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Kunstausstellung: Nackte Frauen zwischen schwarzen Säulen

Sie sind groß, dick oder schmal - aber vor allem sind die 100 Frauen, die Künstlerin Vanessa Beecroft in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu einem lebenden Bild zusammengefügt hat, nackt.

Ihre Körper glänzen. Wie in einem überdimensionalen Schaufenster stehen sie eingeölt mitten in der gläsernen Halle von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie in Berlin. Sie - das sind 100 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren. Bis auf eine durchsichtige Strumpfhose sind sie nackt, ganz freiwillig. Die Models machen mit bei der neuen Performance „VB 55“ von Vanessa Beecroft, die der Presse bereits am Donnerstag präsentiert wurde.

Unerbittlich dem Publikum ausgesetzt

Heute ist dann die Öffentlichkeit zu dem einmaligen und extra für Berlin konzipierten Spektakel, dem bislang größten in Beecrofts Karriere, eingeladen. Drei lange Stunden müssen die Akteurinnen so ausharren, ungeschminkt, in sich versunken und unnahbar, den unerbittlichen Blicken des rund 20 Meter entfernten Publikums ausgesetzt. Zwar dürfen sie sich bewegen, aber wenn, dann nur sehr langsam. So wirken sie wie Statuen, es entsteht der Eindruck eines lebendigen Bildes.

Beecroft gibt den Frauen strenge Regeln: "Bitte spreche nicht. Interagiere nicht mit den anderen. Lache nicht. Bewege dich nicht zu schnell. Trete unter keinen Umständen zu sexy auf. Halte dich an die Regeln, aber fühle dich frei, sie zu interpretieren." So verschränkt die eine Frau auch mal ihre Arme hinter ihrem Körper, eine andere setzt sich hin, wieder eine andere pustet sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn.

Rot, schwarz, gold

Ausgesucht hatte die 1969 in Genua geborene und heute in New York lebende Künstlerin die Frauen direkt vor Ort. Bewusst habe sie Akteurinnen mit roten, goldenen und schwarzen Haaren gewählt, erklärt sie. Sie habe auch einen politischen Anspruch. Diese Farben der deutschen Flagge dann aber zu entdecken, erfordert viel Fantasie - eigentlich sind alle möglichen Schattierungen von hell bis dunkel vertreten.

Ebenso vielfältig sind die Frauentypen. Große, dicke, zierliche, sportliche und schmale Frauen stehen nebeneinander. Auch das hat Beecroft natürlich beabsichtigt. So wolle sie auf die Macht der Schönheit aufmerksam machen, erklärt sie. Habe sie früher vor allem ein Idealbild des schönen Körpers geliefert, fungiere Schönheit hier als Spiegel gesellschaftlich bestimmter Wünsche, Begierden und Makel. "Die Frauen repräsentieren Bilder von Frauen, Frauen in der Gesellschaft, in der Kunst, Bilder von mir selbst", sagt Beecroft. Dieses Bild sei hart, sogar roh. Aber sie glaube, dass gerade das deutsche Publikum es verstehe - auf Grund seiner Geschichte und seines kulturellen Erbes.

Das Aufeinandertreffen mit den nackten Frauen soll einen Wechsel zwischen distanzierter Beobachtung und Voyeurismus auslösen - was tatsächlich funktioniert. Da eine sehr lange Zeitspanne eigentlich nichts passiert, die Akteurinnen nur langsam ihre Haltung ändern, schlägt die Beobachtung in Selbstbeobachtung und Unsicherheit um. „Es entsteht ein Gefühl der Verlegenheit, unabhängig davon, ob der Betrachter männlich oder weiblich ist“, erklärt Beecroft, die seit 1993 mit nackten oder leicht bekleideten Akteurinnen arbeitet, aber nie selbst Teil ihrer Inszenierungen ist.

Ein Traum wird wahr

Die Wirkung der Performance wird durch die von Mies van der Rohe so nüchtern und streng konzipierte Nationalgalerie verstärkt. Die eingeölten Körper stehen zwischen zwei monumentalen schwarzen Marmorsäulen. Sie wirken klein und zerbrechlich in der riesigen Halle mit ihren Glasfronten, die die Grenze zwischen innen und außen aufzulösen scheinen. Es sei immer ihr Traum gewesen, gerade an diesem Ort - "dem Ideal modernistischer Architektur" - eine solche Performance einmal zu machen, sagt Beecroft. Darüber hinaus habe sie einen besonderen Bezug zu Berlin, weil ihre Großmutter hier gelebt habe.

Ihre 55. Performance, die sie wie immer mit Kameras aufzeichnet, um sie später in Museen und Galerien zu zeigen, wird nicht die letzte sein: Demnächst sind Projekte in Toronto und Paris geplant.

Holger Mehlig/AP / AP