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Ein Bild und seine Geschichte: Wenn das Henry Ford wüsste

Ohne Henry Ford würden die Straßen der Welt anders aussehen. Man kann den Amerikaner getrost Vater der Automobilindustrie nennen. Doch auch dem Traditionsunternehmen Ford macht die internationale Automobilkrise zu schaffen. Da die Autowirtschaft für den Ingenieur ein Garant für den Weltfrieden war, ist es Zeit für einen Rückblick.

Von Sophie Albers

Er hat den Bowler fast ein bisschen verwegen in die Stirn gezogen. Der Blick darunter ist weich, zeugt aber auch von ausgeprägter Selbstsicherheit. Und obwohl die Lippen aufeinander ruhen, scheint dieser Mund sagen zu wollen: "Schau mich an, schau meine Erfindung an". Der Mann mit dem Bowler-Hut, der auf einem vierrädrigen Gefährt posiert und die Lenkstange locker umgriffen hält, ist Henry Ford. Ingenieur, Erfinder und bald schon Vater der Automobilindustrie. Wir schreiben das Jahr 1896.

Es ist sein erstes benzinbetriebenes Auto, das er gerade vorführt. Nach Jahren der Experimente und Testreihen hat er das "Quadricycle" fertig gestellt. Vier Pferdestärken leistet der Zylindermotor, gute 30 Stundenkilometer ist das Gefährt schnell. Zwei davon hat er für je 200 Dollar verkauft. Ford ist 33 Jahre alt und Chefingenieur im Unternehmen des Elektrizitätspioniers Thomas Edison.

Jeder Zweite fährt "Tin Lizzie"

1899 steigt er aus und gründet 1901 seine erste eigene Firma, um Autos zu bauen: die Detroit Automobile Company. Es folgen Lehrjahre, Krisen, Unternehmen gehen ein und entstehen neu. 1908 gründet Henry Ford dann die Ford Motor Company, Geburtsstätte des Modell T, auch Tin Lizzie genannt, der perfektionierten Fließbandarbeit, der Arbeiter-motivierenden Lohnzahlung, der internationalen Franchiseverträge. 1918 ist jeder zweite Wagen auf Amerikas Straßen ein Modell T. 1932 ist jedes dritte Auto auf der Welt eine Fordproduktion. 161 Patente hat Ford in seinem Leben angemeldet. Er war einer der reichsten und bekanntesten Männer seiner Zeit. Als er 1947 starb, war er 83 Jahre alt.

Über das Geheimnis seines Erfolges hat Ford viel und gerne gesprochen. Massenproduktion und Konsumerismus fördern den Weltfrieden und heben den allgemeinen Wohlstand, so seine Weltsicht. Denn Arbeiter, die mehr verdienen, geben auch mehr aus. Die nach dem Autobauer benannte ökonomische Philosophie des Fordismus war auch Inspiration für Aldous Huxleys Kultroman "Brave New World" (1932). Darin werden die Menschen selbst am Fließband produziert, und in der Zeitrechnung heißt es nicht "nach Christi", sondern "nach Ford". "Der höchste Wert von Kapital ist nicht der, es zu vermehren, sondern die Lebensbedingungen zu verbessern", lautete eine Maxime des Großunternehmers. Der wirtschaftliche Erfolg sollte Ford viele Jahrzehnte lang Recht geben.

Charakterentwicklung

Das sieht mittlerweile anders aus: Ford Motor ist nach General Motors "nur noch" der zweitgrößte US-Autohersteller. Gerade erst im Oktober hat das Unternehmen seine Jahresprognose gesenkt. Marken und Markenanteile wurden und werden verkauft, darunter Aston Martin, Jaguar, Land Rover und Mazda. Ford Europa strich schon zu Beginn des Jahrtausends Tausende Stellen und fuhr die Produktionskapazität zurück. Das sei wiederum mit ein Grund dafür, dass Ford derzeit nicht so schlecht dastehe wie andere Autobauer, meinen Branchenexperten. Denn man habe sich frühzeitig auf die Kernmarke konzentriert. "Wir sind stolz auf unsere Vergangenheit", nannte das jüngst ein Ford-Marketingchef. "Aber wir konzentrieren uns auf unsere Zukunft".

Und auch für die hat der alte Ford noch eine Weisheit parat: "Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Erfahrungen. Jede davon macht uns besser, auch wenn das manchmal schwer zu glauben ist. Wir sind in der Welt, um unseren Charakter zu entwickeln. Wir müssen lernen, dass all die Rückschläge und Schmerzen, die wir erleiden, uns dabei helfen vorwärtszugehen." Fords Wort im Gehörgang des Verbrauchers.