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Nominiert für den Henri Nannen Preis: Die Hölle daheim

Fotografin Sara Lewkowicz wollte erzählen, wie ein Straffälliger zurück in den Alltag findet. Als er eines Abends seine Freundin verprügelte, drückte sie weiter auf den Auslöser.

Vor kurzem wurde der Henri Nannen Preis 2014 verliehen. Nominiert in der Kategorie Fotografie war unter anderen auch die Foto-Reportage "Die Hölle daheim" von Sara Naomi Lewkowicz, erschienen am 16. Mai 2013 im stern, die wir hier noch einmal zeigen.

Darf man das? Fotografieren, wenn ein Mann seine Freundin verprügelt? Einfach die Kamera draufhalten, keine zwei Meter entfernt, wenn ein kleines nacktes blondes Kind versucht, seine Mutter zu schützen und den Zorn des Schlägers auf sich zu lenken. Darf man das?

Sara Lewkowicz sieht müde aus. Die Fotografie-Studentin an der Ohio University hat wenig geschlafen, seit sie ihre Fotoserie "Shane und Maggie" auf eine kleine unabhängige Webseite für dokumentarische Fotografie gestellt hat. Es war ein anstrengender Monat.

Eigentlich hatte sie eine Geschichte darüber machen wollen, warum so viele Ex-Knackis rückfällig werden. Wie schwer sie es haben, zurückzukehren in ein normales Leben, und warum das so ist. Sie hat dieses Projekt im Rahmen ihres Studiums begonnen und Maggie und Shane über Monate begleitet. Dann eskalierte die Situation.

Lewkowicz, gebürtig aus New York, lebt in einer Wohnung fast ohne Möbel. Sie hat für ihr Studium ein Darlehen aufgenommen und ernährt sich im Wesentlichen von Erdnussbutter. Man kann sagen, sie ist arm. Über Nacht ist sie mit diesen Fotos bekannt geworden. Das kleine nackte Mädchen, das sich zwischen die Erwachsenen wirft, bricht einem das Herz. Jeder sieht, dass diese Szenen nicht gestellt sind. Maggies Tränen sind echt, die Polizei ist echt, und die Schläge sind es auch.

Lewkowicz hat Lob und Zuspruch aus aller Welt erhalten, sie wird aber auch angefeindet. Warum hat sie nicht geholfen? Was, wenn Shane Maggie totgeschlagen hätte? Hätte sie dann auch weiter fotografiert?

"Seid wütend", sagt Sara, "aber seid es nicht auf mich. Ich war nur da. Seid wütend auf den, der schlägt, und nicht auf die, die es dokumentiert." Sie würde es wieder tun. Genau so. "Ich bin Fotografin. Ich wollte diese Szenen fotografieren, und ich wollte, dass Shane weiß, dass ich da bin und bleibe. Das ist das, was ich tun konnte. Shane war betrunken, er war außer sich, und er ist größer und stärker als ich. Es waren noch andere Personen im Raum, ich gab ihnen mein Handy, und sie riefen die Polizei."

Monate vorher hatte Sara Lewkowicz Shane auf einem Jahrmarkt kennengelernt. Sie sah diesen Kerl in der Menge stehen, ein Mann mit freiem Oberkörper, über und über tätowiert, der fürsorglich und schützend ein Kind auf dem Arm hielt, das aussah wie ein Engelchen: Memphis, die Tochter seiner Freundin. Lewkowicz bat um ein Foto. Und blieb. "Wenn ich heute die Bilder ansehe", sagt sie, "dann wird mir klar, dass ich damals schon mehr gespürt als gewusst haben muss, dass diese Beziehung so enden könnte."

Für Shane, der fast mehr Zeit seines Lebens im Knast verbracht hat als in Freiheit, war Maggie ein Anker. Er kannte die viel jüngere Frau mit den zwei Kindern von früher. Aber das, was Shane im Knast zum Überleben gelernt hat, war nicht das, was er brauchte, um draußen klarzukommen. Shane stammt selbst aus einer gescheiterten Familie. Sein Vater hat seine Mutter oft verprügelt. Shane hat immer versucht, sie zu beschützen. Damals war Shane das kleine nackte Kind, das sich zwischen die Erwachsenen warf.

Maggie war 15, als sie schwanger wurde mit ihrem ersten Kind. Kurz danach kam schon das zweite. Der Vater der Kinder, nicht älter als sie, kämpft in Afghanistan. Die Beziehung zerbrach, die Eltern, die selbst noch Kinder sind, wurden sich fremd, die eine allein mit zwei Babys, der andere in einem aussichtslosen Krieg.

Maggies Mutter starb an Drogen, als Maggie gerade acht war. Maggie wusste, dass Shane Drogenprobleme hat. Ihn wollte sie retten, sagt sie, weil sie damals ihre Mutter nicht retten konnte. Auch Maggie ist so ein Kind, das sich dazwischenwarf und scheitern musste.

Shane ist inzwischen wieder in Haft. Er wurde im November 2012 wegen häuslicher Gewalt zu neun Monaten verurteilt. Maggie und die Kinder leben irgendwo in Alaska. Maggie möchte, dass die Bilder gedruckt werden, damit andere misshandelte Frauen den Mut finden, ihre schlagenden Männer zu verlassen. Sara, die Fotografin, hält den Kontakt zu Maggie und fotografiert deren neues Leben. Sie möchte irgendwann auch Shane noch einmal treffen. Tag und Nacht bekommt sie Botschaften aus aller Welt, aus Israel und Ungarn, aus Frankreich, Brasilien. Wie berührend ihre Fotos sind, wie sehr sie so die Sicht auf Alltägliches verändert hat. Was sie für ein Schwein ist, das eine solche Situation und diese armen Menschen ausnutzt für den eigenen Ruhm. Warum sie abgedrückt hat, statt sich dazwischenzuwerfen, zwischen Shane und Maggie und das kleine nackte Kind.

Sara Lewkowicz arbeitet inzwischen an neuen Projekten und fragt sich: Was kann Fotografie? Was will ich? Was soll ich? Und wer nimmt mich jetzt noch als Praktikantin?

(Text: Frauke Hunfeld)

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