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New York: Scarlett Johansson wagt sich an den Broadway

Sie ist schön, sie ist sexy, aber ob sie wirklich schauspielerisches Talent hat, das kann sie nur auf der Bühne beweisen. Als eine von vielen Kinogrößen spielt nun auch Hollywood-Star Scarlett Johansson am Broadway.

Von Ulrike von Bülow, New York

Vor ein paar Wochen hatte Scarlett Johansson Zeit für ein kleines Gespräch. Sie saß mit Liev Schreiber zusammen, ihrem Kollegen, mit dem sie für ihren großen Auftritt probte, aber nun hatten die beiden Pause, und Miss Johansson überlegte, wie das wohl wäre, wenn die Kritiker sie in der Luft zerreißen würden - wie das ja häufig geschieht, wenn sich eine Filmschauspielerin auf die Theaterbühne wagt. "Es würde mir das Herz brechen", sprach sie, "aber was soll ich tun? Es gar nicht erst versuchen? Und stattdessen eine Bäckerei eröffnen?" Mr. Schreiber lachte, dann sagte er: "Wenn du nicht bereit bist, dich vor Publikum zum Esel zu machen, dann bist du das Geld nicht wert, das die Leute bezahlt haben, um dich zu sehen."

Scarlett Johansson, 25, zählt zu den schönsten Frauen des amerikanischen Kinos, aber nun gibt sie ihr Broadway-Debüt und ist im New Yorker "Cort Theatre" zu sehen - in "A View From The Bridge", einem Drama von Arthur Miller, in dem sie neben Liev Schreiber die Hauptrolle spielt. Man kann das durchaus mutig nennen: Am vergangenen Sonntagabend feierte das Stück offiziell Premiere, und die Frage war natürlich - kann die das?!

Sie muss neben Schauspiel-Schwergewicht Liev Schreiber bestehen

Oft weiß man bei ihren Filmen nicht genau: Ist Scarlett Johansson nur besonders sexy oder auch talentiert? War Woody Allen in sie verknallt oder wollte er eine grandiose Schauspielerin, als er sie zuletzt andauernd besetzte? All das schwingt ja bei ihr mit, und darum war nicht nur die "New York Times" ganz überrascht, "mit welcher Leichtigkeit Miss Johansson hier mithält - neben einem derart kompletten Schauspieler wie Liev Schreiber", so schrieb das Blatt nach der Premiere.

Liev Schreiber, 42, Lebensgefährte der Schauspielerin Naomi Watts, ist kein Neuling am Broadway: Er stand hier in "Talk Radio" auf der Bühne und in "Glengarry Glen Ross", dafür bekam er einen "Tony", den Oscar der Theaterschauspieler. Schreiber kann ein Stück tragen, so präsent ist er, ganz eins mit seiner Rolle, was bisweilen aber dazu führt, dass die Darsteller neben ihm ziemlich klein aussehen. Unscheinbar. So auch Scarlett Johansson, aber in ihrem Fall ist das gut, es macht sie groß: Man vergisst, dass da eine Filmschönheit auf der Bühne steht, man sieht Catherine, das 17-jährige Mädchen, das Johansson spielt. Glaubhaft.

Es sind ja schon viele Hollywood-Stars am Broadway aufgetreten, nie wurden sie so gebraucht wie heute: Die Theater in New York kämpfen mit der Rezession, das Publikum tut sich schwer in diesen Zeiten; ständig werden Rabatte auf Eintrittskarten angeboten ("30 % OFF!", "50 % OFF!"), nur für jene Stücke nicht, die mit weltberühmten Namen locken. Der Knaller des Winters war "A Steady Rain" mit Daniel Craig und Hugh Jackman, dauerausverkauft, aber furchtbar vorhersehbar: Das Stück kreiste dermaßen um die Herren, das es schlicht "Zwei Superstars auf einer Bühne" hätte heißen können. Da waren Daniel Craig und Hugh Jackman zu sehen, nicht aber die beiden Polizisten, die sie darstellen sollten. Ähnlich war es, als Katie Holmes in "All My Sons" am Broadway erschien, die Zuschauer sich aber schwer taten, in ihr etwas anderes als die Ehefrau von Tom Cruise zu erkennen.

Cate Blanchett verausgabt sich auf der Bühne

Es ist nicht immer leicht, die Rollen auf der Bühne von denen im wahren Leben zu trennen. Bei den ganz großen Schauspielern aber geht das, die sind ja auch deshalb so gut, weil man vergisst, wer sie sind. Wie bei Cate Blanchett, die Ende 2009 in New York auftrat, Off-Broadway, in einem Theater in Brooklyn, wo sie als Blanche DuBois in "Endstation Sehnsucht" langsam zerfiel, so eindringlich, dass sie beim Schlussapplaus zu kaputt war, um groß zu lächeln oder sich zu verbeugen: Blanchett stand einfach nur da. Anders als Scarlett Johansson, die am Wochenende fröhlich knickste, kaum dass "A View From The Bridge" zu Ende gegangen war, und dann stolz den Kollegen Liev Schreiber anstrahlte. Sie legte ihm den Arm auf die Schulter, sehr respektvoll, als wolle sie sagen: Good Job! Schreiber ist überragend, der Besuch im "Cort Theatre" lohnt sich - wegen ihm, aber auch wegen ihr.

Das Stück spielt im New York der Fünfziger Jahre, es geht um Eddie Carbone (Schreiber), einen sizilianischen Einwanderer, der im Hafen arbeitet und mit seiner Frau und seiner Nichte Catherine (Johansson) in Brooklyn lebt, am Wasser. Catherine wird langsam erwachsen, sie hat ihren ersten Job gefunden - und dann begegnet ihr die erste Liebe: Eddie nimmt zwei Vettern aus Italien bei sich auf, die illegal eingereist sind, was zu räumlicher Enge und versteckten Spielchen führt. Catherine entflammt für Rodolpho, den jüngeren von beiden, was Eddie nicht ertragen kann, der entdeckt, dass er Gefühle hat für Catherine, die er als Erziehungsberechtigter besser nicht haben sollte. Er will sie und Rodolpho auseinander bringen, doch als ihm das nicht gelingt, wird es dramatisch. Und am Ende fällt ein Schuss.

Liev Schreiber ist famos als Eddie: Zunächst ein stolzer Mann, erscheint er im Laufe des Stückes immer abgespannter, erkennt man in seinem Gesicht die schlaflosen Nächte, die ihm seine Nichte Catherine bereitet. Kess gespielt von Scarlett Johansson: Anfangs ein bisschen bieder, dann erblühend nimmt man ihr das Mädchen ab, das die Revolution wagt. Vielleicht liegt es an ihrem Haar, das auf der Bühne brünett ist, vielleicht an den mausgrauen Röcken, die sie trägt, aber Scarlett Johansson verschwindet in ihrer Rolle. Es ist ein Vergnügen, sie auf der Bühne zu sehen. Und nicht in einer Bäckerei!