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stern spezial Fotografie: Cecil Beaton

Cecil Beaton - allen, die sich für Fotografie interessieren, zergeht sein Name auf der Zunge wie ein Stück Schokolade im Mund von Joschka Fischer.

Es gibt die hübsche Geschichte, dass man nur aus zwei Gründen von Cecil Beaton eingeladen wurde: Man sah entweder gut aus, oder man hatte die Haarfarbe, die zum Muster seiner neuen Vorhänge passte. Niemals jedenfalls hätte Beaton Menschen in sein Haus gebeten, die nicht fotogen waren. Wer aber geladen wurde, wusste, dass der Gastgeber meistens fotografierte, manchmal aber auch nicht und dann auf einem Stuhl saß und sich das Arrangement aus Möbeln, Stoffen und Menschen ansah. Hin und wieder stand er auf und bat einen Herrn, sich weiter nach links zu stellen, oder eine Dame, sich mit ihrem hellen Kleid ein wenig mehr ins Licht zu setzen, zupfte am Faltenwurf des Stoffes und besah sich die Szene wieder von seinem Stuhl aus.

Beaton konnte furchtbar leiden, wenn sein Blick stolperte, und einmal, 1928, erklärte er seinen Freunden, dass "Schönheit wirklich das wichtigste Wort im Wörterbuch ist". Er wird denn auch sehr gelitten haben, als er 1942 in der Wüste bei Tobruk als britischer Kriegsfotograf aus dem Flugzeug stieg und überall dieser beigefarbene Sand lag! Beige, diese matte Farbe, "das muss ein Innendesigner um 1928 entworfen haben, als Beige kurze Zeit modern war", sagte er, und man kann sich vorstellen, wie die britischen Generäle in ihren schweissnassen Uniformen den exzentrischen Mann anstarrten.

Er sei eben ein "fanatischer Ästhet", bekannte Beaton, einer, der seinen Lebenssinn darin sah, das Hässliche aus seiner Welt herauszuhalten. In diesem, wenn man so will, "Fanatismus", war er "viele Künstler in einem", wie der Kunsthistoriker Peter Conrad bemerkte, er fotografierte, aber er schrieb auch, malte, designte und schauspielerte. Doch so umfassend sein Schaffen auch war - seine Fotografien sind sicher die reifste Hinterlassenschaft. Mit der Kamera wurde Beaton zum Pionier einer völlig neuen Porträtfotografie, die, detailversessen inszeniert und retuschiert, ihr Gegenüber nicht einfach abbildete, sondern es kunstvoll in seine Welt einwob.

Seine besten Aufnahmen von Adel und Prominenz gelangen ihm nicht nur durch sein technisches Spiel mit Licht und Schatten, sondern vor allem durch sein Spiel mit sich selbst als Fotograf. Beaton war nicht mehr der kameraschleppende Lichtbild-Diener, der durch den Hintereingang kam und ging und vielleicht noch den schwefeligen Geruch von Blitzpulver an sich hatte - nein, Cecil Beaton machte sich selbst zum Teil dieser Welt, er war ein Star, er kam blendend gekleidet durch den Vordereingang, und man bat ihn, zum Essen zu bleiben.

Um den Duft des Genialen in seiner Aura immer wieder zu erneuern, spielte Beaton sein handwerkliches Können gern herunter. "Ich schäme mich schon, dass ich so wenig von der technischen Seite des Spiels verstehe", verkündete er einmal nach langer Arbeit in der Dunkelkammer und lächelte. "Das war sein Trick. Er kokettierte immer wieder damit, von Blenden und Belichtungen nichts zu wissen, dabei verstand er ganz genau, wie eine Kamera funktionierte und wie ein Bild zu entwickeln war", sagt der in London lebende Beaton-Biograf Hugo Vickers. Beatons fotografisches Selbstverständnis ist umso erstaunlicher, als er in einer Zeit aufwuchs, in der das Metier noch als schwerfällig und eher banal galt, nicht zu vergleichen mit der Kunst eines Malers, der Schönheit schuf und über die Macht der Interpretation verfügte.

