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"Resurrection Blues": Oscar in L.A., Fiasko in London

Gerade ist Robert Altman für sein Lebenswerk mit einem Oscar geehrt worden. Doch seine Inszenierung von Arthur Millers "Resurrection Blues" wird in der englischen Presse zerrissen. Ein zu strenges Urteil, meint Julia Weidenbach.

Londons Zeitungen sind sich einig und unterscheiden sich nur in der Schärfe ihrer Kritik: Robert Altman treffe nicht den richtige Ton, schreibt die "Times", Maximilian Schell sei eine Fehlbesetzung, meint der "Guardian". Viel Blues, aber keine Auferstehung, stellt der "Observer" fest, und laut "Independent" ist Arthur Millers Stück eine schreckliche Blamage. Auch das Old Vic Theater, wo Kevin Spacey seit 2004 Intendant ist, steht unter Beschuss: Dort sei man eben zu sehr auf Publicity aus.

Arthur Miller selbst hatte Maximilian Schell "Resurrection Blues" nahe gelegt, das er bis kurz vor seinem Tod im Februar 2005 überarbeitet hatte. Uraufgeführt wurde es bereits 2002 in Minneapolis. "Ich hoffe, Du übernimmst eine großartige Rolle zur Inspiration der Menschen. Alles Gute, Arthur Miller", schrieb er auf einer Karte, die Schell in einem Goldrahmen nach London mitgebracht hat. "Da braucht man doch nix mehr", sagte der 75-Jährige. "Da können Kritiker schreiben, was sie wollen."

Großartiges Starensemble

Doch auf der Bühne wirkt Schell weniger gelassen: Ihm wie auch dem Rest des Ensembles ist während der Aufführung zwar nichts anzumerken. Aber nach nur einer Verbeugung verlassen sie beinahe fluchtartig die Bühne, bevor das verhaltene Klatschen vielleicht doch ganz verebben könnte.

Dabei hätte doch eigentlich nichts schief gehen dürfen: Die Inszenierung wartet mit einer Starbesetzung auf - neben Schell spielen Matthew Modine ("Short Cuts"), Neve Campbell ("Scream"), James Fox ("Was vom Tage übrigblieb") und Jane Adams ("Happiness"). Es ist das vorletzte Stück eines Dramatikers, der schon zu Lebzeiten als Klassiker galt und berühmt ist für seine Kritik am amerikanischen Traum. Ein beliebtes Thema in Großbritannien. Inszeniert wird es von einem Regisseur, dessen Ruf auf gesellschaftskritischen Filmen beruht wie "M.A.S.H." und "Short Cuts".

Anspielungen auf die reale Welt

"Resurrection Blues" spielt zwar in einem fiktiven Bananenstaat, aber Ähnlichkeiten zu real existierenden Menschen und Staaten sind alles andere als ausgeschlossen. Ein Mann soll gekreuzigt werden, den die armen Bauern in den Bergen für den Messias halten. Der Diktator des Landes (Maximilian Schell) will Unruhen im Keim ersticken und nebenbei auch noch ein gutes Geschäft machen: Eine amerikanische Produktionsfirma zahlt 75 Millionen Dollar für die exklusiven Fernsehrechte. Mit Werbung für Deodorant und Abführmittel soll die Live-Übertragung finanziert werden.

Der Cousin des Diktators (James Fox) warnt, der Messias mit Namen Ralf könnte als Mythos erst recht eine Gefahr für das Land werden. Auch die amerikanische Regisseurin (Jane Adams) ist entsetzt, sie dreht eigentlich nur Werbefilme, eine Hinrichtung ist ihr zu viel Realität. Aber ihr Produzent (Matthew Modine) träumt davon, Fernsehgeschichte zu schreiben und droht ihr mit Kündigung. Schließlich sei der Angeklagte ein Terrorist und Krimineller.

Keine Frage: Die erste Hälfte des Stücks ist eine bitterböse Satire. Millers Ton ist bissiger und direkter als in früheren Stücken. Robert Altman unterstreicht die Anspielungen auf politisches Geschehen. Das Militär ist allgegenwärtig, das Bühnenbild suggeriert eine karge, gebirgige Landschaft. Altman hat am Rhythmus des Stücks gearbeitet, wie er selbst betont. Der Dialog überschneidet sich streckenweise, was die Absurdität der Handlung noch unterstreicht: Während Arbeiter in Ponchos das Kreuz errichten, telefoniert die Regisseurin aufgeregt mit ihrer Mutter, der impotente Diktator versucht sich ihr zu nähern, der Produzent sorgt sich, CNN könne ihm zuvorkommen.

