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New Yorker Geschichten: "Lasst Katie frei - behaltet Tom!"

Willkommen am Broadway: Katie Holmes hatte ihren ersten Theater-Auftritt in New York. Sie debütierte im Stück "All My Sons" von Arthur Miller. Im Publikum saß natürlich auch ihr Gatte, der bekennende Scientologe Tom Cruise - gegen den vor dem Theater Scientology-Gegner protestierten.

Von Ulrike von Bülow, New York

Kürzlich malte sich das "New York Magazine" die Zukunft von Tom Cruise und Katie Holmes aus - in Form eines hübschen Comics, der da hieß: "TomKat übernehmen Manhattan". Die Hauptfiguren waren natürlich Tom und Katie, denn Katie debütiert ja nun am Broadway, in dem Theaterstück "All My Sons", und wenn es nach dem Comic geht, geschieht daraufhin folgendes: Katie bekommt ganz fantastische Kritiken, sogar der Regie-Guru Woody Allen lobt sie ("You're great"). Zwischen zwei Vorstellungen läuft sie noch schnell den "New York Marathon" und gewinnt ihn, und nach drei Monaten am Broadway ist Katie so unfassbar groß, dass sie die Superheldin "Wonder Woman" spielen soll, welch' ein Filmangebot!

Derweil wird Tom neben ihr immer kleiner: Autogrammjäger verwechseln ihn mit belanglosen TV-Darstellern ("Sie spielen doch den Vater von…?"), niemand möchte mehr mit ihm drehen. Verzweifelt spricht er bei Scientology vor, und dann wärmt er einen alten Hit auf und bringt "Cocktail - das Musical" an den Broadway - Ende des hübschen Comics.

In New York beginnt in diesen Tagen die neue Theater-Saison - mit einer Neuauflage von "All My Sons", einem Drama von Arthur Miller, das erstmals 1947 am Broadway aufgeführt wurde: Damals wurde das Schauspiel zum besten Stück der Saison gekürt. Diesmal ist es das Stück, um das am meisten Theater gemacht wird, seit Wochen schon: Die Gattin von Tom Cruise, 46, dem schauspielernden Scientologen, tritt darin auf - und das beschäftigt die New Yorker Medien ungemein.

Keine Nacktszene für Katie

Nicht, dass sie Katie Holmes, 29, besonders ernst nehmen würden, aber ein schönes Thema ist das ja schon: Erst gab es Tom, dann gab es TomKat - er war der Star und sie die kleine Aktrice, die berühmt wurde, weil sie ihm ein Töchterchen schenkte. Nun gibt es Kat, die sich auf der Bühne versucht, ganz unabhängig von Tom, aber kann die überhaupt etwas? "Time Out New York" nannte selten den Namen Katie Holmes, schrieb aber gern über "Tom Cruise's baby mama". Die "New York Post" nannte ihren Namen, bemerkte aber, dass Katie Holmes nicht Nicole Kidman sei, die Ex-Frau von Tom Cruise, die bei ihrem Broadway-Debüt vor zehn Jahren ja "eine Minute nackt" zu sehen war und so "die Stadt entflammte": In dem Stück "The Blue Room". Und schon darum würde Katie gewiss nicht halb so viele Tickets verkaufen wie einstmals Nicole: Für Katie sei, gääääähn!, nicht eine Nacktszene vorgesehen.

Dennoch: An diesem Donnerstag, als "All My Sons" erstmals vor Zuschauern aufgeführt wurde, waren im "Gerald Schoenfeld Theatre" alle Plätze besetzt - und natürlich kam auch Tom Cruise zur inoffiziellen Premiere des Stückes; die offizielle Premiere wird erst im Oktober stattfinden, aber am Broadway gibt es stets so genannte "Previews", Generalproben vor zahlendem Publikum.

Tom Cruise erschien mit elastischem Grinsen

Am Donnerstagabend nun standen vor dem Theater in der 45. Straße, um die Ecke vom Times Square, zwei Dutzend Demonstranten: Scientology-Gegner, die weiße Masken trugen und Pappschilder hochhielten. Auf denen stand: "Lasst Katie frei - behaltet Tom!" oder: "Lauf, Katie, lauf!", was Tom Cruise allerdings wenig zu tangieren schien, als er sich um eine Sekunde vor acht ins Parkett setzte, Reihe acht, Gangplatz. Er trug einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd, einen geraden Seitenscheitel und ein elastisches Grinsen: Er gab sich volksnah, schüttelte Hände und winkte in Fotohandys - keep smiling! Dann ging das Licht aus, die Vorstellung begann, und Tom musste sich eine halbe Stunde gedulden, bis seine Katie die Bühne betrat.