Im Januar 1904 wurde Cecil Walter Hardy Beaton in London geboren. Sein Vater war ein reicher Holzhändler, der Sohn lebte mit Mutter, zwei Schwestern und einem Bruder im feinen Stadtteil Hampstead. Als er neun war, kam das Kindermädchen Alice Collard in die Familie, eine junge Frau, die sich nicht nur sehr um den Garten kümmerte, sondern auch eine Kamera hatte. Cecil spielte viel mit Alice und untersuchte immer neugieriger die Box Brownie, einen der ersten populären Fotoapparate. Nachmittags nahm Alice den jungen Cecil mit in den Keller, wo sie sich eine primitive Dunkelkammer gebaut hatte, und brachte ihm bei, Fotos zu entwickeln.

1918 kommt er auf eine angesehene Schule in Harrow und fällt den Lehrern mit seinen Zeichnungen und Skizzen auf; ab und zu bringt er Fotos mit, auf denen seine Schwestern in damals gewagten Posen zu sehen sind, die Schulleitung verwarnt ihn. Schon früh spürt Cecil, dass nicht nur die Kunst gesellschaftliche Kraft besitzt, sondern noch mehr die Fotografie - auch wenn diese noch keinen Society-Wert hat. Wer damals reich und mächtig ist, lässt sich malen, nicht fotografieren. Und geht ins Theater, das gesellschaftliche Drehkreuz der Lords und Earls, wie der ästhetische Autodidakt schnell herausfindet. Nach einem kurzen kaufmännischen Gastspiel, das sein Vater verlangt, verkauft er seine ersten Zeichnungen und macht sich einen Namen als Kostümbildner und Innendesigner. Er ist nicht aufzuhalten; unentwegt zeichnet er, schreibt - und er fängt an, intensiver zu fotografieren, 1924 verkauft er seine ersten Fotos an die "Vogue".

Dank technischer Fortschritte wird das immer noch relativ junge Medium inzwischen auch von Künstlern ernster genommen. In Paris experimentiert der Amerikaner Man Ray mit neuen Belichtungsmethoden, der Deutsche Horst P. Horst entdeckt die Fotografie, weil es so "schneller ging, ein Bild zu machen, als es zu malen". Und auch die Society wird nun aufmerksam. Immer mehr Adelige und Prominente lassen sich von einer Kamera porträtieren. Das Medium ist en vogue, auch wenn viele Bilder schlecht belichtet und einfach ohne Glamour sind.

Beaton fühlte, dass seine Zeit gekommen war. Er paarte seine Kindheitskenntnisse der Fotografie mit seinem fanatischen Ästhetizismus, kombinierte alles mit seinem Hang zur Bühne und machte so aus seiner Arbeit grosses Schauspiel auf grosser Bühne. "Er beruhigte seine Zweifel, ob Fotografie wirklich Kunst sei, indem er seine Objekte nach Vorbildern grosser Maler fotografierte", schreibt Peter Conrad. Schon 1927 porträtierte er die Schriftstellerin Edith Sitwell in der Pose einer gotischen Grabsteinfigur, die dünne Marlene Dietrich sah er mit den Augen Dürers und später, mit mehr Gewicht, wie eine Frau des Malers Cranach.

1936, als die US-Autorin Gertrude Stein und ihre Gefährtin Alice B. Toklas vor seiner Kamera standen, hing hinter ihnen ein Stromkabel aus der Wand: Beaton drapierte es so, als wäre es ein Mobile des Künstlers Alexander Calder. "Beaton war ein manischer Vorbereiter, manchmal bastelte er tagelang an einem Raum, in dem dann in ein paar Minuten ein Bild entstand", erinnert sich Biograf Vickers.

