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Arthur Miller: "Wundert mich, dass ich noch da bin"

Arthur Miller ist tot. 2004 sprach der vermutlich damals schon schwerkranke Dramatiker in Brooklyn offen über sein bewegtes Leben, die Entfremdung von Amerika und die Angst, vergessen zu werden.

Von Julia Weidenbach

Kommt Arthur diesmal? Seit Jahren hoffen die Mitglieder der Arthur-Miller-Society darauf, dass ihr Idol sich auf ihrer jährlichen Tagung die Ehre gibt - vergebens. Immer wieder hatte Miller seinem Fan-Club aus Literaturwissenschaftlern abgesagt - zu viel zu tun. Er ist häufig in Theatern zu Gast und beteiligt sich an Inszenierungen seiner Stücke. Wenn auf dem Broadway wieder einmal ein Theater einem Musicalpalast weichen muss, protestiert er mit Schauspielern auf der Straße. Er reist durch die Welt, um Ehrungen entgegen zu nehmen. Und wenn ihn etwas bewegt oder empört, veröffentlicht er einen Essay. Vor Jahren kam die Absage in letzter Minute: Er habe sich geschworen, den Schreibtisch für eine Weile nicht zu verlassen, um täglich an einem neuen Stück schreiben zu können. Unmöglich könne er das ruhige Roxbury in Connecticut verlassen.

Brooklyn – das ist Millers Kosmos

2004 kam er endlich. Denn dieses Mal traf sich "seine" Society an einem besonderen Ort: Brooklyn. Dies ist Arthur Millers Heimat, hier ist er aufgewachsen, viele seiner Stücke spielen hier. Während der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren war die verarmte Familie aus dem feinen Manhattan in den armen Arbeitervorort gekommen. Diese Erfahrung hatte ihn ein Leben lang geprägt, immer wieder ging es in seinem Werk um die Ideale und Mythen der amerikanischen Gesellschaft.

Miller wirkte während seines Auftritts voller Energie, strahlend und selbstsicher. "Brooklyn hat sich verändert - es sieht aus wie Philadelphia," begrüßte er die Society. Manche der Wissenschaftler kennt er persönlich. Wenige Studenten sind anwesend und einige geladene Gäste. Miller gerät schnell ins Schwärmen über das frühere Brooklyn. "Dort, am Rande des Flusses, spielte sich das ganze Leben ab." Hier fand er den Stoff seiner Dramen. Der "Handlungsreisende" spielt ebenso hier wie einige neuere Stücke. Nach der Schulzeit verließ Miller die Stadt, um Drama zu studieren und ein neues Leben zu beginnen, sagt er.

Anfang der Vierziger kam er zurück. Was er durch Hörspiele und Reportagen verdiente, reichte nicht, um seine Frau und die beiden Kinder zu ernähren. Zusätzlich arbeitete er in den Docklands. Begeistert erinnert sich Miller an die Reaktionen der Arbeiter, als sie einige Stücke von ihm im Radio hörten: Wie er denn seinen Namen davor setzen könne? Das seien doch alles wahre Geschichten! Lachen im Saal. Man spürt, auch nach einem Leben als weltweit gefeierter Dramatiker sind die Arbeiter aus Brooklyn ihm noch immer gegenwärtig - trotz vieler Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten und glamouröser Jahre an der Seite einer Diva. Nie hat er die Hoffnung aufgegeben, nicht nur eine akademische Elite, sondern alle Amerikaner mit seinen Stücken zu erreichen.

"Tod eines Handlungsreisenden" warf einen langen Schatten

Ein junger Student möchte wissen, was Miller von der gegenwärtigen amerikanischen Theaterlandschaft hält. Die anwesenden Professoren lächeln wissend, der Meister hat die Antwort schon unzählige Male gegeben. Dennoch wird er nicht müde, seine Kritik an der Kommerzialisierung des Broadway zu wiederholen. Das Publikum, das er sich wünscht, kann die enormen Ticketpreise nicht bezahlen.

Er selbst begann seine Laufbahn in einer Zeit, als das Theater eine vibrierende literarische Form war, in der sozialer Protest und politische Debatten stattfanden. Als ihm 1947 mit "Alle meine Söhne" der Durchbruch am Broadway gelang, spürte er Schuld angesichts des plötzlichen Erfolgs. Um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, arbeitete er ein paar Wochen am Fließband in einer Fabrik. Doch nach "Tod eines Handlungsreisenden" 1949 gab es kein Zurück mehr. Das Stück um den später von Dustin Hoffman verkörperten Willy Loman machte ihn weltberühmt und wurde zu einem Klassiker.

