Täglicher Sex Zur Sache, Schätzchen!

Um die Flaute im ehelichen Bett zu beenden, verordneten sich zwei lang verheiratete Paare täglichen Sex - die einen für 101 Tage, die anderen gleich für ein ganzes Jahr. Der hohe Einsatz zahlte sich aus: Die Partnerschaft fühlt sich besser an denn je.
Von Evelyn Holst

Annie Brown saß gerade im Ehebett in ihrem Haus in Boulder, Colorado, und strickte an einer Kindermütze, die wie eine Aubergine aussehen sollte, als ihr Mann von einer Erotikmesse in Las Vegas zurückkam. Der Journalist hatte sich über die neuesten Trends in Sachen Lust informiert. "Weißt du, was ein 100-Tage-Club ist?", fragte Doug Brown. "Keine Ahnung", antwortete Annie, "was Perverses?"

Das ist gut zwei Jahre her. Doug, 42, und Annie, 41, stuften ihre Ehe seinerzeit als "völlig in Ordnung" ein. Zwei kleine Töchter, zwei Karrieren, viele Ortswechsel. Sie waren gute Alltagspartner, keiner ging fremd oder dachte gar an Scheidung. Aber das, was sich zwischen ihnen in den ersten Jahren heiß und leidenschaftlich angefühlt hatte, war im Laufe der Jahre zur schnellen Nummer vor dem Einschlafen geworden, geschätzte drei- bis viermal im Monat. Weltweiter Durchschnitt, aber von der sexuellen Höchstleistung der Anfangsjahre meilenweit entfernt. So weit, so normal.

Doug berichtete von einem dänischen Messeteilnehmer, der einen Club für erotisch frustrierte Männer gegründet hatte, die seit 100 Tagen keinen Sex mehr hatten. "Kein Wunder", befand Annie, "Kinder, Alltag, Stress im Beruf, wo bleibt da noch Zeit und Lust für die Liebe?" Und strickte weiter an ihrer Auberginenmütze.

"Ich habe eine Idee", sagte sie dann, "warum gründen wir beide nicht unseren eigenen 100-Tage-Club? Nur umgekehrt. 101 Nächte Sex, ohne Pause."

Aus Lust wurde Routine

Klingt interessant? Anstrengend? Schwachsinnig? Auf jeden Fall einen Versuch wert, entschied das Paar. Denn Annie und Doug hatten festgestellt, was fast jeder aus eigener Erfahrung kennt: Leider wandelt sich die Lust der wilden, leidenschaftlichen, unersättlichen Anfangszeit in allerspätestens zwei bis drei Jahren Beziehungsleben zur Routine im immerselben Schlafzimmer mit Ausblick auf die immerselbe Schrankwand. Was daran liege, wie Millionen Sextherapeuten - Profis wie Laien - in seltener Übereinstimmung versichern, dass scharfe Erotik Abstand und Geheimnis brauche. Und ein Partner, dem wir überflüssige Körperhaare entfernen und eine neue Rolle Klopapier durch die Toilettentür reichen, liefert weder noch.

Auch Hausfrau Charla Muller aus Charlotte in North Carolina kennt die Zeichen der Talfahrt der ehelichen Lust. Es war ihr nur allzu vertraut, dieses Hinauszögern der abendlichen Toilette, wenn vom angrenzenden Schlafzimmer aus der Gatte fragt: "Schatz, dauert's noch länger? Ich werd langsam müde!" Dann wurden die Augenbrauen so sorgfältig gezupft, wurde die Körperlotion so lange verrieben, bis er hoffentlich endlich eingeschlafen war. Ein Leichtes, am Morgen zu sagen: "Ich war so in Stimmung, Schatz, schade, dass du so schnell eingeschlafen bist."

Charla war 39 Jahre alt, ihr Mann Brad wurde 40, und sie hatte keine Ahnung, was sie ihm schenken sollte. In ihrem gut betuchten Freundeskreis wird diese Zahl mit teuren Ausrufungszeichen gefeiert - Porsche! Karibikkreuzfahrt! Cartier-Armbanduhr! All das konnten sie sich nicht leisten. Aber etwas Besonderes sollte es trotzdem sein.

"Ich wusste, dass Brad seinen 40. Geburtstag ziemlich fürchtete", sagt Charla, "eine saftige Midlife-Krise drohte. Deshalb wollte ich ihm unbedingt etwas schenken, an das er sich sein Leben lang erinnern würde."

Gutschein für ein Jahr

Und so hatte sie dieselbe Idee wie Annie Brown, nur mehr als dreimal so ehrgeizig - sie schenkte ihrem Mann einen Gutschein für ein ganzes Jahr lang Sex, jede Nacht. Brad fühlte sich allerdings zunächst wie ein Kind, das ein Jahr lang jeden Tag eine Palette Dickmanns essen soll - leicht überfordert.

