60 Jahre "Magnum Photos" Die Augen der Welt


Die älteste und renommierteste Fotografenagentur der Welt feiert Geburtstag. Vom sterbenden Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg Robert Capas über den Besuch im Bordell von Antoine d'Agatas bis zum Blick auf die Überflussgesellschaft von Martin Parr: Immer wieder schießen Magnum-Fotografen Bilder, die die Welt (be)deuten.
Von Marcus Rothe

"Ich bin ständig unterwegs", stöhnt der junge Leiter von Magnum Europa, Julien Frydman, in seinem mit bis zur Decke mit Archiven gefüllten Pariser Büro. Da die älteste und renommiertesten Fotoagentur der Welt dieses Jahr ihren 60. Geburtstag begeht, reißen die Feierlichkeiten nicht ab. Seitdem die Fotografen Robert Capa, George Rodger, David "Chim" Seymour und Henri Cartier-Bresson die Agentur "Magnum Photos" in Paris gründeten, haben sich über eine Million Fotos angesammelt. Viele dieser Bilder haben sich im Laufe der Jahrzehnte als Ikonen ins Gedächtnis der Menschheit eingebrannt: Der Zigarre rauchenden Ché Guevara von René Burri, die bei den Dreharbeiten zu "The Misfits" entstandenen Marilyn Monroe-Porträts von Elliott Erwitt, Sebastião Salgados Bilder von den Minenarbeitern in Südamerika, die Massaker in Ruanda aus der Sicht von Gilles Peress oder die Grauen des Vietnamkriegs, dokumentiert von Philip Jones Griffiths.

Besonders im französischen Heimatland der Agentur sind die Magnum-Fotos derzeit unübersehbar. 60 Pariser Zeitungskioske haben ihre Vitrinen von 20 Magnum-Fotografen gestalten lassen, im September feiert sich Magnum mit einer Retrospektive auf dem Foto-Festival in Arles. Auch auf dem prestigeträchtigen Festival für Fotojournalismus "VISA pour l'image" in Perpignan hat die Agentur eine Ausstellung organisiert, im November wurde das opulente Geburtstagsbuch in London veröffentlicht.

Kein einheitlicher Stil

Ursprünglich war der klassische Magnum-Fotoreporter als Zeitzeuge unterwegs in den Krisenherden der Welt. Inzwischen hat sich das Spektrum der Sujets erweitert, auch wenn Mode- und Werbefotos oder gar Paparazzi-Motive immer noch verpönt bleiben. Kann man heute noch von einem bestimmten Magnum-Stil sprechen? "Nein", wehrt sich der Leiter des Pariser Magnum-Büros, Julien Frydman, vehement "Es hat nie einen einheitlichen Stil gegeben. Die Vielfalt steckte schon in den Genen der Agentur, denn ihre Gründer waren ganz verschieden: Robert Capa stand für die klassische Fotoreportage, der von der Malerei kommende Henri Cartier-Bresson machte durchkomponierte, beinahe surrealistische Bilder und George Rodger, der schon die Leichenberge im KZ Bergen-Belsen fotografiert hatte, fühlte sich der humanistischen Fotografie verpflichtet."

Capa, Rodger, Seymour und Cartier-Bresson hatten 1947 in der Blütezeit der Fotoreportage ihre Kooperative begründet, als sich die Bildermagazine wie "Look", "Life" oder "Vu" um ihre Fotos rissen, um sich ihre finanzielle und künstlerische Unabhängigkeit gegenüber den Kunden zu sichern. Sie wollten ihre Themen selbst wählen, die Fotos von den Redaktion nicht beschneiden lassen und die Rechte an ihrer Arbeit behalten, um sie selber weiterverkaufen zu können.

Verbunden fühlten sich die Gründer durch einen moralischen Anspruch, das öffentliche Bewusstsein zu wecken, auch wenn sie mit ganz unterschiedlichen Methoden zu Werke gingen. Während Robert Capa so nah wie möglich am Geschehen sein wollte, predigte Cartier-Bresson, stets den "entscheidenden Augenblick " abzuwarten. Mit dieser Spannung zwischen Journalismus und Kunst hat sich die Methode Magnum in den letzten 60 Jahren einen Namen gemacht.