Doch das Stück stellte auch vieles in den Schatten, das folgte. Für seine frühen Dramen wird Miller immer wieder geehrt, während die neuen, experimentelleren, wenig bekannt sind. Allein in den Neunzigern hat er vier Dramen geschrieben, 2001 folgte "Resurrection Blues", im Herbst 2004 "Finishing the Picture". Es handelt von einer Schauspielerin, die es wegen psychischer Probleme nicht schafft, zu den Dreharbeiten zu kommen. Dieses Mal wird er wohl nicht behaupten können, Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen seien ausgeschlossen, witzeln die Professoren. Seit er 1964 mit dem wenig schmeichelhaften Porträt der Monroe in "Nach dem Sündenfall" die Wut der amerikanischen Öffentlichkeit auf sich gezogen hatte, meidet er das Thema. Einige Miller-Kenner vertreten die These, dass sich sein Ruf als Dramatiker in Amerika nie wieder von diesem Skandal erholt hat.

In den späten Stücken taucht die Monroe-Figur immer wieder auf: In "Mr. Peters’ Connections", uraufgeführt 1999, geistert eine Frauenfigur teilweise nackt durchs Stück, die tote Geliebte des Protagonisten, verfolgt von ihrem Ehemann. Dieser beschimpft sie, weil sie keine Unterwäsche trägt. Die Figur hat keinen Text, ebenso wie die Heldin in "Finishing the Picture". Dennoch ist es ein liebevolles Porträt der Monroe, urteilt die Kritik nach der Uraufführung in Chicago.

Fragen über die Monroe stellt keiner der Professoren, schließlich hat Miller sich oft genug über die Indiskretionen der Presse beschwert. Dennoch stellt sich in den Pausen auch im Vorlesungssaal die Frage - wie war es wohl mit ihr? Eine selbstbewusste Englischprofessorin aus Kalifornien erzählt, wie sie seine spätere Frau Inge Morath einmal provozierend gefragt habe: "Ist es nicht merkwürdig, mit jemanden zusammen zu sein, der mit der Welt größtem Sexsymbol verheiratet war?" Das spiele keine Rolle, habe die bekannte Fotografin geantwortet. Schließlich sei Arthur ja auch nicht ihr Erster gewesen.

Ganz plötzlich tritt dennoch das Glamourgirl auf. Eine Studentin hat sich in einer Pause ganz nach vorne gedrängelt, an allen Professoren vorbei. Sie trägt einen viel zu kurzen Rock, schwingt die Hüften, hat einen kleinen Hut auf dem platinblonden, gewellten Haar, knallrote Lippen. Alle beobachten, wie Miller ruhig die aufdringlich entgegengestreckte Hand nimmt, ihr einen kurzen Moment in die Augen schaut und sich dann abwendet.

"So viele Namen ... sind verschwunden"

Natürlich ist die Szene Gesprächstoff, als die Fans am Abend in einer Pizzeria zusammensitzen. Miller ist längst in einer Limousine ins ruhige Connecticut zurückgefahren worden. Aber für mehr Aufregung sorgt eine Neuigkeit, die nun die Runde macht: Miller hat eine 34-jährige Freundin. Auch sie sei Fotografin. "Was hätte Inge wohl gesagt, nach all den Jahren?" Die Professorin aus Kalifornien kann ihre Empörung kaum verbergen. Aber natürlich wissen die Literaturwissenschaftler, dass in den späten Stücken die Themen Alter und Tod eine immer wichtigere Rolle gespielt haben.

Und auch sein Auftritt an diesem Tag hat gezeigt: Er hing am Leben und war weit davon entfernt, aufzugeben. Auch wenn er auf dem Podium einmal unvermittelt lachend in die Runde wirft: "Wenn ich ehrlich bin, eigentlich wundert es mich sehr, dass ich immer noch da bin!" Und nachdenklich entgegnet er auf die Frage, ob er mit seinen Stücken etwas erreicht habe: "So viele Namen von Dramatikern, die in meiner Jugend bekannt waren, sind verschwunden. Niemand kennt sie mehr. Gone, gone, gone". Der Held in "Mr. Peters' Connections" bewegt sich auf der Schwelle zwischen Leben, Traum und Tod. Ratlos blickt er auf eine Gegenwart, die ihm fremd geworden ist. Und gleitet in seinen Gedanken immer wieder in die Welt der Toten.

Ein Fremder in diesem Amerika

Ein Ausdruck Millers eigenen Erlebens? Ja, antwortet er. Der 89-jährige fühlt sich fremd in diesem Amerika, das ihm vorkommt wie ein Schiff, das den Kurs verloren hat. Auch diesen Tag nutzt er als Gelegenheit, die Bush-Regierung zu kritisieren. Er beantwortet alle Fragen lang und engagiert. Er lächelt bescheiden, als ein englischer Professor einen Dankesbrief von Vaclav Havel an Miller vorliest. Miller habe Havels Leben mit seinem Engagement für verfolgte Schriftsteller grundlegend verändert.

Die Einladung für den nächsten Kongress hat die Arthur Miller Society bereits erreicht. Titel: "Arthur Miller ist neunzig: Die Stimme einer moralischen Instanz." Die Stimme der Moral wird vermutlich gegenwärtiger sein denn je. Aber die Mitglieder der Society werden Arthur vermissen.