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Supermodel Carmen Dell'Orefice: Mit 77 ist noch lange nicht Schluss

Sie gilt als das erste Supermodel: Mit inzwischen 77 Jahren steht Carmen Dell'Orefice noch immer auf dem Laufsteg. stern-Redakteur Jochen Siemens hat die Legende in New York besucht und festgestellt, dass sie es noch immer kann - die Männer verzaubern.

Es ist einer dieser kalten Tage mit Sonnenlicht in New York und vor einem sitzt eine 1,80 Meter große Frau mit gewaltigen weißen Haaren, die sich auf dem Kopf wie eine dramatische Welle aus Meeresgischt formen. Eben zeigte sie einem die braunen Flecken auf ihren Armen und wollte erzählen, wie vor 20..., oder waren es 30 Jahre, ein Arzt ihre damals sonnengegerbte Hautschicht mit einer Art haarfeinen Drahtbürste gesäubert hat und sie nun nicht mehr in die Sonne dürfe, aber da klingelt ihr Handy und sie zuckt kurz. "Entschuldigung", sagt sie, ihre Nummer hätten nur ihre Freunde, um die sie sich Sorgen mache. "Bypass, Schrittmacher, Schlaganfall, sie wissen schon." Und deshalb muss sie mal kurz antworten. Sie schaut kurz auf das Handy. "Ach, alles klar", sagt sie, "nicht dramatisch. Da lebt noch jemand." Dann fährt sie fort: "Der Arzt, wissen sie, der die Haut schleifte, der lebt lange nicht mehr." Und auch nicht dieser Doktor, der ihr die Falten wegschaffte. "Sehen sie hier." Sie tänzelt mit ihren langen porzellanweißen Fingern ein kleines Ballett über die Wangen. "Die Methode macht heute keiner mehr. Silikon, ich sag es ihnen, Silikon muss unter die Haut. Nicht Botox, das ist Gift. Haut lebt und Silikon in ganz kleinen Injektionen ist wie das Sandkorn das in einer Auster erst eine Perle macht. Das Collagen des Gewebes wird von Silikon stimuliert, wie bei der Auster."

Wenn man schon viel, und man darf sagen Mädchen ihrer Art getroffen und gesprochen hat, Model-Mädchen die nichts weiter als sehr schön waren und gerade erst anfingen, ein wenig von dem worldwide Leben als Model zu atmen, ist das hier die Audienz bei einer Legende. Carmen Dell'Orefice ist das älteste Supermodel der Welt, sie ist 78 und sie arbeitet. Als Model. Sie wirbt weltweit für Rolex-Uhren, sie ist auf und in der Vogue zu sehen, sie war für Gaultiers erste Hermes-Schau und für John Gallianos Dior-Schau und jetzt auf der Londoner Fashion Week auf dem Laufsteg. Nun gibt es etliche Senioren die als Model arbeiten, werden ja auch gebraucht für die Kataloge edler Altenheime, Apothekerzeitschriften oder in der Werbung für Blutdrucksenker oder Rheumapillen. Für die Dinge eben, die Lebensdämmerung begleiten. Sowas macht Carmen nicht. Sie sagt, entweder man lebt oder man lebt nicht, egal ob mit 28 oder 78. Aber solange sie lebt macht sie Highclass in Dior, Chanel oder Valentino und ist dabei der großartigste Anachronismus der Modewelt. Denn alles an ihr entwertet das Fashion-Gesetz des Jungseins, die Formeln der pfirsichglatten Teenie-Haut und des jugendlichen Blickes.

