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Interview mit einer Domina: "Klein anfangen und der Neugierde freien Lauf lassen"

Für Violetta Stahl ist BDSM nicht nur eine Neigung - sie lebt davon. Im Interview erzählt sie, wie sie in die Szene gelangt ist - und was sie interessierten Paaren rät.

Violetta Stahl ist Domina und Domina-Ausbilderin in Berlin

Violetta Stahl ist Domina und Domina-Ausbilderin in Berlin

Frau Stahl, wie sind Sie auf BDSM gekommen?
So komisch das vielleicht klingt: Heute weiß ich, dass irgendwas schon immer in mir geschlummert hat. Als Teenie hatte ich bereits vage Fantasien, hatte dafür aber noch keinen Namen. Dass das eine BDSM-Neigung ist, war mir damals noch nicht klar. Irgendwann gegen Mitte der 90er bin ich dann im Internet eher zufällig auf einen entsprechenden Chat-Room gestoßen. Dort habe ich mich die ganze Nacht mit anderen ausgetauscht und wenige Tage später habe ich meinen ersten SM-Stammtisch besucht.

Und wann haben Sie entschieden, beruflich als Domina zu arbeiten?


Auch das hat sich eher zufällig ergeben. Ich bin mit einer Freundin auf der Suche nach einem Party-Outfit gewesen. Statt in einer erotischen Boutique sind wir in einem Domina-Studio gelandet, wo es auch Outfits und Toys zu kaufen gab. Ich war ganz neugierig und so fasziniert von dem Ambiente, dass ich irgendwann ganz frech gefragt habe, ob ich dort mal reinschnuppern darf. Daraus ist dann schnell mein erster Tag als Domina geworden.

Wie war der erste Kunde?


Das war natürlich total spannend! Ich war sehr aufgeregt und natürlich auch angespannt, weil ich sehr hohe Erwartungen an mich hatte. Aber dazu habe ich auch gestanden und ihm gesagt: "Das ist für mich das erste Mal." Also quasi Neuland. Ganz BDSM-unerfahren war ich ja nicht. Aber ich habe erstmal nur Sachen gemacht, mit denen ich Erfahrung hatte und mit denen ich mich auskannte.

Inzwischen geben Sie Workshops und unterrichten Dominas. Um welche Themen geht es dort?
Hier muss man unterscheiden zwischen den Workshops für das private Ausleben und der Domina-Ausbildung für berufliche Zwecke. Bei beiden geht es um die weibliche Dominanz. Um Fragen, wie man Zugang zur bizarren Welt bekommt. Wie man seine Neigung ausleben möchte. Welche Spielarten es gibt und welche Toys einen erhöhten Lustgewinn schaffen können. Ich möchte dabei jeder Teilnehmerin meiner Workshops und Ausbildungsseminare die Gelegenheit geben, die persönlichen Vorlieben in Ruhe kennenzulernen. Bei den Veranstaltungen gilt: Safety first! BDSM ist eine vielschichtige, intensive und sinnliche Form des erotischen Erlebens. Schmerzen im Rahmen des Spiels setzen aber auch Kenntnis der Spielarten, das Wissen um neuralgische Punkte, aber vor allem Vertrauen in den Partner voraus. Das ist wichtig, damit es ein für beide sinnliches Erlebnis wird.

Gibt es eine Grundausstattung, die man sich zulegen sollte?


Das hängt ein bisschen von der bevorzugten Spielart und dem damit häufig verbundenen Fetisch ab. Für einen Latex- oder Leder-Fetisch sind natürlich die entsprechenden Outfits erforderlich. Aber ein Fuß-, Nylon-, High-Heels-Fetisch o.ä. lässt sich schon einfacher mit Vorhandenem ausleben. Mit einem schönen Seidenschal kann man beispielsweise die Augen verbinden. Auch lässt sich vieles aus dem Haushalt verwenden: Der Kochlöffel, die Teelichter, die Frischhaltefolie. Es müssen nicht immer teure Toys aus dem SM-Shop sein. Ganz normale Holzwäscheklammern gehen auch. Wenn man dann mal mit einem anderen Blick durch den Ikea oder durch den Baumarkt geht, entdeckt man eine Menge Sachen, mit denen man spielen kann. Wichtig ist aber, dass immer darauf geachtet wird, ob es wirklich BDSM-geeignet ist. Wäscheleinen sind zum Beispiel gar nichts für Bondage. Ich bevorzuge Baumwoll- oder Hanfseile, mit denen man wundervoll, vielseitig und sicher fesseln kann.

Ist BDSM eigentlich ein teurer Zeitvertreib?


Man kann viel Geld - richtig viel Geld - für Outfits und Spielzeug ausgeben. Wie gesagt, es hängt immer auch von der Spielart und dem Fetisch ab. Auch bei BDSM sind preislich nach oben natürlich keine Grenzen gesetzt. Wie sinnlich und erfüllend eine Neigung ausgelebt werden kann, ist aber sicher keine Frage der Größe des Portemonnaies. Das ist kein Luxusvergnügen. Ich kann beispielsweise eine schöne Gerte für 10 Euro im Reitladen kaufen. Es muss nicht die für 350 Euro von Agent Provocateur sein.

