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Beratung: "Gefühle zeigen"

Wie gehen wir mit Krankheit und Abhängigkeit besser um? Tipps von Suchtexpertin Ingrid Arent-Greiving und Paartherapeut Hans Jellouschek

Martha, 33, und Fred, 36, sind vor zwei Jahren zusammengezogen. Kurze Zeit später wurde bei ihr ein Herzfehler entdeckt, seitdem wartet sie auf ein Spenderorgan für die Transplantation. Fred meidet es, mit ihr darüber zu sprechen, vergräbt sich in Arbeit.

Männer wie Fred, die stark an Arbeit und Leistung orientiert sind, tun sich oft schwer, die Gefühle mit der Partnerin zu teilen, zu trösten und Mut zu machen. Das aber ist in einer solchen Situation wichtiger, als für alles Äußere zu sorgen. Denn so entsteht ein "emotionales Bündnis" der Partner gegen die Krankheit. Und das braucht der Erkrankte in einer solchen Situation vom Partner vor allem anderen. Wenn das gelingt, kann die Krankheit für die Paarbeziehung sogar eine Chance sein: Die beiden begegnen sich in dieser bedrohten Situation tiefer, erleben mehr Innigkeit und Nähe als vielleicht jemals zuvor.

Bastian, 28, ist HIV-positiv. Er will sich von Birte, 29, trennen. Er wolle ihr das Leben nicht verbauen. Sie sagt, sie liebe ihn trotz seiner folgenschweren Affäre. Bastian wirkt hilf- und mutlos. Er fragt sich ständig, warum gerade er infiziert wurde.

Die Frage ist zwar verständlich, aber sie hilft am allerwenigsten weiter und blockiert nur die Handlungsenergie. Erstens ist es wichtig, dass sich beide darüber austauschen, wie es überhaupt zu dieser Infektion kommen konnte. Zweitens steht nicht Rückzug aus der Beziehung an, vor allem, wenn die Partnerin wie Birte von sich aus bereit ist, die Beziehung fortzusetzen. Es gibt heute schon wirksame Methoden, wie man die Begleiterscheinungen der Infektion eindämmen und den Partner weitgehend vor der Weitergabe der Viren schützen kann. Auch bei der Zeugung von Kindern gibt es Möglichkeiten, die Infektionsgefahr zu minimieren. Die Beziehung aus Verzweiflung abzubrechen ist zwar verständlich, aber verschlimmert nur die Situation. Die richtigen Fragen lauten: Wie können wir einigermaßen gut mit dieser Krankheit leben?

Gaby, 33, ist an Leukämie erkrankt. Vor einem halben Jahr wurde ihr Knochenmark transplantiert, dann kam die Chemotherapie.

Die erfolgreiche Geschäftsfrau tut sich schwer, ihre Hilflosigkeit gegenüber Ehemann Sven zu zeigen. Schließlich war sie vor der Erkrankung der dominante Teil der Beziehung. Eine Krebserkrankung ist besonders für erfolgsgewohnte Menschen ein schwerer Schlag. Zudem bringt sie häufig das bisherige Beziehungsgefüge durcheinander. Gaby kann ihre bisherige Rolle in der Beziehung nicht mehr spielen. Das mag aber auch eine Chance sein. Dominiert ein Partner ständig, und der andere ordnet sich unter, wird die Beziehung unlebendig, und oft sind beide latent damit sehr unzufrieden. Wenn Gaby ihre Schwachheit und Hilflosigkeit annimmt, ist das für Sven eine wichtige Herausforderung, seinerseits stärker zu werden, die stützende und manchmal führende Rolle in der Beziehung zu übernehmen. So können derartige Schicksalsschläge für die Betroffenen immer auch eine Herausforderung für die Entwicklung bisher nicht gelebter Seiten ihrer Persönlichkeit und ihrer Beziehung werden.

Susanne, 43, ist seit Monaten ihrem Mann gegenüber misstrauisch. Stefan, 45, trinkt neuerdings auf Partys oder im Restaurant deutlich mehr als früher. Auch die Alkoholvorräte zu Hause gehen schneller als gewohnt zur Neige. Spricht Susanne Stefan darauf an, wird er wütend und wechselt das Thema.

Um sich über die eigene Situation klar zu werden, sollte Susanne sich folgende Fragen beantworten: Mache ich mir häufiger Sorgen über sein Trinkverhalten? Verhalte ich mich anders, wenn er trinkt, als ich es sonst tue? Lüge ich für ihn? Führe ich ein Leben nach Wunsch, oder gibt der Alkohol den Ton an? Habe ich Angst, ihn allein zu lassen? Schäme ich mich manchmal, wenn er getrunken hat? Wer mehrere Fragen bejaht, muss nicht nur davon ausgehen, dass der Partner Alkoholprobleme hat, sondern muss bedenken, dass er selbst schon im Sog der Abhängigkeit gefangen ist. Susanne muss Hilfe von außen suchen, nicht für ihren Mann, sondern für sich selbst. Den Zwang, von Abhängigen gebraucht zu werden, bekommen deren Partner meist nicht allein in den Griff. Sie fühlen sich unzulänglich, geben sich für alles die Schuld und glauben, dass sie es nicht besser verdient haben. Die Partner von Abhängigen müssen sich ihre Ohnmacht vor der Droge eingestehen und sollten sich einem Therapeuten anvertrauen.

Karl, 49, hat Bettina, 39, schon unzählige Male versprochen, nichts mehr zu trinken. Er aber trinkt immer mehr - und bleibt morgens immer häufiger im Bett.

Karl weigert sich, mit einem Therapeuten über seine Alkoholsucht zu sprechen. Bettina sollte Karl in einem Brief so eindringlich wie möglich einige konkrete Ereignisse schildern: "Als wir Samstagabend bei meinen Eltern waren, hast du mittags schon angefangen zu trinken. Ich war wütend, traurig und hatte panische Angst, dass du zusammenklappst. Auch jetzt noch dreht sich mir der Magen um, wenn ich daran denke, wie lustig du zunächst warst und meine Eltern dann mit steigendem Pegel immer heftiger beschimpft hast. Ich habe mich so geschämt." Der Brief hilft Bettina, den Ballast aus ihrem Kopf zu bekommen. Im Gegensatz zu Süchtigen können sich deren Partner oft über Jahre an jedes traurige und peinliche Detail erinnern. Bettina sollte Karl sagen, dass es nicht um eine Diskussion oder Versöhnung geht, dass sie ihm lediglich ihre Version der Ereignisse mitteilen will. Dass sie nun verlange, dass er sich an eine Suchtberatungsstelle wendet, dass auch sie sich jetzt Hilfe bei Fachleuten sucht. Auf keinen Fall sollte sie für Karl bei einer Beratungsstelle anrufen, das muss er selbst machen. Sie kann ihn nicht ändern! Sie kann aber sich selbst verändern - das ist ihre und seine Chance. Sie sollte auch mit Freunden über ihr Problem sprechen. Zu schweigen bedeutet, die Sucht zu unterstützen!

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