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100. Geburtstag: Salvador Dalí

Ein Genie? Ein Verrückter? Ein Faschist? Offenbar alles zusammen. Salvador Dalí, der am 11. Mai 100 Jahre alt geworden wäre, gehört immer noch zu den berühmtesten Künstlern unserer Zeit.

Von Harald Willenbrock und Werner Bokelberg (Fotos)

Für Unsterbliche gelten bekanntlich keine irdischen Gesetze, und doch müssen selbst Halbgötter sich einigen Regeln unterwerfen. "Jeden Morgen Punkt sechs wacht Dalí auf und macht sein Pipi", verkündet der Mann, der von sich selbst nur als "Genie" und meist in der dritten Person spricht. "Dieser Pipi-Moment kurz nach dem letzten Traum der Nacht ist göttlich: Ich sehe die Dinge in unerbittlicher Helle." Aufs allmorgendliche Wasserlassen des Provokateurs und künstlerischen Großverdieners folgt das rituelle Trimmen des genieeigenen Schnurrbarts. Das gute Stück wird mit einer Spezialmischung aus Wachs, ein bisschen Farbe ("denn Dalís Bart wird grau") und Exkrementen von Dalís zahmem Ozelot in Form gezwirbelt, bis seine Spitzen gen Himmel weisen wie die Hörner eines angriffsbereiten Stiers.

Dann ist das Genie bereit für den Tag. Als Salvador Dalí an diesem Morgen im Sommer 1965 aus seinem Haus an der spanischen Costa Brava tritt, schraubt sich gerade ein verstaubter Kleinwagen die Küstenstraße nach Port Lligat herunter. Am Steuer sitzt der stern-Fotograf Werner Bokelberg, bei ihm sind der stern-Reporter Walther Schünemann und die 20-jährige Schauspielerin Lotte Tarp, eine Art dänische Brigitte Bardot, die auf Wunsch Dalís mit von der Partie ist.

Wochen zuvor hatte Bokelberg den Exzentriker im Pariser Hotel "Meurice" getroffen und um eine Fotoaudienz gebeten. Dalí schlug "sofort zwei Alternativen vor: Entweder könne er jetzt gleich in irgendeiner Boutique an den Champs-Elysées einen Ladendiebstahl begehen, bei dem ich ihn mit meiner Kamera begleiten dürfte", erinnert sich Bokelberg. "Oder wir dürften ihn später in Port Lligat besuchen und dort alles fotografieren, was wir zu fotografieren wünschten. Einzige Bedingung: Wir müssten ein hübsches Model mitbringen, an dem sich seine Inspiration entzünden könne." Das Anwesen, direkt an der Küste gelegen, steckt voller Nashornköpfe und Michelin-Männchen, ein ausgestopfter Eisbär dient als Lampenständer. Hinterm Haus ein Swimmingpool in Form eines Penis.

"Monsieur Bokelberg besucht mich mit Mademoiselle Ginesta in Port Lligat, um Dalís Magie auszubeuten", wird Dalí später notieren. "Monsieur Bokelberg hat Glück: An Ginestas hinreißenden Hüftknochen entzündet sich meine Magie augenblicklich. Für acht Tage befindet sich das Zentrum des Universums in den Hüftknochen des Mädchens." "Ginesta Ophelia" ist der Kunstname, den Dalí der blonden Dänin schon bei der Begrüßung verleiht.

Die beiden Reporter aber schickt er sofort wieder los: Für sein erstes Happening benötige er zwei bis drei Zentner weiße Bohnen. Stundenlang kurven Bokelberg und Schünemann durchs spanische Hinterland, bis sie so viel Hülsenfrüchte zusammengekauft haben, dass sich die Hinterachse biegt. Als sie ins Dorf zurückkehren, kommt ihnen Dalí an der Spitze einer seltsamen Prozession entgegen: Auf dem Kopf trägt der Maler eine wirre Beatles-Perücke, an der Hand führt er am diamantenbesetzten Cartier-Halsband Lotte, die nackt auf allen vieren die Dorfstraße entlangkriecht. Hinter ihnen schreiten Captain Moore, Dalís "militärischer Berater", zwei Beamte der Guardia Civil, der Bürgermeister und schließlich das halbe Dorf.

"Jeder andere wäre für eine solche Aktion sofort ins Gefängnis gesteckt worden", wundert sich Bokelberg noch heute. "Dalí aber genoss im erzkatholischen Franco-Spanien völlige Narrenfreiheit" - eine Freiheit, die sich der Künstler durch Liebesbeweise an das faschistische Regime erkauft. Den großen Barockmaler Diego Velazquez und Franco nennt er "die beiden Genies unseres Volkes", und als der Generalissimo 1975 fünf Terroristen zum Tode verurteilen lässt, schickt Dalí ihm ein Glückwunschtelegramm. Als Dank für die Ergebenheit wird die komplette Bucht um das Haus in Port Lligat unter Naturschutz gestellt.

Dalís Ruhm tut der hemmungslose Opportunismus keinen Abbruch, im Gegenteil: Er gibt der Kunstwelt, was sie will, und nimmt mit vollen Händen, was er kriegen kann. Motto: "Meine besten Tage sind solche, an denen ich zwischen Erwachen und Frühstück 10.000 Dollar für eine Platte verdiene." Übertroffen wird seine Geldsucht nur noch vom Geschäftssinn seiner Gefährten. Anfang der Achtziger überlässt er Captain Moore ein Paket mit 35.500 Bögen Papier, die bis auf die Signatur Dalís völlig leer sind - kein Einzelfall im Schaffen des großen Manipulateurs, der gern andere für sich arbeiten ließ. Experten gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent der auf dem Markt befindlichen Dalí-Grafiken alles Mögliche zeigen, nur keinen Strich von des Meisters Hand.

