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Ein Bild und seine Geschichte: Grollen im Dschungel

Alle erwarten das Ende seiner Karriere, doch Muhammad Ali schreibt an diesem 30. Oktober 1974 in Zaire Boxgeschichte. Am Ring steht auch Abbas. Der iranisch-französische Fotograf macht ein Jahrhundertbild zum Jahrhundertkampf.

Von Philipp Gülland

Es ist heiß in Kinshasa, die Stadt kocht. Ein lang erwartetes Duell erhitzt die Gemüter. Ein ungleicher Kampf, so scheint es. In der einen Ecke George Foreman, Weltmeister, Olympiasieger, seit 40 Kämpfen ungeschlagen und ein Meister des schnellen K.O. In der anderen Ecke Muhammad Ali, alternde Boxlegende mit Außenseiterchancen. Beide wollen den Weltmeistertitel. Die internationale Sportpresse räumt Ali keinerlei Siegesaussicht ein, einige Sender strahlen schon Abschiedsbeiträge aus. Der Ausgang des großen Faustkampfes scheint klar; und doch soll ein unerhört spannender Boxkrimi daraus werden. Abbas wird die Beweismittel sichern.

Warten auf den Knall

Schon einen Monat fiebert die afrikanische Republik dem Kampf entgegen, mit ihr die ganze Welt. Aufgrund einer Verletzung Foremans mußte der Showdown verschoben werden, die Kontrahenten sind im Land geblieben. Muhammad Ali nutzt die Zeit. Geschickt provoziert er seinen Gegner immer wieder zu Stellungnahmen und verkündet, wie er ihn besiegen werde: "Fliegen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene." Bei den Einheimischen ist der offene, kontaktfreudige Ali ohnehin beliebter - Foreman hingegen hat schnell alle Sympathien verspielt: Grimmiger Blick und Schäferhund machen ihn für Viele zum Abbild der noch immer verhassten früheren belgischen Kolonialherren.

In den zurückliegenden Wochen ist die Spannung ins Unermessliche gewachsen. Die Sympathien sind klar verteilt: "Ali, boma ye!", "Ali, töte ihn!" wird Muhammad beim Training immer wieder angefeuert. Ähnlich klar, nur andersherum steht es um die Chancen: Niemand rechnet wirklich mit Ali, zu übermächtig erscheint sein Gegner, zu eingerostet er selbst.

Taktik vor Tausenden

Was schließlich im Ring passiert, überrascht alle. Abbas erlebt es hautnah mit, spürt die Hitze, riecht den Schweiß. Der Fotojournalist steht direkt am Bühnenrand dieses Dramas und verfolgt den Schlagabtausch durch sein Weitwinkel. Der große Muhammad Ali lässt sich verprügeln, unglaublich. 100.000 Zuschauer, ein Meer von Menschen, sind fassungslos. Doch hinter der scheinbaren Schwäche der Boxlegende steckt ein raffiniertes Kalkül. Abbas hört es: "Komm schon, George. Ist das alles? Ich hatte mehr erwartet. Mehr hast Du nicht drauf?" schreit Ali seinen Gegner an, während er sich in die Seile drängen lässt und auf seine Deckung achtet. Deutlich ist diese Taktik in Abbas Bild zu erkennen. In die Seile gelehnt, weicht Muhammad Ali den Schlägen seines Kontrahenden aus, schaut ihn verächtlich-fordernd an. Foremans Faust schießt ins Leere, Gefangen zwischen Staunen und Wut schlägt er sich in Rage, die Unverschämtheit seines "Opfers" - wie er vielleicht noch denkt - macht ihn blind.

Muhammad Ali hat jetzt, was er will: sein Goliath steht auf zunehmend wackligen Füßen, verausgabt sich immer mehr und wird damit besiegbar. Seit vier Runden schon hat sich das Blatt gewendet. Ali erschüttert seinen bis dahin siegesgewissen Gegner immer wieder durch präzise Treffer. Dann die Entscheidung in Runde acht. Zwei schnelle Links-Rechts-Kombinationen und neun Kopftreffer schaffen Klarheit: Der Schmetterling hat gestochen, Abbas hat sein Bild, Zaire kocht.