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Geert Wilders in Dresden: Der Pegida-Popstar und seine Pausenclowns

Es sollte Pegidas größter Triumph werden, aber zum Auftritt des Rechtspopulisten Geert Wilders in Dresden kamen nur knapp 10.000. Und die applaudierten wie auf Knopfdruck für die rechte Hetze.

Von Anna-Beeke Gretemeier und Silke Müller, Dresden

Pegida-Chef Lutz Bachmann (l.) begrüßt "Stargast" Geert Wilders in Dresden

Pegida-Chef Lutz Bachmann (l.) begrüßt "Stargast" Geert Wilders in Dresden

Die Flutrinne in Dresden ist ein weitläufiges flaches Grüngelände mit Sportplätzen und Bäumen, die das Elbufer säumen. Normalerweise finden auf der 13.500 Quadratmeter großen Freifläche der Messe Open-Air-Konzerte mit Robbie Williams oder Bigbeats statt. An diesem Aprilabend erwarten die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" Geert Wilders – den neuen Popstar am Pegida-Himmel.

Die Sonne scheint. Man kommt mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Eltern haben ihre Kinder mitgebracht, als handele es sich um einen Wochenendausflug. Es werden gemeinsam Lieder angestimmt. Voller Inbrunst singt ein kleiner Junge mit glasklarer Stimme "Lügenpresse, Lügenpresse".

Die Versammlung soll eigentlich um 17 Uhr beginnen. Vierzig Minuten später bittet Pegida-Chef Lutz Bachmann die Menge abermals um Geduld. Laut Polizei würden sich immer noch tausende Anhänger den Weg zur Veranstaltung durch die Gegendemos bahnen. Sorgfältig eingezäunt, hinter Eingängen, an denen fleißige Helfer rund um Rechtsanwalt Jens Lorek mit grünen Spendentonnen Geld einsammeln – irgendwie müssen die rechtspopulistischen Veranstaltungen und der Wahlkampf der eigenen OB-Kandidatin Tatjana Festerling ja finanziert werden – warten tausende Demonstranten artig auf den von Bachmann angekündigten "Stargast des Tages".

Für Wilders sind Pegida-Demonstranten Helden

Wie kleine Lämmer stehen sie auf der weiten Wiese und lassen ihre Fahnen im Wind wehen. Deutsche, russische, tschechische und niederländische Nationalfarben erstrahlen im Abendlicht an der Elbe. Dazwischen eine orangerote Flagge mit gelbschwarzen Kreuz darauf – die Fahne der Widerstandsbewegung um Stauffenberg. Das Symbol der Hitler-Gegner in den Händen der Islamisierungsgegner. Nur eines dieser paradoxen Bilder des heutigen Abends. Geert Wilders wird später noch auf den Offizier der deutschen Wehrmacht eingehen. Und die Pegida-Anhänger mit dessen Mut gleichsetzen: Sie alle seien hier heute in der Tradition von Kant, Schiller und Stauffenberg versammelt, um Demokratie und Freiheit zu verteidigen.

Um kurz vor sechs beginnt Lutz Bachmann – heute in Anzug und mit blauer Krawatte – die Veranstaltung wie immer mit massiver Kritik an der Presse: "Eure Berichterstattung interessiert uns einen lauen Furz." Nur wenig später wird OB-Kandidatin Tatjana Festerling ihm widersprechen und beleidigt von der Landespressekonferenz einfordern, auch für sie ein mediales Forum zu schaffen, dass mittags zuvor den drei anderen OB-Kandidaten im Landtag zuteil wurde.

Um diese üblichen Verstrickungen in den Reden des Pegida-Teams geht es heute nicht. Geert Wilders betritt die Bühne, mit typischem hohen, pastoral weißen Kragen und seiner wasserstoffblonden Haartolle. Sein niederländisch eingefärbtes Deutsch klingt freundlich. Er spricht langsam und ruhig, in einzelnen, einfachen Sätzen: "Hallo Deutschland. Hallo Dresden. Vielen Dank, dass so viele gekommen sind. Es ist eine Ehre, heute in der schönen Elbmetropole zu sein. Die letzten zweiundzwanzig Wochen wart ihr immer da. Dresden, ihr zeigt wie es geht! Ich weiß wie schwierig es ist, gerade in Deutschland, ein stolzer Bürger und Patriot zu sein. Für mich seid ihr alle Helden!"