Anfang der 30er Jahre war Beaton bereits ein berühmter Fotograf, in den USA riss man sich um seine Bilder europäischer Adeliger und Künstler. Er ging nach New York und sp„ter nach Hollywood und machte Star-Bilder für neue Zeitschriften wie "Vanity Fair" oder "Look". Und während er weiter entwarf und malte, kam der erste Auftrag, im englischen Königshaus zu fotografieren.

Der Zweite Weltkrieg überfällt Beatons Schönheitskosmos mit brutaler Gewalt. Hitler lässt London bombardieren, Tote und Trümmer drängen sich in Beatons Kulissen. Beaton reagiert mit einem eigenartigen Reflex: Mit der Kamera wandert er durch zerstörte Teile Londons und fotografiert Ruinen wie surrealistisches Dekor. In einem Krankenhaus entsteht ein Foto, das Geschichte macht: Ein kleines Mädchen klammert sich, von Trümmern am Kopf verletzt, mit angstvoll aufgerissenen Augen an eine Stoffpuppe. Auch wenn es ein Reporterschnappschuss ist, sieht man, mit welcher grafischen Akkuratesse Beaton blickt, wie genau die Abstände stimmen, wie Beaton die Gitter des Bettes als Dekor nutzt. Das Foto geht um die Welt, "Life" druckt es auf dem Titel, und als Poster ruft es die Amerikaner auf, Geld für den Krieg zu geben.

Die nächsten Jahre verbringt Beaton als Armeefotograf, er reist durch Afrika und Asien, er fotografiert Generäle, Panzer und Flugzeuge. In London macht er Bilder von Kriegspremier Winston Churchill, an dem ihm die feingliedrigen Hände auffallen, und er wird gerufen, um die junge Prinzessin Elisabeth in Grenadiersuniform zu fotografieren - eine Ehre, die Beaton zu der für ihn vielleicht wichtigsten Verbindung ausbaut. Das englische Königshaus schützt den Dandy, besonders Queen Elizabeth, die spätere Queen Mum, findet Gefallen an den Bildern, die Beaton ganz im viktorianischen Stil von der Familie macht. Er wird zum Chronisten der Royals.

In den 50er Jahren führt Beaton wieder nach Hollywood, eine neue Generation von Stars steht vor der Kamera: Marlon Brando, Marilyn Monroe, Audrey Hepburn. Beaton fotografiert und entwirft, die Verfilmung vom "My Fair Lady" stattet er mit Bauten und Kostümen aus, für die er 1964 zwei Oscars bekommt. 1967 lernt er die Rolling Stones kennen und ist fasziniert von Mick Jagger. Die Anziehungskraft, die Männer wie Jagger auf ihn ausübten, und die besondere Beziehung, die er zu Greta Garbo hatte, kennzeichnet auch den Umgang mit seiner Sexualität. "Er war ein Homosexueller, der immer mal wieder Ausflüge in die Heterowelt unternahm", sagt Vickers.

Im Juli 1974 erleidet der 60-Jährige, von den Windsors 1972 in den Ritterstand erhoben, einen Schlaganfall, sein rechter Arm ist gelähmt, mühsam versucht er, mit der linken Hand zu malen. Doch er scheint die Ankündigung des Endes zu spüren. 1975 verkauft er sein Haus in London, 1976 sein Archiv (mit Ausnahme der Royals-Bilder) an Sotheby's. 1979 fotografiert er noch einmal für die "Vogue" Kollektionen in Paris. Ein Jahr später stirbt er - ein Schöngeist, der "in einer Gesellschaft akzeptiert sein wollte, die es nur in seiner Vorstellung gab", wie Peter Conrad sagt.

Er selbst hat es kaum anders empfunden. Als er 1946 am Broadway in einer Komödie zum ersten Mal auf der Bühne stand, war der Regisseur unsicher, ob der Dandy überhaupt schauspielern konnte. Aber ja, erklärte Beaton, "ich habe jahrelang einen Fotografen in meinem Studio gespielt".

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