"All My Sons" spielt in der Nachkriegszeit und handelt von zwei Familien in einer amerikanischen Kleinstadt, den Kellers und den Deevers: Vater Keller ist ein etwas lauter Geschäftsmann, dessen Firma Flugzeugteile herstellt. Sein Sohn Larry, ein Pilot, kam drei Jahre zuvor während eines Kriegseinsatzes ums Leben.

Dessen Verlobte Ann Deever gedenkt nun, dessen Bruder zu heiraten, Chris, womit Mutter Keller nicht klar kommt, die glauben will, dass Larry noch lebt und nur verschollen ist. Es stellt sich heraus, dass Anns Daddy, einst Vater Kellers Geschäftspartner, wegen einer Lieferung defekter Flugzeugteile an das Militär, die 21 Flieger das Leben gekostet haben, im Gefängnis sitzt.

Anns Bruder George erscheint bei den Kellers, überzeugt, dass Vater Keller die tödliche Lieferung bewilligte. Und tatsächlich ergibt es sich, dass es so war - und dass Larry hinter die Schuld seines Vaters gekommen war und sich darum mit seinem Flugzeug in den Tod gestürzt hat. Am Ende will Vater Keller sich selbst anzeigen, doch bevor er das tut, erschießt er sich.

Katie Holmes spielt Ann Deever, die zweifach Verlobte, und sie spielte Ann Deever an diesem Abend so, dass es nichts an ihr auszusetzen gab. Als sie nach einer halben Stunde die Bühne betrat, wurde das Stück munter, taten sich jene familiären Abgründe auf, die "All My Sons" interessant machen. Sie lief barfuss umher, trug ein helles Sommerkleid mit Blümchen darauf, Petticoatartig, und die Haare wie Rita Hayworth: vorn zurück gewellt, hinten glatt. Manchmal war ihre Stimme ein bisschen schrill, manchmal schien sie nicht zu wissen, wohin mit ihren Händen: Hatte sie nichts zu sagen, strich sie sich über ihr Kleidchen, verschränkte die Arme, strich sich über ihr Kleidchen, verschränkte die Arme...

Trotzdem, sie war glaubwürdig, man vergaß zwischendrin, dass da die klatschbehaftete Gattin eines berühmten Scientologen auf der Bühne stand. Katie Holmes machte ihre Sache gut, und immerhin stand sie neben der großen Dianne Wiest auf der Bühne, die in ihrem Schauspieler-Leben schon zwei Oscars gewonnen hat: Für ihre Auftritte in den Woody-Allen-Filmen "Hannah und ihre Schwestern" und "Bullets over Broadway".

Als das Stück vorbei war, sprang Tom Cruise als erster im Parkett aus seinem Sitz und applaudierte stehend: Es war ein bisschen wie damals bei Oprah Winfrey, als er auf deren Sofa herum hüpfte und johlte, wie sehr er Katie liebe. Diesmal johlte Tom: "Ich bin so stolz auf sie!" Derweil bildete sich vor dem Bühnenausgang eine derart große Menschenmasse, dass die Polizei auf Pferden anrückte, um diese im Zaum zu halten: Alles wartete auf TomKat. Junge Damen berichteten unaufgefordert: "Ich saß hinter Tom, er hat mit die Hand geschüttelt - oh my god! Sein Händedruck war unglaublich fest! Aber er ist ganz schön winzig", sagten die jungen Damen und verdrehten die Augen.

Nach 50 Minuten des Wartens dann erschien Kat - doch ohne Tom. Der, murrten die Paparazzi, "muss heimlich abgehauen sein - wie langweilig". In diesem Moment hatte man ein bisschen Mitleid mit Katie Holmes: Am Broadway aufzutreten, mit ihrem Namen, diesem Gatten - das ist eigentlich ganz schön mutig; hätte sie nicht ein bisschen Respekt verdient? Das Problem ist nur: Sie kann ohne ihn nicht berühmt werden; da ist dieser unsichtbare Stempel auf ihrer Stirn: Mrs. Tom Cruise. Vielleicht steht eines Tages "Ex" davor geschrieben - wie auch immer: abwaschbar ist er nicht mehr.