Eine Bewegung ohne neue Botschaften

Wichtige Parolen lässt Wilders als Dreiklang erklingen: "Vor 26 Jahren habt Ihr in Dresden und Leipzig der Welt eine wichtige Lektion erteilt: dass Wahrheit stärker ist als Lüge, dass Mut stärker ist als Tyrannei, dass Freiheit stärker ist als Unterdrückung." Seine Rhetorik mit dreifach aufgebauter Steigerung findet Anklang. Die Menge jubelt. Wilders weiter: "Ihr habt Deutschland damals die Wende gebracht, und ich sage Euch: Heute braucht Deutschland eine neue Wende." Der Pegida-Chor antwortet mit "Wir sind das Volk".

Und schon ist die Veranstaltung wieder genau da, wo sie immer zu sein scheint: Eine Bewegung ohne neue Botschaften, die sich nur über ihre Ablehnung, ihren Trotz und ihre Negativität definiert. Die auf Stichwortgeber und Einpeitscher wartet, und dann wie auf Knopfdruck in Standardparolen wie "Volksverräter" oder "Merkel weg" einfällt. Politiker werden namentlich aufgezählt und ausgebuht. Ob Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, Bundesjustizminister Heiko Maas, Bundesvorsitzender der Grünen Cem Özdemir oder Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wilders schmeichelt der Schmähbewegung und fischt mit Häme Applaus: "Soll ich Frau Merkel mitnehmen nach Holland? Nein, Dankeschön!"

Geert Wilders lebt seit mehr als zehn Jahren zusammen mit seiner Familie in der Isolation. Wegen islamistischer Morddrohungen wird der 51-Jährige rund um die Uhr bewacht. Auch auf die Pegida-Bühne begleitete ihn sein Bodyguard. "Ich stehe auf der Todesliste von Al Quaida, aber heutzutage stehen wir alle auf der Todesliste der Dschihadisten."

Auch der Gegenprotest blieb schwach

Im Vergleich zu früheren radikalen Äußerungen, war Wilders dreißig minütige Rede noch gemäßigt. Der größte Teil widmet sich der Hetze gegen den Islam. Selbst die Pegida-Auftritte der letzten Wochen waren im Ton deutlich aggressiver. Wilders betonte in Dresden: "Wir hassen niemanden. Weder Muslime, noch unsere Gegendemonstranten." Sein Hass gelte lediglich dem totalitären Islam. Er kritisierte ihn als freiheitsfeindliche Religion, und warnte vor einer "Gefahr der Islamisierung". Den meisten Applaus bekam er für den Satz: "Wir müssen Schengen verlassen und wieder eigene Grenzkontrollen einführen." Flüchtlinge sollten seiner Ansicht nach in ihrer eigenen Region in Sicherheit gebracht werden, "nicht hier, nicht in Europa". Unsere eigene Kultur sei die beste Kultur.

An Illegale richtete Wilders den Rat: "Verlasst unser Land, Ihr gehört hier nicht her", woraufhin ihn der Chor mit einem "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!" belohnte.

Die angekündigten 30.000 Pegida-Fans blieben aus. Am Ende waren es latut der Deutschen Presseagentur keine 10.000 Anhänger. Doch auch der Gegenprotest der Dresdner blieb schwach: Knapp 3000 Menschen brachten das Bündnis "Dresden für alle" und das Bündnis "Dresden Nazifrei" auf die Straße.

Die Demonstrationen blieben weitgehend friedlich. 1564 Polizeibeamte hatten die Lage fest im Griff. Zwar kam es in der Friedrichstadt zu Rangeleien. "Straßenschlachten", wie Pegida-Chef Lutz Bachmann behauptete, gab es jedoch nicht.

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