Ein Bild und seine Geschichte Angriff im Morgengrauen


Robert Capas "D-Day" dokumentiert die Landung alliierter Truppen in der Normandie. Wir erzählen die Geschichte hinter diesem berühmten Foto.
Von Philipp Gülland

Ein verschwommenes, extrem grobkörniges Schwarzweißbild wird zur Ikone, dabei hätte es um ein Haar den Trockenschrank in der Dunkelkammer des Londoner "Life"-Büros nicht überlebt. In der Eile werden die Filme des Fotografen Robert Capa zu heiß getrocknet und von 106 Aufnahmen bleiben neben dieser nur zehn, die anderen Negative sind bis zur Unkenntlichkeit zerschmolzen. Weit entfernt von technischer Perfektion ist dieses Foto doch - oder gerade deswegen - eins der fesselndsten in der Geschichte des Bildjournalismus: Vorne, im flachen Wasser Deckung suchend, ein amerikanischer Soldat, dahinter schemenhaft Panzersperren, gefallene Kämpfer, vielleicht ein Landungsboot und der Horizont des Ärmelkanals.

Es ist der 6. Juni 1944, D-Day, an der Kanalküste der Normandie tobt der Zweite Weltkrieg wie er roher und barbarischer nicht sein könnte: Zwischen Meerwasser, Sand und Panzersperren beginnt der letzte Akt einer sechsjährigen Tragödie beispiellosen Ausmaßes. Maschinengewehrfeuer, Granaten, Flammenwerfer und Minen verwandeln die sonst so friedlichen Strände für Stunden in Orte des Grauens.

Robert Capa, 30 Jahre alt und erfahrener Fotoreporter, hat sich mit seinen Bildern aus dem spanischen Bürgerkrieg bereits einen Namen gemacht. 1913 in Ungarn als Endre Ernö Friedmann geboren, führt ihn sein Weg zu der US-Zeitschrift "Life" über Berlin, wo er neben dem Politologiestudium bei der Fotoagentur Dephot (Deutscher Photodienst) arbeitet, und Paris, wo er sich als Freelancer durchschlägt und schließlich den reichen amerikanischen Fotografen Robert Capa erfindet, um seine Bilder besser vermarkten zu können. Der Trick fliegt auf und so nimmt er schließlich den Namen an.

Capas Bürgerkriegsbilder werden zwischen 1936 und 1937 in den Illustrierten "VU" und "Life" abgedruckt. Seine hautnahe und unmittelbare Sichtweise definiert den Bildjournalismus neu und trägt das Zeitgeschehen für jeden greifbar an die Zeitungskioske der Welt.

Am Morgen des 6. Juni ist Capa einer von sechs zugelassenen Fotografen der Zeitschrift "Life". Zusammen mit amerikanischen Soldaten landet er am Strandabschnitt "Omaha Beach", den am härtesten umkämpften Kilometern der gesamten Küste. "Eine neue Art von Angst schüttelte meinen Körper von den Zehen bis in die Haarspitzen und verzerrte mein Gesicht", wird er später in seiner Autobiografie "Slightly out of focus" schreiben. Um ihn herum waten die Männer in das hüfttiefe Wasser, kämpfen mit der gleichen Angst, suchen Deckung hinter Panzersperren, sammeln ihren Mut, feuern, töten, viele werden von Kugeln und Granaten verstümmelt oder sterben im Sperrfeuer deutscher Maschinengewehre.

In dieser rohen Welt aus Instinkt und Gewalt macht Capa seine Aufnahmen. Im Schutz eines Stahlhindernisses wiederholt er immer wieder einen Satz, den er in Spanien aufgeschnappt hat:"Es una cosa muy seria" - "Das ist eine sehr ernste Sache". So kontrolliert er seine Panik. Mit zitternden Händen wechselt er Filme, sucht Ausschnitte, stellt scharf und drückt immer wieder auf den Auslöser. Nach wenigen Minuten flüchtet er sich zurück in eines der Landungsbote: Nass, durchgefroren, mit 106 Bildern und dem Leben davongekommen, kehrt Capa nach England zurück.

Noch am selben Tag werden im Londoner "Life"-Büro seine Bilder der Invasion ungeduldig erwartet. Die Zeit drängt, denn in wenigen Tagen ist in New York Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe. Hastig werden Capas Filme entwickelt: Die elf verschwommenen und extrem körnigen Bilder, die nach einem Laborunfall noch brauchbar sind, schreiben Geschichte. Der G.I. in der Brandung fesselt mehr als alle anderen, hier zeigen knapp neun Quadratzentimeter Kleinbildfilm das ganze Drama und Capas Grundsatz "Sind Deine Bilder nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran" prägt bis heute die Arbeit engagierter Fotojournalisten weltweit.

1947 beteiligt sich Robert Capa zusammen mit Henri Cartier Bresson, David Seymour, George Rodger und William Vandivert in Paris an der Gründung der legendären Fotoagentur Magnum, die mit ihrem humanistischen Anspruch bis heute in der Reportagefotografie wegweisend ist. In Vietnam verlässt ihn dann sein Glück: oft heil davongekommen, findet Capa 1954 durch eine Mine den Tod.


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