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Ein Bild und seine Geschichte: Abenteuer zwischen Zufall und Vorsehung

Es ist die pure Langeweile, die Alfred Stieglitz 1907 über die Decks des Ozeandampfers "Kaiser Wilhelm II." streifen lässt. Angeödet von der ersten Klasse findet er auf dem Zwischendeck das Bild seines Lebens.

Von Philipp Gülland

Auf den ersten Blick ist es ein wirres Durcheinander: Menschen, Deckaufbauten, Geländer, Ketten, Treppen. Alfred Stieglitz bekanntestes Bild "The Steerage" offenbart seine subtile Ordnung erst, wenn man genau hinschaut: Stege und Geländer teilen das Bild diagonal. Ketten und Deckaufbauten steuern Rundungen bei, die Passagiere bringen Leben in die Szene. Hinter dem vermeintlichen Schnappschuss, aufgenommen im Juni 1907 auf einer Atlantik-Kreuzfahrt, verbirgt sich ein Abenteuer zwischen Zufall und Vorsehung.

Stieglitz, 1864 als Spross wohlhabender deutscher Immigranten in Hoboken, New Jersey, geboren, studiert in Berlin Ingenieurwesen und Fotochemie. In den Berliner Jahren beginnt er zu fotografieren und reicht erste eigene Arbeiten zu Wettbewerben ein. Zurück in den USA arbeitet er als Redakteur der Zeitschrift "American Amateur Photographer". Anfang des 20. Jahrhunderts gibt er die legendären "Camera Notes" heraus. Kurz darauf eröffnet er in New York eine Galerie.

Stieglitz ist ein Tausendsassa. Ein visionäres Multitalent, dem die "autonome" Kamerakunst über alles geht - nur dem Zweck dienend, Kunst zu sein. Kunst, das ist für ihn auch handwerkliche Perfektion: elegant komponiert, technisch sauber, an klassischen Regeln der Malerei orientiert. Damit wird der Gentleman mit dem Oberlippenbart und der Nickelbrille zum Vorreiter der Straight Photography, neuer Sachlichkeit, die sich später in der Gruppe f/64 um Ansel Adams und Paul Strand formiert.

Langeweile, Kunst und Angst

"Ich musste dieser Gesellschaft entweichen", gesteht Stieglitz einmal, die Atmosphäre der ersten Klasse ist ihm verhasst. Die ersten Tage der Reise auf der "Kaiser Wilhelm II." verbringt er im Liegestuhl, die Augen geschlossen, um die Welt auszublenden. Am dritten Tag hält er es "nicht mehr aus", die Langeweile treibt ihn über die Decks des Ozeanriesen. Was als Flucht vor der Langeweile begann, wird zum Abenteuer, als der Fotograf das Zwischendeck erblickt.

"Eine Weile stand ich wie angewurzelt, schaute und schaute. Könnte ich fotografieren, was ich fühlte?" Er kann. Aufgeregt hastet Stieglitz zurück in seine Kabine und holt seine Kamera. Für die Graflex, eine schwere, behäbige Laufbodenkonstruktion für Plattennegative, hat er nur noch eine Filmkassette im Gepäck. Würde er, wenn er zurück kommt, auf dem Zwischendeck noch die Situation vorfinden, die ihn so fesselte? Den Mann mit dem Strohhut, dem damals so beliebten Canotier, den mit den Hosenträgern, die Frau mit dem Kind? Atemlos erreicht er das Geländer: Alles ist unverändert.

Von Herzklopfen und Meilensteinen

Bis in Detail genau erinnert sich Stieglitz später an jenen Moment, als er mit der Kamera ans Geländer zurückkehrt: "Schließlich drückte ich auf den Auslöser. Mein Herz klopfte. Nie zuvor hatte ich mein Herz schlagen gehört." Rückblickend sei im klar gewesen, dass sein Bild, wenn es denn gelänge, ein "Meilenstein" sein würde, lässt er später wissen.

Zunächst allerdings hält sich seine Euphorie über das Werk in Grenzen. Bei großen Ausstellungen 1909 und 1910 taucht das Bild nicht auf. Erst 1911 veröffentlicht Stieglitz die Aufnahme in der Zeitschrift "Camera Work", deren Herausgeber er ist. Das erscheint widersprüchlich, für den Künstler Alfred Stieglitz ist es indes nicht untypisch: "Wo es keine Widersprüche gibt, gibt es kein Leben", formuliert es der Fotograf, Galerist, Verleger, Redakteur und Kunstkritiker einmal und erklärt damit die Kontradiktion zur treibenden Kraft hinter seinem Schaffen.

Tatsache ist, dass diese Aufnahme später als Stieglitz' Meisterwerk gelten wird. Er selbst urteilt Jahre nach dem Druck auf den Auslöser: "Wenn alle meine Fotografien verloren gingen und ich einzig durch 'The Steerage' überleben würde, so wäre ich zufrieden."

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