HOME

Ein Bild und seine Geschichte: Ein Kuss für die Kapitulation

Der Krieg ist vorbei: Drei Monate nach dem Sieg der Alliierten gegen Nazi-Deutschland kapituliert auch Japan. Ganz Amerika jubelt. Allein auf den Straßen New Yorks feiern zwei Millionen Menschen. "Life"-Fotograf Alfred Eisenstaedt macht zwei von ihnen zu Ikonen - und hinterlässt der Welt ein Rätsel.

Von Philipp Gülland

Mitten auf dem Times Square, der legendären Kreuzung im Herzen New Yorks, greift der junge Mann im dunklen Matrosenhemd die Hüften einer Krankenschwester. Kraftvoll, fast ausgehungert, beugt er sich über die junge Frau in der weißen Schwesternuniform und drückt ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund. Sie lässt es, offensichtlich überumpelt, geschehen.

"Am Tag des Sieges in Japan sah ich auf dem Times Square diesen Matrosen. Er schnappte sich jedes Mädchen in Sichtweite", wird sich der Fotograf Alfred Eisenstaedt später an diesen Augenblick erinnern. Dem siegestrunkenen Seemann verschaffte er mit dieser Aufnahme seinen festen Platz im Bildgedächtnis der Welt - in Geschichtsbüchern und Bildbänden, auf Postern und Postkarten. Eisenstaedts Foto, ein schlichtes Hochformat, besticht durch die Intensität des Augenblicks. Im Hintergrund sind die lachenden Gesichter Neugieriger zu sehen, ein vorbeischlendernder Seemann in weißer Uniform grinst wissend. Eisenstaedts genial-simpler Schnappschuss enthält die Essenz des 15. August 1945: Euphorie und Erleichterung.

Pionier eines neuen Fotojournalismus

So spontan Eisenstaedts Bild wirkt, der legendäre Fotoreporter hat geduldig auf den richtigen Moment gewartet. "Ich bin mit meiner Leica vor ihm hergelaufen und habe immer wieder über meine Schulter geschaut", berichtete er später. "Dann sah ich plötzlich, wie er etwas Weißes griff. Ich drehte mich um und drückte ab, als der Matrose die Krankenschwester küsste." Vier Bilder habe er gemacht, sagt der Bildfänger. Das habe kaum vier Sekunden gedauert. Auf die Frau mit der weißen Uniform und den farblich passenden Nylonstrümpfen habe er gewartet. Schwarz-Weiß-Film braucht den Kontrast zwischen Hell und Dunkel.

Eisenstaedt, Spross einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Ostpreußen, kam auf der Flucht vor den Nazis 1935 in die USA. Bereits in Berlin hatte er sich als Fotojournalist einen Namen gemacht und knüpft auf der anderen Seite des Atlantiks bald an alte Erfolge an. Die Nachrichtenagentur Associated Press und namhafte Zeitschriften wie "Harper's Bazaar" und "Vogue" zählen zu seinen Kunden. Schließlich stellt ihn das neu gegründete "Life"-Magazin als Fotoreporter ein. Der umtriebige Eisenstaedt prägt das Genre nachhaltig. Neben den Magnum-Gründern Cartier-Bresson und Robert Capa zählt er zu den Pionieren des modernen Fotojournalismus.

Rätselraten um die Unbekannten

Das Bild der sich küssenden Fremden geht um die Welt. Ihre Identität bleibt jedoch letztlich ein Rätsel. Selbst von der allgemeinen Euphorie angesteckt, vergisst Eisenstaedt sich die Namen der Beiden zu notieren und kann so nichts zur Aufklärung beitragen.

Jahrzehnte später, 1980, macht "Life" sich offiziell auf die Suche nach den beiden Ikonen. Viele Leser melden sich in der Redaktion und behaupten, einer der Küssenden gewesen zu sein. Unter ihnen ist Edith Shain, heute eine pensionierte Lehrerin in Los Angeles. Sie ist sicher, die Krankenschwester gewesen zu sein - der Fotograf stimmt ihr zu.

Wer der Seemann ist, lässt sich nie abschließend klären. Zehn Männer fordern ihren Platz in der Geschichte ein. Keiner von ihnen wird eindeutig als der Matrose vom Times Square identifiziert. 2007, sieben Jahre nach Einstellung des legendären Bildermagazins und zwölf Jahre nach Eisenstaedts Tod, bescheinigt ein aufwändiges kriminologisches Gutachten dem mittlerweile 80-jährigen Texaner Glenn McDuffie, der küssende Seemann zu sein. Offiziell bleibt die Identität des Mannes mit der schräg sitzenden Mütze aber ungeklärt. Dem Zauber des Bildes schadet das nicht, im Gegenteil - schließlich braucht jede Ikone ein Geheimnis.

Themen in diesem Artikel