Carmen Dell'Orefice kam von ganz unten

Nun könnte man auch einen gewissen Zynismus der Modewelt vermuten, die mit Carmen noch mal eine flotte Greisin vorführen wollen, so ein Relikt anderer Zeiten, das man mit standing Ovations begrüßt, aber dann wieder zu den jungen Dingern übergeht. Ein Blick von ihr reicht, ein kurzes Ordnen der Haargischt und ein Übereinanderschlagen der langen Beine - Carmen Dell'Orefice hat all die Klasse und Eleganz der Fifth Avenue, der Hamptons und des amerikanischen Ostküsten-Adels wie eine Essenz in sich. Weiter oben an der Fifth kann man an diesem Nachmittag die wirklich reichen älteren New Yorker Damen aus ihren Limousinen steigen sehen, aber wie sie da ihre Chauffeure anfauchen und gelangweilt auf das Volk schauen hat etwas Karikaturhaftes und Verblasstes. Carmen hat in jeder Bewegung die ganze Kraft, die Eleganz haben kann. Dabei kam sie einmal von ganz, ganz unten, eigentliche eine Fremde, eine Verlaufene in der Welt des Stils. Sie weiß noch fast genau den Tag, "es war Ende August 1945, der Krieg war gerade vorbei" und sie war 13 als sie jemand in einem Bus in der 57. Straße in New York ansprach. "Mich! Ich war sehr dünn, weil ich fast eineinhalb Jahre krank gewesen war. Meine Beine waren kaputt und ich musste meinen Mädchentraum, Balletttänzerin zu werden, aufgeben. Da saß ich also, ein schüchternes, trauriges Mädchen, groß und dürr und jemand fragte, ob ich fotografiert werden wolle." Man machte Probeaufnahmen an einem Strand und ein paar Wochen später stand die stille Carmen im Fotostudio des Conde-Nast-Verlages, ein Mann stellte sich höflich vor, es war der Fotograf Horst P. Horst, eine Legende. "Und am nächsten Tag kam ein Fotograf direkt aus dem Krieg, er hatte seine Uniform noch an. das war Irving Penn."

Carmen Dell'Orefice war damals ein bettelarmes Mädchen. Ihre ungarische Mutter tanzte am Ballett, ihr Vater, ein italienischer Violinist, hatte die Familie verlassen. "Ich habe mir das Modeln nicht ausgesucht, es hat mich ausgesucht" sagt sie. In New York 45/46 gab es vielleicht zehn oder zwölf Mädchen, die in den Studios der Vogue regelmäßig fotografiert wurden, "das waren alles Töchter aus guten Familien mit Kultur. So eine war ich nicht, aber ich gehörte dazu", sagt Carmen. Und sie lernte, jeden Tag. "Horst, Penn, später dann Cecil Beaton, sie alle wurden meine Familie und sie brachten mir alles bei. Horst war wie ein Vater, Penn auch und Beaton der Onkel, der mich mit ins Theater oder ins Konzert nahm. Mode in den USA", sagt sie, "war damals anders als heute, es war unsere Lebensschule. Während des Krieges konnte ja keiner in Europa kaufen, das fing erst zu meiner Zeit wieder an. Wir lernten die Taille bei Dior, die hohen Hacken bei Ferragamo, modisch waren wir alle arm, die reichen Mädchen genauso wie ich." Irving Penn rief eines Tages den Conde-Nast-Arzt ins Studio, weil ihm Carmen immer klappriger und dürrer vorkam. "Ich war einfach immer noch schwach von meiner langen Krankheit." Der Verlag bezahlte ihr eine Hormontherapie "und ich bekam endlich einen Frauenkörper. Was war ich glücklich als endlich meine Titten wuchsen". Sie kam sich in der Modewelt wie gerettet vor, "sie zahlten mir zwischen 7,50 und 30 Dollar am Tag, davon konnte ich die Miete und meiner Mutter das College bezahlen." Später, schon in den 50er Jahren verdiente eine wie Carmen 300 Dollar in der Stunde, nahm aber zu den Schauen in Paris immer noch ihre Nähmaschine mit, "wir kauften in Paris Stoffe und ich nähte uns Kleider um Abends auszugehen."

Es hat etwas Eigenartiges, mit einer 78-Jährigen nicht über das Alter zu sprechen. Sie hat das nie als etwas Ablaufendes, Zerfallendes empfunden, eher im Sinne Ernst Blochs, der Geburtstage als "rein arithmetische Ereignisse" bezeichnete. "Alter war kein Thema, Leben war ein Thema", sagt sie. Mag ja sein, dass sie heute gut gebucht ist, damit die Graugreise auch noch mal in die "Vogue" schauen oder sich überlegen, doch noch eine neue Rolex zu kaufen, auch wenn die Lebenszeit knapp wird. Jenseits der 60, sagt die Werbewirtschaft, ist die schwerste Zielgruppe, da wechselt kaum noch einer seine Gewohnheiten, sein Auto oder seine Uhr. Vielleicht ist Carmens Botschaft eine darüberliegende: Egal wie alt, Stolz, Stil und Klasse kann hat man bis zum Ende.

