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Ein Bild und seine Geschichte: Hundstage in New York

Er sagt von sich: "Ich bin Elliott Erwitt, und das schon seit einigen Jahren." Die Kamera als "Kuscheldecke" immer dabei, entdeckt der 79-Jährige die Welt mit den staunenden Augen eines kleinen Jungen und dem Comedy-Talent Charlie Chaplins. Sein besonderes Faible: Hunde.

Von Philipp Gülland

Etwas verloren schaut er drein, der Chihuahua mit der Wollmütze und dem modischen Mäntelchen. Vielleicht hat er auch Angst. Das wäre nur verständlich, denn auf seiner Augenhöhe fangen die Beine der Dogge rechts neben ihm erst an – der Körper ist schon gar nicht mehr im Bild. Auch von "Frauchen" ist nicht mehr zu sehen als ihre Lederstiefel und der Saum ihres Wollrocks. Da kann man als Schoßhund schon mal die Fassung verlieren.

Urkomischer Kassenschlager

Angst hin, Angst her: Dieses 1974 in New York aufgenommene Bild ist urkomisch. Wer sich nicht vor Lachen schüttelt, muss zumindest schmunzeln. Der krasse Gegensatz zwischen dem winzigen Chihuahua und der riesenhaften Dogge, der verstörte Blick des kleinen Hundes und sein von "Frauchen" ausgesuchtes Outfit machen die Aufnahme zum vieldeutigen Witz ohne Worte. Das Motiv wurde auf zahllosen Postern und Postkarten abgedruckt, ein Bestseller und eine von Erwitts bekanntesten Aufnahmen.

Später wird der Fotograf dem Thema "Hund" einen ganzen Bildband widmen: "Hunde sind überall. Und Hunde sind interessant. Deshalb fotografiere ich sie. Ich habe nie bewusst Hunde fotografiert. Aber vor ein paar Jahren habe ich entdeckt, dass auf meinen Kontaktabzügen viele, viele Bilder von Hunden sind. Und so kam mir die Idee mit den Fotos - sofern sie gut waren - vielleicht einen Bildband über Hunde zu machen."

Comedian mit und ohne Kamera

Überhaupt kann man den liebenswert-verschrobenen Kamerakünstler nur gern haben: "Ich weiß, es gehört sich nicht. Dennoch, hat man Elliott Erwitt ein wenig kennen gelernt, möchte man eigentlich nur noch eins, ihn knuddeln. Er ist unglaublich liebenswürdig, gesegnet mit der Gelassenheit des Alters und reich beschenkt mit einem begnadeten Blick." Hat stern-Art-Director Tom Jacobi einmal treffend formuliert und dabei an Erwitts Weltverliebtheit, seinen "begnadeten Blick" und seine Gelassenheit gedacht.

Elliott Erwitt, das ist ein großer Junge, einer der Interviews gerne so beginnt: "Ich bin Elliott Erwitt, und das schon seit einigen Jahren. Wenn ich morgens aufstehe, putze ich mir die Zähne und schaue was an Arbeit anfällt. Und wenn ich irgendwo hingehe wo es interessant ist, nehme ich meine Kamera mit. Ich glaube, sie ist für mich das, was für Kinder eine Kuscheldecke ist. Als Erwachsener eine Kuscheldecke mit sich herumzutragen ist zwar nicht praktisch, aber eine Kamera ist klein und leicht zu tragen."

Sammler übersehener Kostbarkeiten

Ohne viele Worte und mit einem gehörigen Schuss Ironie umreißt Erwitt sein Selbstverständnis als Fotograf. Seine zweite Ehefrau beschreibt ihn einmal als "einen kleinen, traurig blickenden Hund auf seinem Weg zu einer großen Reise oder gerade in der Pause zwischen zwei Reisen". Wen wundert da noch die besondere Affinität zu den Vierbeinern.

Täglich sammelt der still lächelnde Flaneur mit der Kamera mit untrüglichem Gespür übersehene Kostbarkeiten in einer zusehends beschleunigten Welt: Kleine Alltagskomödien, versteckte Leidenschaft, ganz großes Welttheater auf ganz kleinen Bühnen - und immer wieder Hunde, denn die machen nicht viele Worte.

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