Die Aufnahme kann Jahre dauern

Die hohen künstlerischen und ethischen Ansprüche der Agentur, die heute 60 Fotografen umfasst, werden beim Auswahlverfahren deutlich. Wer zum erlesenen Kreis der Star-Fotografen stoßen will, muss eine wahre Ochsentour absolvieren. Auf der jährlichen Hauptversammlung im Juni entscheiden die Fotografen über die Aufnahme der Beitrittskandidaten. Julien Frydman war dabei: "Die Fotografen wählen ihre künftigen Magnum-Kollegen in leidenschaftlichen Debatten - ganz aus dem Bauch heraus und ohne jedes kommerzielle Kalkül! Dieses Jahr haben sie unter 300 eingesandten Portfolios nur drei Beitritts-Kandidaten gewählt. Bis diese "Nominees" dann mit der Mehrheit der Stimmen zum "Associate" und schließlich zum Vollmitglied werden, vergehen vier bis sechs Jahre.

Durch diesen langwierigen Auswahlprozess wollen die Magnum-Fotografen prüfen, ob die Kandidaten auch wirklich einen persönlichen Blick auf die Welt haben." Junge Talente warten geduldig jahrelang auf ihre Aufnahme, denn gerade in Zeiten der Bilderflut ist die Mitgliedschaft bei Magnum die Krönung einer Karriere. Mittlerweile sind die Bilder von Magnum-Starfotografen wie Raymond Depardon, Sebastiao Salgado, Jeanloup Sieff, James Nachtwey oder Martin Parr weit über Fachkreise hinaus einem großen Publikum bekannt. Bildbände, Ausstellungen und Veröffentlichungen in Zeitungen und Magazinen haben ihren Ruhm gefestigt. Dennoch scheint der Name Magnum vor allem mit dem Image des engagierten Kriegsfotografen à la Robert Capa verbunden zu sein.

Aufgabe der vier Magnum-Büros in Paris, London, New York und Tokio ist es, die immensen Fotoarchive ihrer Mitglieder zu verwalten, Kontakte zu Kunden, Museen und Verlegern herzustellen. Während Ende der 90er Jahre viele Agenturen ihre Unabhängigkeit verloren und ihre Fotografen zu Angestellten machten, sind die Magnum-Fotografen ihr eigener Chef geblieben. Für Julien Frydman soll die Pariser Agentur den Fotografen lukrative Einnahmequellen erschliessen, "damit sie ihre persönliche Arbeit fortsetzen können. Wir können niemanden zwingen. Wenn sie lieber monatelang Krater ablichten wollen anstatt eine Werbekampagne zu shooten, ist das ihre eigene Entscheidung. Die Fotografen sind meine Chefs."

Das Leben nach der digitalen Revolution

Mögen Magnum-Stars wie Raymond Depardon auch von einem Auftrag zur nächsten Ausstellung jetten - seine unbekannteren Kollegen haben es schwer. Denn seitdem Fotos durch die digitale Revolution millionenfach (und meist kostenlos) im Internet zugänglich wurden, Hobbyfotografen den Medien zuspielen und das Fernsehen alle Krisen abdeckt, ist der klassische Fotojournalismus in eine schwere Krise geraten. Magnum aber scheint sich der neuen Ära inzwischen erfolgreich anzupassen.

"Nachdem wir 400.000 der über 1,2 Millionen Magnum-Fotos elektronisch gespeichert haben, verkaufen wir über unsere Internetplattform mehr Bilder als zuvor" sagt Frydman stolz. Neu ist auch das multimediale Angebot "Magnum in Motion" im Internet. Die Fotografen zeigen und kommentieren ihre Fotos dort in einer Art essayistischen Diashow. Der ironische Brite Martin Parr schwärmt vom Schauplatz Supermarkt und nimmt die westliche Wohlstandsgesellschaft auf den Arm, Philip Jones Griffiths kehrt erschüttert zurück an die Schauplätze des Vietnam-Kriegs, während der 78jährige Amerikaner Elliott Erwitt lieber von seiner Vorliebe für lustigen Situationen mit Hunden und Nudisten schwadroniert. Derartig ins Fließen gebracht, zeigen die Magnum-Bilder, wie sie gerade im visuellen Fließband unserer Zeit mit ihrem künstlerischen Eigensinn die Sicht auf die Welt prägen.


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