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Ein Bild und seine Geschichte: Die sichtbare Unsichtbare

Jeder Fotograf, sagt Inge Morath, hat ein natürliches Gespür für Entfernung. Die Österreicherin bevorzugt vier Meter und balanciert so zwischen intimer Nähe und kalkulierter Distanz - am liebsten bleibt sie dabei unsichtbar. Ausgerechnet eines ihrer bekanntesten Bilder ist da anders.

Von Philipp Gülland

Stolz schaut Mrs. Eveleigh Nash in die Kamera, auf ihrem Kopf thront ein schwarzer, breitkrempiger Hut. Zwischen der federverzierten Kopfbedeckung und dem ausladenden Pelzkragen verhüllt ein Schleier das Gesicht der Frau Mitte 50. Über ihren Schoß fällt eine schwere Pelzdecke, zum Schutz vor dem Fahrtwind im Fond der offenen Limousine. Die Londoner Verlegerin und ihr Chauffeur schenken Inge Morath einen kühl-skeptischen Blick. Im britischen Nebel findet hier eine flüchtige Konfrontation statt, an deren Ende ein fotografischer Kommentar über das Verhältnis zwischen Herrin und Diener steht.

Zunächst studiert Inge Morath, 1923 in Graz geboren, Romanistik. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet sie zunächst als Übersetzerin und Autorin für den U.S. Information Service in Salzburg und Wien, dann Anfang der 50er als Autorin eines Radiosenders. Morath versteht sich auf Worte, zu den Bildern des befreundeten Fotografen Ernst Haas schreibt sie Artikel. Bald laden Haas und sein Kollege Robert Capa sie ein, ihrer gerade gegründeten Fotoagentur "Magnum" als Redakteurin beizutreten. 1951 greift sie zur Kamera. Als Assistentin von Henri Cartier Bresson lernt sie die Regeln des Handwerks und übernimmt bald eigene Aufträge, die sie quer durch Europa, Nordafrika und den nahen Osten führen.

Aus der Autorin Inge Morath wird eine vielseitige Fotojournalistin, besonders Reisereportagen und Porträts liegen ihr. Die Fotografin sucht dabei stets den Spagat zwischen physischer Nähe und emotionaler Distanz, das unterscheidet sie von ihrem Mentor Cartier Bresson und seinem "entscheidenden Augenblick" oder den dramatischen Bildern Robert Capas. "Ich lasse die Menschen gern sie selbst sein", erklärt Morath; sie suche nicht das Spektakuläre, sondern die stille Spannung. Nähe suchen, abwarten, unsichtbar werden - das ist dabei ihr Rezept.

Geduld und Gründlichkeit

Ihre zweifache Begabung für Worte und Bilder unterscheidet sie von den meisten ihrer Kollegen. Morath recherchiert gründlich, macht sich vor ihren Fotoreisen mit Sprache, Kultur und Geografie ihrer Zielgebiete vertraut. Vor dem Druck auf den Auslöser steht bei der Fotoreporterin lange und akribische Vorbereitung. Sie lässt sich intensiv auf ihre Themen ein. Auch ihre fotografische Herangehensweise ist von Geduld geprägt: sie wartet, bis man das Interesse an ihr verliert und macht dann ihre Bilder - kühle Aufnahmen zwischen intimer Nähe und emotionaler Distanz. Vier Meter, so sagt sie, seien dabei eine gute Entfernung. "Manchmal mehr, manchmal weniger", aber eines sei sicher: "Ich zoome nicht." Morath findet ihre Bilder mit fester Brennweite zwischen 35 und 50 Millimetern.

Interessanterweise sind ihre intensivsten Fotografien jene wenigen, in denen ihre Anwesenheit als Fotografin greifbar wird. Kurze Augenblicke der Konfrontation in denen die Fotografierten Moraths Blick erwidern, häufig zwischen Stolz und Skepsis - immer kühl. Der Augenkontakt rüttelt an der von Morath gesuchten Distanz, er lässt ihre Unsichtbarkeit schwinden und erhöht so die Spannung zwischen räumlicher Nähe und emotionalem Abstand. Das Porträt der Verlegerin Nash zeigt einen solchen Intensiven Moment, einen in dem alle Beteiligten einander kurz wahrnehmen und - so scheint es - die Fronten klären.

Erst diese sichtbare Konfrontation, der direkte Blick in die Kamera, gibt dem Bild seine Pointe. Das Resultat ist vielschichtig, mehrdeutig, aber eines kann Morath auch hier guten Gewissens behaupten: "Ich lasse die Leute gerne sie selbst sein", denn Regieanweisungen hat sie nie gegeben.