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Ein Bild und seine Geschichte: "Als die Tür aufging, drückte ich ab"

Der Name "Elian" dominiert im Frühjahr 2000 wochenlang die US-Nachrichten. Soll der sechsjährige Junge, dessen Mutter auf der Flucht in die USA ertrank, zurück zu seinem Vater nach Kuba? Oder bei Verwandten in Miami bleiben? Fotograf Alan Diaz begleitet das Schicksal der Familie Gonzalez.

Von Philipp Gülland

Kevlarhelm, Kampfmittelweste, Schutzbrille, den Finger am Abzug der Maschinenpistole: die zwei Polizisten links im Bild gehen kein Risiko ein. Eine Geiselbefreiung? Terroristenrazzia? Als US-Marshals am 22. April 2000 ein Haus in Miami stürmen, gibt es dort keine Geiselnehmer - nur Verwandte, die ihren Neffen, Großneffen, Cousin nicht zurück nach Kuba bringen lassen wollen. Dem martialischen Einsatz ist ein langes juristisches Hin und Her vorausgegangen. Der Fall hat alle Instanzen beschäftigt, wurde im Kongress und im obersten Bundesgericht erörtert. Das Ergebnis: Elian soll zurück zu seinem Vater nach Kuba. Der Großonkel und andere Verwandte in Miami weigern sich daraufhin, den Jungen herauszugeben. Polizei und Medien belagern das Haus in einem Vorort der Stadt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Behörden etwas unternehmen. Was sie tun, zeigt das Bild von Alan Diaz.

52 Jahre alt ist AP-Freelancer Alan Diaz, er selbst ist auch in Kuba aufgewachsen. In den fünf Monaten, die er die Ereignisse rund um den kleinen Elian begleitet, entwickelt er Schritt für Schritt eine Beziehung zu dem Jungen, zu seinem Großonkel Lazaro, zu seiner Familie und den Nachbarn. "Das war keine gewöhnliche Situation, nicht wie eine Nachrichtengeschichte oder eine, die eine Woche läuft.Die Leute in so einem Haus werden Dich entweder lieben, hassen, oder die Polizei rufen", erklärt der Fotoreporter später in einem Interview. Anders als viele seiner Kollegen spricht Diaz spanisch und versteht die kubanische Kultur - Familie Gonzalez und die Nachbarn fassen Vertrauen. Einige lassen ihm ihre Hausschlüssel da, wenn sie zur Arbeit fahren.

"Kubaner sind bescheiden"

Über die Monate schafft sich Diaz eine Infrastruktur, positioniert Leitern an günstigen Stellen, trifft Absprachen mit den Nachbarn, um im Notfall über ihre Zäune in den Garten zu gelangen. Alan Diaz plant akkribisch für den schlimmsten Fall: "Ich wusste, das es so enden würde. Das habe ich eine Million mal durchgespielt, genau so habe ich es später auch gemacht" lässt er die Ereignisse des frühen 22. April Revue passieren, "Ich wusste, dass es so kommen würde, weil Lazaro so stolz war. Kubaner sind bescheiden, aber unglaublich stolz. Dieser Mann würde den Jungen nicht einfach so hergeben. Das Desaster war vorprogrammiert."

Showdown im Morgengrauen

Am Mittwoch habe es angefangen, erinnert sich Diaz, das habe er gespürt. Die Verhandlungen, das Verhalten der Familie, der Medienauflauf - etwas liegt in der Luft. Alan Diaz entscheidet sich, vor Ort zu bleiben. Nachmittags überprüft er nochmal seine Kamera, wechselt Akkus und Batterien - und wartet, wartet die Nacht hindurch auf den Showdown.

Eine Entscheidung scheint unvermeidbar: sie werden kommen und den Jungen holen, notfalls auch mit Gewalt. Da ist Diaz sicher. Im Morgengrauen ist es dann soweit: "Um fünf Uhr, als ich den Medienrummel beobachtete, hörte ich plötzlich diesen Lärm hinter dem Haus." Diaz greift seine Kamera und stellt den Verschluss auf 1/125 Sekunde "Ich wußte, dass es viel Bewegung geben würde." Das Gebäude betritt er durch durch Vordertür, im Wohnzimmer herrscht Verwirrung, Familienmitglieder rufen aufgeregt "Sie sind da! Sie sind da!" Wo der Junge sei, will Diaz wissen, jemand deutet auf eine Tür, aber Elians Zimmer ist leer. In Lazaros Zimmer, im Wandschrank findet Alan Diaz den Jungen schließlich. Ein Freund der Familie hält Elian auf dem Arm und versteckt ihn vor den Behörden.

"Es klang, als würde im Wohnzimmer Krieg herrschen, das Haus wackelte wie bei einem Erdbeben" sagt der Fotgraf später. Dann wird die Tür zu Lazaros Zimmer eingetreten und zwei schwer bewaffnete Beamte stürmen herein, Maschinenpistolen im Anschlag. Alan Diaz folgt seinem Plan: "Als die Tür aufging, drückte ich einfach ab." Wird er später sagen. Fünf Monate Vorbereitung, Anspannung, Verhandeln und Hoffen finden innerhalb weniger Sekunden ein dramatisches Ende. Diaz ist dessen Chronist - Bilder, die um die Welt gehen.