Ghana Im Flugzeug unter die Erde

In Ghana findet niemand etwas dabei, den Getränkehändler in einer Coca Cola-Flasche oder den Besitzer des Telefongeschäfts in einem Mobiltelefon zu Grabe zu tragen. Rätselhaft bleibt, wann und wie diese Tradition entstanden ist.

Ernest Anang legt letzte Hand an eine riesige Kakaoschote. Er taucht den Pinsel in den gelben Lack und verteilt die Farbe gleichmäßig auf dem hölzernen Modell. Wie ein längs geriffelter Rugby-Ball liegt die Schote in der staubigen Schreinerwerkstatt am Stadtrand von Accra, der Hauptstadt von Ghana. Sie ist groß genug, dass ein erwachsener Mann hineinpasst, und genau dafür ist sie auch gemacht. In der gelb lackierten Holzschote soll ein Bauer beerdigt werden, der sein ganzes Arbeitsleben lang Kakao gepflanzt hat.

Cadillac mit aufgeklapptem Dach

"In Ghana wollen Menschen in Särgen bestattet werden, die zeigen, was in ihrem Leben wichtig war", erläutert Ernest. Seine Werkstatt ist voller Sägespäne und riecht intensiv nach Holzleim. Hier liegt der hölzerne Korpus eines Elefanten auf dem Boden, dort steht ein silbern lackierter Cadillac mit aufgeklapptem Dach. Ein Kollege von Ernest kleidet den Innenraum mit weißem Rüschenstoff aus. "Darin wird jemand begraben werden, der gerne schöne Autos mochte", sagt Ernest.

Manchmal kommen Leute vorbei, um sich ihren Wunschsarg selbst auszusuchen, erzählt er. Meistens suchen aber die Verwandten das Modell aus. "Wichtige Personen werden oft in Särgen in der Form eines Adlers oder Löwen begraben", sagt Ernest. Andere Sargmodelle weisen auf den Beruf des Gestorbenen. In Ghana findet niemand etwas dabei, den Getränkehändler in einer Coca Cola-Flasche oder den Besitzer des Telefongeschäfts in einem überdimensionalen Mobiltelefon zu Grabe zu tragen.

Etwa 400 Euro kostet ein individuell geschreinerter Sarg, das entspricht etwa fünf Monatseinkommen einer Angestellten. Die Kunden kommen nicht immer aus der besser gestellten Gesellschaft, viele Hinterbliebene verschuden sich auch. Niemand weiß genau, wann und wie diese Tradition entstanden ist. Es heißt, ein Clanchef sei auf die Idee gekommen, sich in einem prunkvollen Adler-Sarg begraben zu lassen. Der benachbarte Clan konnte das nicht auf sich sitzen lassen und ließ beim Tod seines Anführers ebenfalls einen aufwendigen Sarg herstellen.

"Mir würde eine schlichte Holzkiste reichen"

Immanuel Affoetey, ein junger Mann im lilafarbenen Batikhemd, sieht zu, wie ein in Packpapier verpackter Sarg auf die Ladefläche eines Pritschenwagens gehoben wird. "Darin ist der Sarg für meine Großmutter", sagt Immanuel. "Sie war eine Königinmutter", fügt er hinzu. In Ghana ist dies der Titel einer einflussreichen Frau im Clan. Ihr Sarg stellt einen Schemel dar, ein Machtsymbol, vergleichbar mit einem Thron. "Meine Großmutter war sehr traditionell, also soll sie auch so begraben werden", meint er. "Ich gehöre zur Kirche der Adventisten. Mir würde auch eine schlichte Holzkiste reichen."

In Ernests Werkstatt stehen außerdem ein Kugelschreiber-Sarg für jemanden, der viel Zeit am Schreibtisch verbracht hat, sowie eine aufklappbare Bibel für einen besonders frommen Menschen. "Ich weiß schon, wie ich einmal begraben werden möchte", sagt Ernest und zeigt auf sein wichtigstes Werkzeug. "Mein Sarg soll die Form eines Hobels haben."

Ulrike Koltermann/DPA DPA

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