften. "Der Lehrer" spielt nun in Leipzig. Ist das eine Erleichterung?

Duryn: Es ist keine Erleichterung! Was mich immer wieder erstaunt hat, ist die Tatsache, dass der MDR oder die Produktionsfirmen, die in Leipzig drehen, null Interesse an mir als Schauspieler hatten. Den Grund dafür habe ich erst hinterher mitbekommen: Wenn jemand viel bei RTL macht, dann sagt man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern schnell: "Ach, das ist ein RTL-Gesicht. Das können wir nicht besetzen." Dann wirst du de facto von diesem Teil des Arbeitsmarktes ferngehalten. In meinem Fall gab es ein paar Ausnahmen, als Produktionsfirmen sich durchgesetzt haben und mich vereinzelt trotzdem besetzten. 2006 durfte ich meinen ersten "Inga Lindström" drehen. Damals hatte mir jemand zugetraut, die Hauptrolle zu spielen. Ich spielte dann noch 2009 und 2015 in der Reihe mit. Und jetzt endlich, 20 Jahre nach meinem ersten Lindström-Film, darf ich wieder einen "Inga Lindström" machen! Ich habe dafür gebettelt: "Bitte fragt mal nach, ob wenigstens die mich mal in den Cast aufnehmen wollen!" Und wir stießen da sofort auf offene Türen. Ich hab dann gesagt: "Okay, aber nur unter Vorbehalt. Nur wenn das Buch nicht ein einziges Klischee ist." Aber das Buch ist super! Ich freu mich sehr auf die Dreharbeiten. Aber ich schweife ab ... Was war nochmal die Frage?

teleschau: Wie es ist, in der Heimat zu drehen?

Duryn: Im Fall von "Der Lehrer" ist das nicht so günstig. Die Figur ist sehr intensiv, und der Arbeitsaufwand als Showrunner ist krass. Das hatte bei mir die Konsequenz, dass ich oft mit dem Doppel-Vollmer und dem Doppel-Hendrik nach Hause kam. Das ist wie ein Vulkanausbruch. Das willst du nicht haben! Deswegen hatte ich mit meiner Familie eine Vereinbarung: Wenn ich merke, dass ich zu energiegeladen bin, dann lauf ich erst mal eine Runde um den Block oder mache irgendwas, das als Puffer funktioniert, damit die Kinder nicht so eine Dampfwalze abkriegen.

teleschau: Wie leicht fällt es Ihnen, nach einem Dreh abzuschalten?

Duryn: Normalerweise ganz leicht! Sobald die Kinder irgendwas wollen oder meine Frau sagt: "Ich bräuchte das und das", schalte ich sehr schnell vom Schreiben auf Familienleben um, vor allem wenn es um den "Lehrer" geht. Beim "Dünentod" ist das schwieriger: Da habe ich mit Psychopathen als Figuren zu tun. Da verspür' ich oft so eine latente Aggressivität, weil ich die Figuren nicht mag, mich aber mit denen auseinandersetzen muss.

teleschau: Auf Instagram verrieten Sie bereits zwischen den Zeilen, dass "Der Lehrer" fortgesetzt wird. Gibt es schon konkrete Ideen?

Duryn: Ich kann das ja nicht bestimmen, ob "Der Lehrer" weitergeht. Ich kann immer nur sagen, dass ich bereits jetzt sehr viel in Sachen investiere, die vielleicht in zwei oder drei Jahren passieren werden.

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