Große Ausstellung in Berlin Die Wahrheit des Wolfgang Tillmans


Er gilt als Fotograf der Jugendkultur: Das Berliner Museum Hamburger Bahnhof widmet Wolfgang Tillmans eine Überblicksausstellung zu dessen Gesamtwerk. Und natürlich hat er die Bilder selbst mit Klebestreifen an die Wände geklebt.
Von Anja Lösel

Zwei Würstchen im Kochtopf der Mutter: Das war sein erstes Foto. Obszön sehen sie aus, wie sie sich kringeln und aneinander schmiegen. Ein echter Tillmans eben. Schon damals, vor 20 Jahren, gelang es dem Künstler, das Banale so zu fotografieren, als sei es das Großartigste und Schönste der Welt.

Heute ist Wolfgang Tillmans 39 Jahre alt und ein Star. In Berlin hat ihm das Museum Hamburger Bahnhof seine bisher größte Ausstellung ausgerichtet - ein grandioser Überblick über das eigenwillige und ungewöhnliche Werk.

Kaum einer hat die Fotografie der vergangenen 15 Jahre so sehr beeinflusst wie Wolfgang Tillmans aus Remscheid. Von der Love Parade über den Kirchentag bis zu heißen Clubnächten mit seinen schwulen Freunden nahm er alles auf, was auch nur im Entferntesten mit Jugendkultur zu tun hat. Sein Bild vom halbnackten Paar im Baum ist legendär: Wie zwei Vögelchen sitzen Mädchen und Junge auf ihren Ästen, lässig, locker, cool. Wahrscheinlich hat kein anderer das Lebensgefühl der achtziger und neunziger Jahre so gut rübergebracht wie Tillmans.

Schnappschüsse gibt es nicht

Viele seiner Bilder sehen aus wie Schnappschüsse. Als wäre er mal eben durch seine Wohnung gelaufen und hätte hier ein paar hingeworfene Kleider auf der Heizung fotografiert, dort eine verwelkte Tulpe im Zahnputzglas und da einen Teller voller vergessener Essensreste. "Ich zeige oft Dinge, die nicht als wertvoll gelten", sagt Tillmans. Aber was er aufnimmt, ist wohl überlegt und inszeniert. Zufall gibt es nie, Schnappschüsse schon gar nicht.

Angefangen hatte alles mit einem Fernglas zum Sternegucken, das Tillmans als Zehnjähriger geschenkt bekam. Seitdem begeistert er sich für alles, was mit dem Himmel, den Planeten und dem Fliegen zu tun hat. Immer wieder fotografierte er Flugzeuge, Kondensstreifen und das Phänomen Sonnenfinsternis. Noch wichtiger allerdings: seine Freunde auf Parties, zu Hause, in der Natur. Erotisch, ekstatisch, oft in gewagten Posen und sichtlich erregt.

Mit Klebeband an die Wand

Für solche Bilder hat er im Jahr 2000 den begehrten Turnerpreis bekommen. Und wie damals heftet er auch heute noch seine Bilder am liebsten mit Klebestreifen an die Wand. Das sieht so schön provisorisch aus, ganz unmuseal und lässig. Und wenn das Papier sich dann wellt und kräuselt, der Alptraum jedes Kunstsammlers, dann ist es Tillmans gerade recht.

Überhaupt: die Sammler und der Kunstmarkt. Alles Wahnsinn. Tillmans hat lange darauf geachtet, dass seine Sachen nicht zu teuer waren. Dass auch die Freunde, die auf den Bildern zu sehen sind, sich die Fotos leisten konnten. Ein paar hundert Mark genügten damals. Längst vorbei. Heute muss man fünfstellige Euro-Beträge für einen Tillmans zahlen. Und viele der Freunde werden sich ärgern, dass sie nicht früher zugegriffen haben.

Ganz ohne Kamera

Seit ein paar Jahren experimentiert Wolfgang Tillmans mit abstrakten Bildern, ganz ohne Kamera belichtet. Schlichte Farbflächen sind da zu sehen, manchmal gefaltet oder zerknüllt und ausgestellt wie eine Skulptur in der Plexiglasbox. Oder er rollt Papier ein und nimmt es von der Seite so raffiniert auf, dass die Kontur wie ein Tropfen wirkt. "Paper Drops" nennt er diese seltsam schönen Objekte, die fern von allem sind, was er zuvor fotografiert hat: reine Form und Farbe. Am beeindruckendsten aber sind die "Truth Study Centers". Diese "Wahrheits-Studienzentren" bestehen aus einem ganzen Saal voller Tapetentische, auf denen Fotos, Zeitungsausschnitte und Bücher ausgebreitet sind. Erschütterndes ist da zu sehen, wie etwa die Bilder von Verletzten des Ersten Weltkrieges. Aber auch Kurioses: eine Mega-Milleniums-Milka-Schokoladentafel, der Ratgeber "Wie beichte ich richtig?" oder eine Anleitung zum schmerzfreien Analverkehr.

Frontaler schwuler Kuss

Was das soll? Es sind Studien. Gedanken zu Privatisierung, Globalisierung und Krieg, zu Umweltschutz, Arbeit und Religion. Denn Wolfgang Tillmans ist ein politischer Mensch und ein sehr moralischer. Weil er schwul ist, musste er sich schon früh mit Vorurteilen auseinander setzen und wurde sensibel für jede Art von Gemeinheit und Ungerechtigkeit. "Meine Homosexualität war für meine Entwicklung sicher sehr wichtig", sagt er. Und wundert sich: "Ein frontal gezeigter schwuler Kuss im Fernsehen ist in unserer Gesellschaft ein größerer Tabubruch als einen anderen Menschen zu erschießen."

In einer Welt, in der "Gutmensch" ein Schimpfwort ist, erscheint es als Akt der Rebellion, Moral einzufordern. Wolfgang Tillmans ist so ein sanfter Rebell.

Noch bis zum 24. August läuft die Ausstellung "Lighter" im Hamburger Bahnhof


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