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Sony World Photography Awards: Blümchensex an der Côte d'Azur

In Cannes sind die Sony World Photography Awards als "Oscar der Fotografie" aus der Taufe gehoben worden - eigentlich eine ziemlich gute Idee. Doch die Veranstalter haben die Rechnung ohne die Fotografen gemacht.

Von Sophie Albers, Cannes

Eine Preisverleihung ist wie Sex: Nur weil die Zutaten stimmen, ist er noch lange nicht gut. Es gibt da nämlich noch so etwas wie Chemie, und die ist den ersten Sony World Photography Awards in Cannes trotz bester Voraussetzungen schlicht und ergreifend abgegangen. Weder der festivalgeschmückte Ort, noch große Namen und auch nicht das noch größere Geld des Sponsors brachten mehr zustande als eine kurze Blümchennummer. Daran konnte nicht einmal Celebrity-Darling Rankin etwas ändern, der sich als einziger Vertreter der Fotografengemeinde wirklich daneben benahm.

Aber zurück auf Start: Im Zeitalter der digitalen Fotografie droht die Masse die Qualität zu ersäufen. Ein US-Fotograf namens Scott Gray ersann deshalb vor zwei Jahren einen Weg, Schleusen in die Bilderflut zu bringen und zugleich der Branche Aufmerksamkeit und Autorität zu sichern: ein internationaler Foto-Preis mit einer Academy aus Fotokünstlern im Hintergrund - Prinzip Oscar eben.

Schwergewichte und Geld

Der bisherige Erfolg gab seiner Vision Recht: Mit Schwergewichten wie Nan Goldin, Bruce Davidson, Martin Parr und Elliott Erwitt sprang die Fotografengemeinde auf den PR-Zug. Multikonzern Sony erkannte die Chance und gab das nötige Geld. Und schließlich war auch das öffentliche Interesse immens: Nach Grays Angaben gab es in den elf Profi-Kategorien von Mode bis Architektur 70.000 Einsendungen aus 178 Ländern. Soweit die Zutaten für die Bildorgie an der Côte d'Azur.

Doch war es am Ende dann eben ein schwacher Höhepunkt. In Verbindung mit dem Ort Cannes, wo sich an der Croisette bereits die Starlets für das Mitte Mai startende Filmfest warm laufen, ist eine Gala - zumal im Festival-Palast - dem Glamour verpflichtet. Doch der war weder in der Ausstellung zu finden, deren Pappwände mit Plastikstühlen davor den Charme einer Messehalle versprühten, noch auf der Verleihung selbst, die schneller und unspektakulärer über die Bühne ging, als man den Nachtisch des Gala-Dinners verschlingen konnte. Und das lag vor allem an den Protagonisten:

Nimm den Pokal und geh

Anstatt einer heulenden Gwyneth Paltrow, die Mama und Gott dankt, einem Fatih Akin, der auch beim 37. Preis verspricht, diesen mit der größten Party seines Lebens zu feiern und einem Schlachtfest des schlechten Geschmacks auf dem roten Teppich gab es ehrliche und pragmatische Menschen zu sehen, die für ihre Kunst leben. Die Preise hätte man ihnen genauso gut zuwerfen oder besser noch zuschicken können, so wenig Lust und Esprit hatten sie, auf die Bühne zu steigen, beziehungsweise dort länger als drei Sekunden zu verweilen.

So verkam jede Pokalübergabe zu einem Wettbewerb des schnellsten Danke-Sagens. Die in diesem Sinne doppelte Gewinnerin des Abends, die bereits bei den World Press Awards 2007 ausgezeichnete Britin Vanessa Winship, stratzte mit zerfurchter Stirn zum Mikro und widmete den Preis für das "Foto des Jahres" sofort um: den türkischen Mädchen ihrer Serie "Sweet Nothings". Abgang. Kurze Zeit später auf dem Damenklo schien sich ihre steile Stirnfalte noch tiefer in den Kopf zu graben, als eine offenbar showaffinere Kollegin schwärmte: "Ich liebe deine Arbeiten". Winship: "Aber deine sind doch auch ganz gut". Abgang zwei.

