UNREDIGIERT: Pornosucht Sex aus der DSL-Dose


Eine Gruppe junger Männer gerät immer tiefer ins Rotlicht-Netz, sammelt Clips und Bilder, onaniert zwanghaft und verliert vor lauter virtuellem Sex den Kontakt zu echten Menschen. Steuern wir langfristig auf eine "Masturbationsgesellschaft" zu?

Er hatte sich das alles genau vorgestellt, er hatte es auch schon so oft gesehen. Jetzt schrieb er es auf, zwängte seine Fantasien in das kleine Chat-Fenster. Und die Frau am anderen Computer schien den Frauen ähnlich, die sonst auf seinem Bildschirm erschienen. Die selten lange etwas anhatten. Die dann oft knieten, vor einem Mann. Oder auf und ab hüpften, auf einem drauf. Die ganz hoch quietschten, rhythmisch. Die am Ende wieder knieten, Sperma im Gesicht. Diese Frau schien wie all die anderen Frauen. Sie schrieb so wie die anderen stöhnten. Sie war ihm dadurch seltsam vertraut. Also traf er sie, um das zu tun, wobei er bisher immer zugesehen hatte. Aber es ging nicht. Alles war plötzlich zu anders. Sie war nicht wie diese Frauen. Er war nicht wie diese Männer.

Es kann so ein Moment gewesen sein, der ihn dann in die Altbauwohnung mit dem Caritas-Schild an der Tür in Berlin-Kreuzberg gebracht hat. Vielleicht hatte er auch wieder so lange vorm Rechner onaniert, bis es eigentlich nicht mehr ging, bis er wund war und alles nur noch schmerzte, aber er konnte nicht aufhören, nicht von selber. Oder es war in einem Augenblick, als er wieder einmal dachte, das perfekte Bild gefunden zu haben, nachdem er aus dem Netz tausende auf seiner Festplatte zusammengehortet hatte und dann merkte, dass es auch dieses Foto wieder nicht war, dieser Clip. Wirklich löschen? Ja. Alles. Mag sein, er ist raus gegangen in die Stadt, wo die Brüste ihm von den Plakatwänden entgegenwuchsen und sein Blick sich an die Frauen heftete, er konnte ihn da nicht wegreißen. Er kriegte die Bilder im Kopf nicht gelöscht. Error. Es fühlte sich an wie ein ganz schwerer Systemfehler. Aber er lief weiter.

Sie können das Verlangen einfach nicht unterdrücken

Vielleicht war es so, vielleicht auch ein bisschen anders. Die Leute leiden, wenn sie zu Jannis Wlachojiannis kommen. Sie leiden so sehr, dass sie sich auf den Weg machen und ihm diese Geschichten erzählen. Es koste sie eine ungeheure Überwindung, sagt Wlachojiannis. Es falle ihnen unglaublich schwer, über all das zu reden, obwohl der Sex, die Brüste, die Hintern, so allgegenwärtig sind. Pornosucht. Internetsexsucht, sagt Wlachojiannis. Sexsucht, die im Internet ausgelebt wird. Dem Familienbericht der Bundesregierung zufolge sind 250.000 Deutsche süchtig nach Pornos oder Sex. "Häufig berichten die Betroffenen, die wir beraten, dass sie kaum wirklichen Sex haben", stellt Wlachojiannis fest. Sie sehen alles und erleben wenig. "Viele ekeln sich vor sich selber", sagt er, "weil sie das Verlangen einfach nicht unterdrücken können."

Jannis Wlachojiannis hat einen Schal um den Hals, eine Hornbrille auf der Nase und einen assymetrischen Pony über der Stirn. Er ist 27 Jahre alt, Sozialpädagoge. Am Anfang gibt er den Leuten fest die Hand und sagt seinen Vornamen. Es läuft alles anonym und mit Schweigepflicht. Ein sehr, sehr großes Tabuthema, sagt Wlachojiannis.

Auf der Homepage, auf den Flyern ihrer Caritas-Beratungsstelle fehlen die Worte Porno und Sex. Da ist von Computerspielabhängigkeit, von Internetsucht die Rede. Trotzdem kommen die Leute.

In Deutschland scheinen die Beratungsstellen und Therapieangebote ganz langsam mit dem Bedarf zu wachsen. Es sei alles noch sehr inselartig, sagt Günter Mazur, der

in Nordfriesland eine Fachklinik betreibt – auch dort ist vor allem von Glücksspielsucht die Rede. Auch dort zählen Pornosüchtige zu den Klienten. Er hat in den vergangen drei Jahren 70 beraten. Mazur unterscheidet zwei Gruppen: die Jungen, von knapp unter bis Mitte Zwanzig - und die Älteren, ab 30. Die Älteren entfernen sich von ihren Frauen. Sex findet oft nur noch vorm Computerbildschirm statt, onanieren sei nicht lustvoll, sondern zwanghaft, "als würde brutal gehobelt".