Altman zeigt mit seiner Inszenierung einen neuen Arthur Miller: Der Dramatiker, der immer als das Gewissen Amerikas gegolten hat, kann sehr komisch sein. Maximilian Schell spielt einen amüsanten Diktator, dem niemand böse sein kann, selbst wenn er mit Folter droht. Das Publikum dankt es ihm mit vielen Lachern.

Das funktioniert zunächst ganz gut. Doch in der zweiten Hälfte stößt Altman auf ein Problem: Es gibt auf einmal nicht mehr genug Gags. Millers Stück hat einen Bruch. Die Medien sind auf einmal kein Thema mehr, stattdessen Diskurse über Glaube, Wirklichkeit und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft - eine Frage, die Millers ganzes Werk geprägt hat.

Der Glaube kann ein Land verändern

Der vermeintliche Messias ist aus dem Gefängnis entflohen. Während des ganzen Stücks betritt er nicht die Bühne. Aber sein Freund (Peter McDonald) berichtet von seinen Zweifeln: Soll er sich wirklich opfern? Kann er denn sicher sein, Gottes Sohn zu sein? Ist das überhaupt wichtig, fragt der philosophierende Cousin des Diktators und das Alter Ego des Autors: Ob der Mann die Wachleute bestochen hat oder tatsächlich durch Wände gehen kann, wie die Bauern sagen, ist irrelevant. Wichtiger als die Realität ist der Glaube, den er auslöst - der kann das ganze Land verändern.

Millers Alterswerk wirft Fragen auf, denen sich die Inszenierung nicht stellt. Altman stürzt sich auf das Plakative, Zwischentöne gehen verloren. Selbst der Monolog einer ehemaligen Revolutionärin (Neve Campbell), die nach einem gescheiterten Selbstmordversuch im Rollstuhl sitzt, ist nur für Lacher gut.

Typen ohne psychologische Tiefe

Eine zweite Schwierigkeit des Stücks: Miller ist es in berühmten Dramen wie "Tod eines Handlungsreisenden" oder "Hexenjagd" gelungen, Gesellschaftskritik mit Psychologischem zu verbinden. In diesem Alterswerk drängt sich leicht der erhobene Zeigefinger in den Vordergrund. James Fox ist ein hölzerner Moralist. Jane Adams nimmt man weder ab, dass sie auf mächtige Männer steht, noch dass sie sich wirklich um den Messias sorgt. Die einzige Entwicklung einer Figur ist nicht nachzuvollziehen und plump: Nachdem der alternde Diktator dank der Regisseurin endlich sein Impotenzproblem gelöst hat, wird er wankelmütig und weich. Auch die meisten anderen Figuren bleiben Typen ohne psychologische Tiefe, ihre Motive sind unklar.

Es gibt eine Ausnahme: Großartig spielt Peter McDonald den Freund des Messias, Jünger und Junkie. Er glaubt an Ralf, gibt aber freimütig zu, dass er sich schon allen möglichen Gurus anvertraut hat. Eine witzige Figur, die über sich selbst reflektiert und trotzdem authentisch wirkt.

Arthur Miller ist es zeitlebens schwer gefallen, seine Stücke in die Hände von Regisseuren zu übergeben. Bis kurz vor seinem Tod hat er keine Gelegenheit ausgelassen, Inszenierungen zu begleiten, extra anzureisen. Mit seinem Spätwerk hat er mehr Erfolg in Europa gehabt. Enttäuscht hat der Altmeister beobachtet, wie am Broadway nur seine Klassiker Erfolge feierten. "Ohne Europa hätte ich längst aufgegeben", hat er einmal gesagt. Insbesondere in London hat er sich zu Hause gefühlt.

In vielen seiner Stücke setzt er filmische Mittel ein wie Lichteffekte, Projektionen und Flashbacks. Auch in diesem Stück hat er für die Anfangsszene Lichteffekte beschrieben. Warum ausgerechnet ein Filmregisseur diese gar nicht nutzt, bleibt unerklärlich. Bühneneffekte gibt es so gut wie gar nicht, nur Nebel wabbert hin und wieder aus den angedeuteten Bergen herunter. Und zum Schluss gibt es einen lauten Donner. Ein letzter Gruß von Ralf, der für immer verschwindet und die Figuren ratlos auf der Bühne zurück lässt.