Hanebüchene Idee?

"Ein eiltärer Haufen chaotischer Individualisten", so hat Magnum-Fotograf Erich Lessing seinen Stand einst beschrieben. War es also eine völlig hanebüchene Idee, ausgerechnet diese getriebenen Bildersammler, deren Platz eben hinter der Kamera ist, zu einer groß angelegten "Foto-Oscar"-Show zu vereinigen?

"Klar bin ich eine Einzelgängerin", sagt Fotografin und Jury-Mitglied Nan Goldin im Gespräch mit stern.de, "aber ich treffe gerne andere Fotografen und sitze gerne in Jurys." Die Awards halte sie für eine gute Idee, und die Auswahl sei ihr nicht besonders schwer gefallen: "Ich finde, es gibt nicht viele gute Bilder in der Welt. Es gibt mittlerweile viel zu viele Fotos, vor allem mit der digitalen Fotografie. Das meiste ist nicht sehr tief gehend, oberflächlich und einfach zu verstehen."

Und was ist ein gutes Foto, Frau Goldin? "Eines, das dich immer weiter reinzieht, je länger du es betrachtest. Die meisten Fotos kannst du auf ein T-Shirt drucken." Sie stockt und stiert eine Frau an, die in die Hocke gegangen ist, um die Künstlerin zu fotografieren: "Sie dürfen mich nicht von unten schießen. Ich weiß, was gut aussieht. Das ist der Monsterwinkel." Glamourwelt verkehrt.

Vielleicht ist Rankin, Starfotograf der Models und Popstars, ja für die Show zu haben. Auch er sitzt in der Jury. "Ich war skeptisch, bin ich immer, was Preise angeht. Aber es gibt kein anderes Podium, das alle Genres der Fotografie vereint", so der Brite zu stern.de. Viele Arbeiten seien zwar nicht so gut, wie er gehofft habe, doch "für das erste Jahr haben die Awards eine Menge Potential, um Fotografie und Fotografen zu fördern. Und für die breite Öffentlichkeit ist das eine großartige Sache." Dann hat es sich aber auch schon mit den Nettigkeiten: Der deutschen Fotografin Natalie Bothur verhagelt Rankin den Abend, indem er als Laudator der Kategorie "Nude" (Akt) den falschen Namen als Gewinner nennt, der "sein Favorit" gewesen sei. Bothur muss sich ihren Preis später abholen, als der Patzer aufgeklärt wird.

Gut, dass es noch den immer versöhnlichen Preis für das Lebenswerk gibt, der an den Foto-Veteranen Phil Stern geht. Auch der 88-Jährige, der sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch James Dean und die Monroe ablichtete, zeigte sich begeistert vom Potential der Foto-Preise. "Danke, dass sie so drastisch träumen", sagte er und hat trotz Sauerstoffgerät die längste Ansprache des Abends gehalten.

Streit um die Manipulation

Richtig viel versprechend war im Rahmen dieses Neuanfangs allerdings eine Veranstaltung hinter verschlossenen Türen: der Kongress der Sony World Photography Awards. Fotografen, Galeristen, Verleger diskutierten über die drängendsten Fragen der Branche - von Copyright bis zur Bildmanipulation. Bisher war die Suche nach einem Kodex zur Wahrung der Integrität des Fotojournalismus wenig erfolgreich. Es wurde heftig diskutiert und auch gestritten, und am Ende stand immerhin fest, dass man weiterdiskutuieren müsse.

Da kommt Rankin noch mal angerannt und holt die Theorie in die Praxis zurück: Fotografieren sei wie eine Liebesbeziehung, so der Freund von Bono und Kate Moss. "Du hast eine Affäre mit jemandem, da wird der Sex mit jedem Mal besser." Vielleicht gilt das ja auch für Preisverleihungen.