Sie schaut an die Decke des Zimmers in ihrer Agentur Ford Models, "sehen, das ist ein schönes altes Gebäude und die Decke ist schlecht restauriert. Eine Schande." Was schön ist, sollte restauriert werden, auch der Körper, "da gibt es doch beste Mittel und Werkzeuge." Ihr Collagen hat Carmen schon mit 37 mit Silikon "stimuliert. Die Methode gibt es heute nicht mehr, weil der Doktor nicht mehr lebt. Herzinfarkt." Dreimal war Carmen verheiratet, ihre einzige Tochter ist heute 53 und lebt in Kalifornien. "Ich selbst habe die letzte Ehe 1974 beendet und beschlossen, nicht mehr zu heiraten." Ihr letzter Mann war es auch, der ihr sagte "dass meine Brüste anfangen zu fallen". "Wir sind dann zusammen zu einem Chirurgen, er lebt heute nicht mehr, gegangen. Ich zog mich aus, der Mann sah mich an und fragte: 'Was wollen sie hier?' Ich sagte: "Weiß ich auch nicht, mein Mann wollte, dass ich komme." Dann hat er meinen Mann angeschaut, 'was soll ihre Frau hier?' Ach ja, über die Ehen. Vielleicht schreib ich mal ein Buch über die Männer, die ich nicht geheiratet habe, das ist interessanter", sie lächelt. Welche denn? Hmh?. "Ein Vanderbilt war auch dabei."

Zu Rubens Zeiten wäre ich eine Vogelscheuche gewesen

Ist Schönheit ein Wert von dem allein man leben kann? "Es ist schwer, dafür eine intelligente Antwort zu finden", sagt sie, "es kommt auf den Kopf und auf die Zeit an. Zu Rubens Zeiten wäre ich eine Vogelscheuche gewesen, in den 50er Jahren brauchte die Mode große schlanke Models an denen sie Kleider inszenieren konnte. Ich hatte Glück." Und hatte das Körperliche damals schon die sexuelle Energie wie heute? "Nein", sagt sie, "das war erstmal harmlos. Ich hatte keine Ahnung, dass Horst und Beaton schwul waren und wenn es einer gesagt hätte, hätte ich es nicht verstanden." Dass Körper auch den Wert Sex haben "merkte ich erst später." Spielt Sex heute noch eine Rolle? Sie schaut erstaunt, "bei mir? Ich bitte sie, spielt Atmen noch eine Rolle?"

Gut, wenn man ein wenig älter wird, sie sagt wirklich "ein wenig", hat man seine Erfahrungen gemacht. Und als Model auch seine Abenteuer. "Ob ich es auf einer Flugzeugtoilette gemacht habe? Aber klar, war aber nicht so aufregend weil man in Flugzeugen früher noch überall rauchte und ich mag keinen Rauch. Und ob ich nackt nur mit einem Pelzmantel bekleidet geflogen bin? Ja, bin ich und beim Zoll habe ich den Mantel aufgemacht als sie fragten ob ich etwas zu verzollen hätte. Wissen sie, das sind so Abenteuer, ob sie alle intelligent waren, weiß ich nicht." Aber Sex, das lernt man, "ist keine Sache zwischen den Beinen sondern zwischen den Ohren. Wissen sie, wie aufregend eine jahrelange Liebesaffäre ist ohne miteinander zu schlafen und erst Jahre später die Körper ins Spiel zu bringen? Unerhört aufregend."

Das ganze Leben bestehe doch aus Verhältnissen, sagt sie und schaut einen lange an. "Sie und ich in diesem Zimmer, wir unterhalten uns, das ist doch schon so etwas wie ein Verhältnis, oder?" Dann muss sie gehen, die Freunde, eine Bypass-Operation morgen. Schade. Die Stunde Lebensschule ging zu schnell vorbei.

Jochen Siemens