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Motown steht auf: Detroit ist plötzlich wieder cool

Die Pleite der großen Autobauer hat die Metropole in die Armut gestürzt. Doch nun wird Detroit wieder cool. Häuser sind billig. Die Geschichte einer Stadt, die versucht, sich selbst zu retten.

Von Susan Ager

Die Innenstadt mit ihren Wolkenkratzern blieb erhalten, doch die sie umgebenden Viertel starben seit den 1950er-Jahren langsam aus. Viele der verlassenen Häuser wurden nun abgerissen und die Grundstücke zu Grünflächen umgewandelt.

Die Innenstadt mit ihren Wolkenkratzern blieb erhalten, doch die sie umgebenden Viertel starben seit den 1950er-Jahren langsam aus. Viele der verlassenen Häuser wurden nun abgerissen und die Grundstücke zu Grünflächen umgewandelt.

Inmitten der ärmsten Großstadt der USA steht ein flaches, bunt gestrichenes Haus. Drinnen bringt Anthony Hatinger im Schein einer Gewächshausbeleuchtung seine Saat aus und hofft, dass sie aufgeht. Im Keller schwimmen in großen Becken Tausende junge Tilapias. Im Keller, in dem heute die Fische in den Wannen schwimmen, standen früher die Whiskeyflaschen. Heute gehört der Laden zwar noch nicht wieder zu den "angesagten" Plätzen, aber das könnte sich ändern. Denn die Stadt, in der er steht, wird auf einmal wieder cool: Detroit.

Detroit war schon immer ein Ort, auf den die Welt blickte. Einst war es Sinnbild für den wirtschaftlichen Aufstieg der Großstädte. Hier läutete Henry Ford 1913 die Hochphase der Industrialisierung ein. Der Traum vom "Aufstieg für alle" wurde hier zuerst geträumt.

Genauso archetypisch war aber auch der Albtraum vom Absturz. Dieser Niedergang setzte in den 1960ern ein und erreichte in den 2000ern seinen Tiefpunkt. Als die Finanzkrise kam und weltweit auch die größten Unternehmen in die Knie gingen, traf es Detroit wie kaum eine andere Stadt der Welt. General Motors und Chrysler mussten Insolvenz anmelden, die Arbeitslosenrate betrug bald 18,2 Prozent, rund ein Drittel der Detroiter galt als arm. Die Stadt musste 2013 Insolvenz anmelden.

Der Verfall dieser Stadt ist heute ihr Motor

Und heute? Kann man Detroit schon wieder als globales Lehrbeispiel nehmen: dafür, wie sich eine Stadt selbst wiederbeleben kann. Und dies nicht nur durch staatliche Rettungsmaßnahmen, sondern durch das private Engagement der Menschen, die in ihr leben.

Shervette Michelle Standford hat ihren 46. Geburtstag im Jazzklub Bert’s Market Place in Eastern Market gefeiert. "Ich glaube, sobald sie das mit den Finanzen geregelt haben, wird Detroit wieder attraktiv, größer und schöner als je zuvor."

Shervette Michelle Standford hat ihren 46. Geburtstag im Jazzklub Bert’s Market Place in Eastern Market gefeiert. "Ich glaube, sobald sie das mit den Finanzen geregelt haben, wird Detroit wieder attraktiv, größer und schöner als je zuvor."

Hatinger, 25, schwarze Mutter, weißer Vater, ist stiller Teilhaber dieses Wandels. Er hat Religion und Gartenbau studiert; und arbeitet für einen christlichen Träger in einem der vielen Nachbarschaftsprojekte, die Detroit von Grund auf verändern. Den Fisch und das Gemüse aus eigener Produktion liefern Hatinger und seine Mitstreiter sowohl an gut besuchte neue Restaurants als auch an Lebensmittelmärkte in den ärmeren Gegenden der Stadt.

40.000 neue Straßenlaternen

"In Detroit habe ich viel über die menschliche Seele gelernt und über Beharrlichkeit", sagt er. "Man hört unglaubliche Sachen, wie manche Leute immer wieder versuchen, etwas auf die Beine zu stellen. Mit so viel Herz. Ich bin hier genau richtig." Klar ist: Ausgerechnet der Verfall dieser Stadt ist heute ihr Motor. In keiner anderen amerikanischen Metropole kann man mit so wenig Geld so viel erreichen.

Detroit erfindet sich neu, Gebäude für Gebäude, Idee für Idee, Mensch für Mensch. Jetzt, da die Stadt ihre 18 Milliarden Dollar Schulden los ist, kann sie ein wenig von dem tun, was getan werden muss: 40.000 Straßenlaternen wurden erneuert, die Durchschnittszeit, die die Polizei von einem Notruf bis zur Ankunft am Einsatzort braucht, wurde von einer Stunde auf weniger als 20 Minuten gesenkt.

Detroit wird eine coole Marke

Antonio "Shades" Agee, Graffitikünstler, ist mitten in der Stadt aufgewachsen. Agee, 44, ist ein typischer Detroiter - beherzt, ambitioniert, einer, der sich durchkämpfen musste. Mit 15 begann er zu trinken, Drogen zu nehmen und Graffitis zu sprühen. Detroits Hauptstraße, jetzt voller glitzernder Läden und teurer Eigentumswohnungen, "war so tot, dass ich jede Wand bearbeiten konnte, und niemanden hat es gestört."

Heute wird Agee als Graffitikünstler von Reebok, Fiat und Chrysler gebucht. Er weiß, er gehört zu dem taffen, kreativen, stolzen Detroit, das zu einer coolen Marke geworden ist. "Dieses neue Erblühen ist wirklich toll", sagt er. "Viele wollen jetzt Detroit retten. Aber Detroit kann man nicht retten. Detroit muss man sein."

Doch Detroit die Gewaltstatistik an

Die Stadt selbst schafft es noch immer kaum, alltägliche Dienstleistungen zu gewährleisten, etwa pünktliche Busse oder funktionierende Straßenbeleuchtung. Das Problem ist simpel und doch schier unlösbar: Detroit ist nicht nur arm, es ist auch weitläufig. Im Jahr 1950 lebten 1,8 Million Menschen in der Stadt, davon etwa 84 Prozent Weiße.

Kenneth Morgan und seine Familie renovieren ein Doppelhaus an der East Side, das er billig gekauft hat. "Ich habe mir gesagt, wenn ich für mein Land kämpfen kann, kann ich auch für meine Stadt kämpfen", sagt der Golfkriegsveteran.

Kenneth Morgan und seine Familie renovieren ein Doppelhaus an der East Side, das er billig gekauft hat. "Ich habe mir gesagt, wenn ich für mein Land kämpfen kann, kann ich auch für meine Stadt kämpfen", sagt der Golfkriegsveteran.

Bis 2013 war die Bevölkerungszahl auf 689.000 gefallen, davon waren etwa 83 Prozent Afroamerikaner. Die Hälfte der Haushalte lebt von weniger als 25.000 Dollar pro Jahr. Auch wenn die Mordraten sinken, führt Detroit noch immer die Gewaltstatistik an. Die Schulen der Stadt nennt der Bildungsminister eine "nationale Schande".

Detroit hat die höchste Arbeitslosenrate unter den 50 größten Städten der USA. Dabei scheint hier jede Woche ein neues Geschäft aufzumachen - Lebensmittelmärkte, Cafés, sogar Fahrradmanufakturen.

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