Der "Sexathon" von Charla und Brad Muller begann im Kinderzimmer ihres Elternhauses. Genau wie Doug und Annie Brown führte das Paar Tagebuch. Während Doug Brown als Journalist von Anfang an ein Buch im Auge hatte, ergab es sich bei Charla Muller eher zufällig. "Wäre das nicht ein kleiner Artikel für eine Frauenzeitung?", fragte sie ihre Freundin Betsy Thorpe, die bei einem Verlag arbeitete. "Das wird ein Buch", sagte die.

Eine Idee, zwei Bücher, die das Thema "Wie hab ich wieder Spaß im Ehebett?" auf amerikanische Art angehen. Do it yourself, lautet die Devise. Schieß dem Einbrecher ins Bein - bis die Polizei endlich kommt, ist der sonst längst über alle Berge. Geh mit dem Klingelbeutel durch die Nachbarschaft und sammle für die Herzoperation deines Kindes - bis die Versicherung zahlt, ist alles zu spät. Und was die tote Hose im Ehebett angeht - es nicht zu tun, beschäftigt dich viel mehr, als es einfach zu tun. Denn egal, ob morgendliches Joggen oder Sex: Der Appetit kommt beim Essen. Und hinterher fragt man sich: "Mensch, warum hab ich das nicht schon viel früher gemacht?"

"Just Do It" heißt deshalb das Buch von Douglas Brown: und zwar "365 Nights", wie Charla Muller in ihrem fordert (Douglas Brown: "Just Do It", Crown Publishers Random House, New York; Charla Muller und Betsy Thorpe: "365 Nights, A Memoir Of Intimacy", Berkley Books, New York).

Dabei steckten die Mullers, fromm und politisch eher konservativ, hauptsächlich den äußeren Rahmen ab: Der Sex musste zwischen 19 und 22 Uhr stattfinden, dann waren die Kinder im Bett, und die Hausfrau war noch nicht zu müde. Ein DVD-Festplattenrekorder wurde aktiviert, damit niemand auf seine Lieblingssendungen verzichten musste. Ansonsten starteten die Mullers ihren Sexmarathon ohne Erfolgsdruck, besonders Charla, die auch drei Quickies hintereinander ohne Höhepunkt nicht schlimm fand: "Manchmal war ich einfach zu müde, der Sex war trotzdem schön. Und Brad hatte danach immer gute Laune." Für sie ist seitdem klar: "Auch mittelmäßiger Sex kann die Ehe verbessern."

Voller Bauch kopuliert nicht gern

Im Gegensatz zu den Mullers bereiteten sich die Browns akribisch vor, verlangten nicht nur einfach Sex, sondern auch gegenseitiges Verlangen. "Ich werde meinen Körper begehrenswerter machen und mehr Sport treiben", versprach Doug. Beide gingen zum Yoga und erreichten eine Beweglichkeit, die sich im Bett als durchaus lustfördernd erwies. Sie deckten sich in einem Sexshop ein, stärkten ihre Beckenbodenmuskeln mit Kegelübungen, aßen abends nur noch leicht, voller Bauch kopuliert nicht gern. "Und wir tranken jede Menge Espresso, um wach zu bleiben", sagt Doug. Beide Paare mühten sich, ihre bis dahin lustfreien Schlafzimmer zu erotisieren. Fernseher wurden entfernt oder verhängt, die Browns entsorgten sogar alle Familienbilder. "Damit uns beim Sex niemand zuguckt", erklärt Annie.

Das Fazit der vier: Sex macht auch Spaß, wenn man müde und kränklich ist oder an die nächste Steuerprüfung denkt. "Egal, was vorher los war, hinterher hab ich mich immer besser gefühlt", sagt Charla. "Und hatte zusätzlich einen Mann, der mir gern die Wasserkästen ins Haus geschleppt hat."

Regelmäßiger Sex, egal wie kurz, egal wie mittelmäßig, zahlt sich aus, davon sind beide Paare überzeugt. Er muss natürlich von beiden gewollt und vorher verabredet werden, denn wer auf spontane, gar romantische Momente wartet, wird alt und grau dabei. Also - ran an den Sex! Als zusätzlicher Bonus entsteht eine neue Nähe zwischen den Partnern, man fasst sich öfter an, reißt sich auch tagsüber mehr zusammen, lässt sich nicht so gehen. Nachdem sie das Ziel erreicht hatten, legten die Mullers und die Browns erst mal eine wochenlange Sexpause ein. Seitdem liegen beide im oberen Durchschnitt der Sex-Häufigkeit und drehen gerade die Talkshowrunde durchs amerikanische Fernsehen. Allen Paaren, die ihr Sexualleben verbessern wollen, schlagen sie einfach eine Verdoppelung der bisherigen Frequenz vor. "Und nach sechs Monaten noch mal", sagt Doug, der an seinem Sex-Experiment eines ganz besonders geschätzt hat: "So einen flachen Bauch hatte ich nie wieder."

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