Chat als letzter Sozialkontakt

Die Jungen haben häufig noch gar keine Beziehung gehabt. "Deren Frauenbild ergibt sich zu einem Teil aus Internetbildern", sagt Mazur. Viele seien ängstlich, gehemmt, schüchtern. Die Flucht in den Online-Rotlichtbezirk sieht der Pädagoge als einen "Prozess, der die Kontaktaufnahme weiter erschwert." Sex wird für sie immer virtueller.

Der Sexualaufklärer Oswalt Kolle warnt deshalb schon vor einer "Masturbationsgesellschaft". Der einzige halbwegs reale Kontakt, den manche Besucher der Beratungsstellen von Wlachojiannis und Mazur noch haben, sind Chats - die oft schnell ins Sexuelle abdriften. Nebenher kopulieren Pornopaare. Nicht selten sind die Abhängigen Studenten. Sie hätten die besten Voraussetzungen, sagt Wlachojiannis: Zeit, Geld, Zugänge.

In einem kleinen Zimmer mit Blechkommode, Ikea-Tischchen und Sesseln fragt Wlachojiannis die jungen Männer, was sie sich wünschen. Sie sprechen zusammen über Filterprogramme, die einschlägige Seiten sperren, über Freizeit-Alternativen. Gemeinsam gehen sie Beach-Volleyballspielen, sie besuchen Basketballspiele oder backen in der Adventszeit. Anfangs saßen die Internetsex-Leute mit den Gamern ein Mal in der Woche in einer Gesprächsrunde. Es sei ihnen schwer gefallen, sich zu öffnen, sagt Wlachojiannis. Deshalb soll es nun eine eigene Gruppe geben.

Endstation Kinderpornografie

Günter Mazur versucht in Sitzungen mit den Klienten zu den Ursachen vorzudringen und forscht nach Auslösern in der Kindheit. Wie war das Verhältnis zum Vater? Die Jüngeren bräuchten manchmal schlicht Sozialtraining, glaubt er: "Was sage ich nach 'Guten Tag'?". Ihre Gehemmtheit hat manche erst ins Netz getrieben und diese Spirale in Gang gesetzt, die Sucht, die Suche nach härteren Bildern. Bei den Älteren, sagt Mazur, endet es oft mit Kinderpornografie. Gelegentlich mit Strafanzeigen. Gar nicht, weil es Pädophile seien, sondern weil "das im Netz das Ultimative ist".

Die Pornografie erscheint in den Räumen dieser Beratungsstellen wie ein großes Übel. Eine Sichtweise, die der Heilsarmee-Pastor Bernd Siggelkow kürzlich erneut in einem Buch gestützt hat, als er die

sexuelle Verwahrlosung von Berliner Jugendlichen dokumentierte. Ein anderer Theologe legt mit einem Werk namens "Internetpornografie" gerade nach. Das weltweite Netz mit seinen absonderlichen Angeboten, präsentiere auf Sexplattformen einen "Vergewaltigungsmythos", den die Konsumenten verinnerlichten, behauptet Thomas Schirrmacher. Pornos führten zur Vereinsamung und gefährdeten die Institution Familie.

Keine adäquaten Sexualpartner

Die Schicksale, von denen Wlachojiannis und Mazur hören, bestätigen manche dieser Ängste. Es sind allerdings die Extremfälle, die den Weg zu solchen Einrichtungen finden. Verlässliche Studien, gerade über die Wirkung von Pornos bei Jugendlichen, gebe es nach wie vor kaum, beklagt Rainer Neutzling, der sich als Autor mit dem Thema befasst.

Er stellt aber fest, dass sich Masturbationsfantasien seit Jahrzehnten vermutlich kaum geändert hätten: "Sie folgen häufig dem gleichen schlichten Storyboard wie es den meisten Pornografien zugrundeliegt." Pubertierende Jungen würden darin oft von erwachsenen Frauen verführt. "Im wirklichen Leben würden sie aber in solchen Situationen davonlaufen, weil sie wissen, dass sie gar kein adäquater Sexualpartner sein könnten." Sie wissen also zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden.

Der überwiegende Teil der Jugendlichen bekäme die gedankliche Trennung problemlos hin. Im Angesicht überpotenter Porno-Darstellungen, vermutet Neutzling, würden viele verstehen, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen müssten. Bei denen, die es nicht tun, sei immer noch die Frage: "Liegt es an der Pornografie oder an ihren bisherigen möglicherweise problematischen Beziehungserfahrungen." Eines fürchtet Neutzling auch: „Je früher ich damit in Kontakt komme, ohne eigene Erfahrungen zu haben, desto größer ist die Gefahr, dass Pornografie meine Wünsche beeinflusst."

Genau da müsste man stärker ansetzen, wenn es nach dem Pädagogen Mazur ginge. Über Wunschbilder sprechen und dabei gleichzeitig zeigen, "dass Männer alle irgendwo auch impotent sind". Dass Sex nicht immer Pornosex ist. Die Teenager sollten besser im Umgang mit Medien geschult werden, fordert Mazur: "Da überlassen wir den jungen Leuten bisher einfach das Feld und denken, das klappt schon."


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