Ist BDSM für Sie auch eine Lebensform?


Für mich persönlich nicht. Ich hatte aber mal eine 24/7-Fantasie...

... das ist eine Beziehung, in der man Rollen devot / dominant 24 Stunden am Tag lebt...


... genau! Das haben mein Partner und ich damals im Alltag auch ausprobiert. Es war eine spannende Erfahrung, aber für uns passte es einfach nicht. Meine dominante Seite ist Teil meines Lebens und wesentlicher Bestandteil meines Berufes. Privat lebe ich aber BDSM mit meinem Partner als bizarre Ergänzung unserer normalen Beziehung aus. Einer Beziehung mit besonderen Kicks.

Was raten Sie BDSM-Anfängern für den Einstieg?
Wen das Thema reizt und wer neugierig ist, mehr zu erfahren, hat heute unzählige Möglichkeiten. Internetforen, Communities, aber auch Stammtische, Play-Parties in intimer Atmosphäre bieten sich an, Menschen mit ähnlichen Neigungen kennenzulernen. Das wichtigste ist, über seine Fantasie zu reden. Man kann diese auch für den Partner aufschreiben, wenn es einem schwerfällt, es auszusprechen. In Schriftform fällt es häufig einfacher, sich zu offenbaren. Was man sich immer bewusst machen muss, ist, dass SM zu großen Teilen Kommunikation ist. Einfach miteinander in die Kiste zu springen kann man, auch ohne zu reden. Aber im Spiel mit der Dominanz gehören das Mitteilen, das Reden, sich Feedback einholen und Feedback geben, das Ausloten von Grenzen zum Lernprozess. Jeder fängt irgendwo an, lernt von Spiel zu Spiel, erfährt jedes Mal mehr über sich und seine eigenen Sehnsüchte. Aber auch über die des Partners. BDSM ist solch ein vielschichtiges und aufregendes Spielfeld für Rollenspiele mit unterschiedlichsten Optionen. Man kann und sollte klein anfangen, sich fallenlassen und der Neugierde freien Lauf lassen.

Was muss eine gute Nachwuchs-Domina können? Welche Themen werden im Kurs behandelt?


Es ist eigentlich weniger die Frage, was eine Nachwuchs-Domina können muss, als vielmehr, was sie haben muss: Neugierde, in die bizarre Welt einzutauchen. Lust, mit Menschen zu kommunizieren. Spaß daran, die Leidenschaft auszuleben und andere lustvoll zu dominieren. Das sind schon gute Voraussetzungen. Generell besuchen Frauen meine Workshops und Ausbildungsseminare, die eben genau das mitbringen und jetzt mehr als nur reinschnuppern wollen. Wir beginnen mit ein paar Bondage- bzw. Fesseltechniken und kommen dann auch zu den Spezial-Themen wie Klinik, Fetische o.ä.. Ich erzähle gerne auch ausführlich aus meinem Berufsleben, um einen Eindruck zu vermitteln, was auf eine Domina zukommen kann.

Können Sie ein Beispiel nennen für eine eher exotische Begegnung?


Besonders exotisch sind sicherlich Latex- und Heavy-Rubber-Spiele, wenn die Outfits den Körper vollständig einschließen. Das hauchzarte Gummi überall auf der Haut - wie eine zweite Haut - zu spüren, ist für manche alleine schon sehr erregend. Dazu kommt, dass das hochglänzende, nahezu perfekt glatte, den Körper umschmeichelnde Material völlig surreal aussieht. In Kombination mit Masken, Plateaustiefeln, Korsetts und auch Gasmasken hat diese Exotik fast etwas Alien-ähnliches. Sessions dieser Art bieten Facetten des BDSM ganz anderer Art, wie zum Beispiel Atemreduktion. Aber auch die Verbindung mit Klinikspielen ist nicht ungewöhnlich. Latex-Fetischisten lieben eher das Spiel mit dem Material und ziehen daraus den erotischen Reiz. Rubberdolls stehen dafür meistens weniger auf Schmerzen und Erniedrigung.

Und solche Wünsche klärt man dann mit dem Kunden im Vorgespräch?


Ja, unbedingt! Das gilt aber auch für den privaten Bereich.

So detailliert wie möglich?


So detailliert wie möglich, so umfangreich wie nötig. Es ist wichtig, den Rahmen des Spiels im Vorfeld gemeinsam auszuloten. Es ist immer so, dass man die Balance zwischen Neugierde und berechtigten Berührungsängsten klar definiert. Jeder hat andere Vorlieben, Neigungen und Tabus. Das Vorgespräch ist daher sehr wichtig. Für viele besteht der Reiz aber auch gerade darin, im Spiel überrascht zu werden. Insofern haben Sessions eine gewisse Eigendynamik. Im Spiel sollte man sich dann auch immer ein Feedback einholen, miteinander kommunizieren, damit für beide eine Atmosphäre des Vertrauens sichergestellt ist.

Interview: Andrea Ritter
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