An diesem Tag aber kümmert sich Dalí um jedes Detail. Er dirigiert Fotografen und Model, Dorfpolizisten und Bürgermeister zu einer Baugrube unweit des Hauses, wo er seinen Ozelot und die gut gelaunte Lotte am Fuß der Grube ankettet und aus einer Schale Milch schlabbern lässt. Er selbst kauert am Rand der Grube und beginnt, die weißen Bohnen über den beiden auszuschütten. "Sexuelle Besessenheit ist Voraussetzung für jedes künstlerische Schaffen", erklärt er später, "alle seine erotischen Fantasien sublimiert Dalí in wunderbaren Werken."

Durchgeknallt? Durchtrieben? "Ich bin nicht nur Provokateur von Berufs wegen, sondern auch aus Veranlagung", bekennt er einmal. "Wichtig ist vor allem, dass das Publikum nicht unterscheiden kann, ob ich Spaß mache oder es ernst meine. Es ist sogar unwichtig, ob ich es selbst weiß." Morgen für Morgen finden Fotograf, Model und Autor sich vor dem Hause des Meisters ein, um seine neuesten Ein- und Ausfälle zu inszenieren. Jeder Arbeitstag endet gegen 17 Uhr mit einer Blauen Stunde, in der Maler und Model sich zurückziehen.

Über den Inhalt dieser "Malstunden" vereinbaren beide Stillschweigen; bekannt ist jedoch, dass der "große Masturbator" (Dalí über Dalí) völlig enthaltsam lebte. Schließlich besäßen "Menschen, die leicht kacken und sich an jeder Straßenecke hingeben, notgedrungen eine stark verminderte schöpferische Potenz."

Gattin Gala bleibt dem Spektakel im Hause ohnehin weitgehend fern. Die machtbewusste Muse und Managerin des Malers lässt sich jeden Morgen von einem stattlichen jungen Spanier abholen und in die Bucht hinausrudern, um erst abends zurückzukehren.

So vergehen die Tage in Port Lligat mit grotesken Inszenierungen, Blauen Stunden und gemeinsamen Abendessen, bei denen Dalí vor den Gästen seine Philosophie ausbreitet. Die ist nach Erinnerung Bokelbergs "total zynisch, es drehte sich bei ihm nur noch um Hundekacke, Dalí-Pipi und Geld". In der Rolle des Provokateurs und Exzentrikers aber geht der Künstler völlig auf. "Es gab nicht den zweiten Dalí, der hinter verschlossenen Türen die Maske abnimmt und plötzlich ein völlig normaler Mann mittleren Alters ist", sagt Bokelberg. "Er war genau so, wie er auf den Bildern zu sehen ist. Und das fand ich ziemlich beeindruckend."

Ähnlich geht es offenbar auch Lotte Tarp: Selten, erinnert sich Bokelberg, habe er jemanden so weinen sehen wie das Model beim Abschied in Port Lligat. "Ich hätte gedacht, dass Lotte von den grotesken Spielereien langsam die Nase voll hätte. Das Gegenteil war der Fall: Sie wollte unbedingt dableiben."

Wochen später wählt Dalí aus Bokelbergs Kontaktabzügen höchstpersönlich die besten Fotos aus, montiert und retuschiert sie, übermalt einige und setzt sie schließlich zu einem Bildband zusammen.

Im Vorwort kündigt das Genie sein nächstes großes Projekt an: die Vollendung der eigenen Unsterblichkeit. "Ich stehe im Kontakt mit Wissenschaftlern aus aller Welt, die an der Möglichkeit arbeiten, den menschlichen Körper durch Einfrieren zu konservieren. Dalí wird der erste Mensch sein, der dank einer dieser Methoden seine Zeit überlebt und neue Zeit gewinnen wird, noch zehn Millionen Dinge zu verwirklichen." So weit kommt es nicht. 1984 verliert Dalí in der Hitze eines Zimmerbrandes beinahe sein Leben. Mit schlimmen Brandnarben, umgeben von korrupten Beratern und gebrochen durch den Tod der Gefährtin Gala, stirbt er fünf Jahre später in Figueras.

Lotte Tarps Karriere begann mit dem Happening. Sie spielte in mehr als zwei Dutzend Kinofilmen und Fernsehserien mit, wurde zu einer der bekanntesten Schauspielerinnen Dänemarks. Eines Tages steht sie bei einer Dalí-Ausstellung im Louisiana-Museum plötzlich sich selbst gegenüber: Dalí hat sie mit gefalteten Händen und einem Glorienschein über dem Kopf engelsgleich verewigt. "Die Zeit in Port Lligat war für Lotte eine magische Erfahrung", sagt Niels Jorgen Steen, ihr Ehemann. "Sie war fasziniert von Dalí - ganz so, wie er eine Zeit lang von ihr fasziniert war. Andererseits war es aber auch nur eine seltsame Episode in ihrem Leben voller seltsamer Episoden."

Mit 53 Jahren schrieb sie ein erfolgreiches Buch über ihre Kindheit als Tochter eines deutschen Besatzungssoldaten, vier Jahre später starb sie an Krebs. Werner Bokelberg verließ später den stern und wurde ein weltweit renommierter Mode- und Werbefotograf. Seitdem stehen die interessantesten Menschen und die teuersten Models vor seiner Kamera, doch ein Charakter wie Dalí ist ihm nie wieder begegnet. "Geniale Grenzgänger wie er, die ihr Leben ohne Rücksicht auf Verluste auskosten", sagt Bokelberg, "die gibt es heutzutage einfach nicht mehr."

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