HOME

Ein Bild und seine Geschichte: Der James Dean der Fotografie

Peru, 1954: Die Conquistadoren sind lange fort, Südamerika strebt aufwärts, die Landbevölkerung bleibt auf der Strecke. Auf der Suche nach dem "wahren Gesicht der Welt" findet Werner Bischof in den Anden sein bekanntestes Bild - und den Tod.

Von Philipp Gülland

Sieht so ein außergewöhnliches Bild aus? Nahezu folkloristisch mutet die Aufnahme an: Im Profil zeigt sich ein Indiojunge, gleichmütig auf seiner Flöte spielend läuft er am Abgrund entlang. Mit Hut, Poncho, Sandalen und Rucksack wirkt er gleichermaßen ärmlich wie rustikal - ein naives Bild, vielleicht ein Schnappschuss, aber die bekannteste Aufnahme eines großen Kamerakünstlers? Auf den ersten Blick: Unmöglich. Auf den Zweiten: natürlich. Aber warum nur?

Vom eigenwilligen Virtuosen zum ethischen Vordenker

Werner Bischof, Schweizer, geboren 1916, studiert ab 1933 an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Der junge Mann gilt als besonders talentiert, vor allem aber auch eigenwillig. 1936 erhält er sein Diplom und eröffnet ein Studio. Als Mode- und Werbefotograf hat er sich schnell einen Namen gemacht. Die Geschäfte laufen gut, Bischof scheint eine große Karriere bevorzustehen. Doch nur drei Jahre später beschert der zweite Weltkrieg seinem Werk eine unerwartete Wendung: Der verschrobene Virtuose kehrt in die Schweiz zurück, leistet Militärdienst. "Die Zerstörung meines Elfenbeinturms" erinnert er sich später. Bischofs Perspektive verändert sich.

Aus dem wegweisenden Werber wird ein leidenschaftlicher Dokumentar, dem es nicht darauf ankommt "aus der Fotografie wie im alten Sinne eine Kunst zu machen, sondern auf die tiefe Soziale Verantwortung des Fotografen, der mit den gegebenen elementaren fotografischen Mitteln eine Arbeit leistet, die mit anderen Mitteln nicht zu leisten wäre." Der Fotoreporter Werner Bischof stellt das "unverfälschte Dokument der zeitlichen Realität" über alles, trotzdem schafft er Bilder von nüchterner Sinnlichkeit - Zeugnisse von Willensstärke und Zuversicht der Abgebildeten, das Werk eines unsentimentalen Menschenfreundes und ein Meilenstein in der Fotojournalistischen Ethik des 20. Jahrhunderts. Bischof wird durch sein Handeln zu Vordenker und Vorbild einer ganzen Zunft.

Mit Jeep und Kamera

Was Bischof in die Anden führt, beginnt in New York. Zusammen mit Frau Rosellina kauft der Fotograf einen Jeep, entlang der Ostküste führt ihr Roadtrip sie bis Mexiko, von dort reist Werner Bischof allein weiter, fotografiert in Mexiko, Panama, Chile und Peru für "Magnum" und die Zeitschrift "Life". Mit der Kamera sucht er das Gesicht des Kontinents, will das echte Südamerika porträtieren - kein leichtes Unterfangen. Seine Herangehensweise scheint dabei zunächst etwas widersprüchlich: Bischof, der Ethiker, schreibt seiner Frau von "wunderbaren Posen" der Einheimischen. Das ganze Streben nach Wahrhaftigkeit nur Selbstbetrug? Oder leidenschaftlicher Journalismus mit dem Blick des Werbefotografen, als der er begann? Eher Letzteres, denn Bischofs Bilder sind zu simpel, klar und unsentimental und schlichtweg überzeugend, um nicht der Wahrheit verpflichtet zu sein. So erklärt sich auch der Reiz dieses bekanntesten Bildes: Es ist eines seiner letzten, die Bildsprache ist für Bischof typisch, es ist bringt die Genre prägende Arbeitsethik des Schweizers auf den Punkt.

Tragisch legendär

Werner Bischofs bekanntestes Bild sollte auch eines seiner letzten sein. Kurz nachdem er "On the road to Cuzco" aufgenommen hat, verliert der Fotograf bei einem Autounfall sein Leben - nur neun Tage vor der Geburt seines Sohnes Daniel. Das macht seine Entstehungsgeschichte nicht aufregender, wohl aber die seiner Wahrnehmung: Die letzten Bilder des großen Reporters werden zum Vermächtnis, Bischof eine Art James Dean der Fotografie.

Themen in diesem Artikel