Seit ziemlich genau zehn Jahren hat mein Abiturjahrgang eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe. Dort wünschen wir uns einmal im Jahr frohe Weihnachten, gedenken der viel zu früh verstorbenen Mitschüler und besprechen Termine für das alle paar Jahre stattfindende Jahrgangstreffen. 2026 steht wieder ein rundes Jubiläum an, weswegen vergangene Woche geeignete Termine im November vorgeschlagen wurden.
Ein nach Australien ausgewanderter Mitschüler meldete sich zu Wort und bat, einen Termin im Sommer in Erwägung zu ziehen. Anscheinend sind ihm Down Under jedoch jegliche Deutschkenntnisse abhanden gekommen, weswegen er seine Bitte auf Englisch formulierte. Womit er wiederum den Kommentar provozierte, er möge sein Ansinnen doch auf Deutsch formulieren, immerhin habe er ja hierzulande auch sein Abitur abgelegt. Zwei weitere reagierten auf den erstaunlichen Verlust der Muttersprache mit Spott. Doch damit handelten sie sich einen Ordnungsruf der Gruppenleiterin ein: „Können wir das jetzt im Gruppenchat bitte unterlassen?“ Ein anderer beklagte noch die „unsinnige Diskussion“.
Nach weniger als zehn Beiträgen war es vorbei
Insgesamt gab es keine zehn Beiträge in der Causa, dann war Ruhe. Wer in einer großen Firma arbeitet, kennt das so ähnlich: Ein Mitarbeiter beantwortet eine Rundmail an den Gesamtverteiler und wird dann von fünf anderen – ebenfalls an alle adressiert – zur Ruhe gerufen. Irgendwann haben sich alle selbst ernannten Ordnungshüter und Witzbolde ausgetobt, und dann kehrt Ruhe ein. Ein lästiges Phänomen, aber doch eigentlich keines, was einer Vorschrift bedürfte. Oder doch?
In unserer Whatsapp-Gruppe wird jedenfalls akuter Regelungsbedarf erkannt. Was jetzt geschieht, erklärt im Kleinen anschaulich, was im Großen in der Gesellschaft schiefläuft. Wir Deutschen haben ein geradezu manisches Bedürfnis, es jedem recht zu machen und eine Einzelfallgerechtigkeit herzustellen. Was gut gemeint ist, führt im Resultat dazu, dass sich das Land mit einem undurchdringbaren Gestrüpp von Paragrafen längst selbst lahmgelegt hat.
Und auch in unserem Abi-Chat ist das Motto „Keep it simple“ seit diesem „Vorfall“ passé. Pardon my French, es muss natürlich heißen: hinfällig. Denn um den Mitschülern die „Zumutung“ künftig zu ersparen, einen Beitrag in englischer Sprache und eine Handvoll Reaktionen darauf lesen zu müssen, wird die Gruppe jetzt in eine Whatsapp-Community verwandelt. Ziel der Aktion: „No more content noise“, wie es unser australischer Freund wohl formulieren würde. Jeder muss nun aktiv einer Gruppe beitreten und aus den folgenden Themenbereichen wählen:
- Termine und Sinnvolles
- News, Nachrichten, Urlaub etc.
- Sinnlos, aber amüsant
Whatsapp: Welche Gruppe ist die richtige?
Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, scheint mir „sinnlos, aber amüsant“ die einzig mögliche Gruppe zu sein, die uns als Abijahrgang verbindet. Aber was, wenn ich etwas poste, das zwar sinnlos, aber nicht amüsant genug ist? Und welche Sanktionsmöglichkeiten drohen mir, wenn ich den Mitschülern in der falschen Gruppe „Happy Christmas“ wünsche? Gibt es zunächst eine freundliche Abmahnung oder droht mir direkt der Gruppenausschluss? Die Gefahr, hier danebenzugreifen, ist hoch. Denn lieb gemeinte Weihnachtsgrüße sind, je nach Religionszugehörigkeit, sinnvoll, sinnlos oder betreffen den Urlaub. Wodurch man eine Zweidrittel-Chance hat, den falschen Chat zu erwischen und sich einen Rüffel einzufangen. Mon Dieu!
Um solchen Ärger zu verhindern, wird es künftig vermutlich weitere Untergruppen geben. Weihnachtsgrüße für Mormonen. Nicht sinnvoll und nicht amüsant. Beiträge in englischer Sprache. Die Möglichkeiten zur Differenzierung sind unbegrenzt, was nicht ins Weltbild passt, muss abgestellt werden. In unserer komplett durchoptimierten Zeit dürfen wir uns keinen Streuverlust leisten. Die Kommunikation muss sicher ans Ziel kommen, um die Richtigen zu treffen – und nur die.
Dass dieses Szenario gar nicht so unwahrscheinlich ist, hat der Soziologe Cyril Northcote Parkinson bereits in den 1950er-Jahren gewusst: Behörden wachsen unabhängig von der tatsächlichen Arbeitsmenge, schrieb er damals. Und auch unser Abijahrgang hat künftig (mindestens) drei Kanäle statt einen – obwohl kein einziger Abiturient dazugekommen ist.
Solche Projekte der Binnendifferenzierung finden sich auf jeder gesellschaftlichen Ebene. Vieles davon ist gut gemeint. Aber führt in der Summe zur absoluten Lähmung. Wer sich fragt, warum es in Deutschland aktuell 1800 Bundesgesetze, mehr als 2800 Rechtsverordnungen und Zehntausende Einzelnormen gibt – in der Geschichte unseres Abitur-Chats findet er vielleicht eine Antwort.
Der Autor ist Teil der Redaktion. Um keine Rückschlüsse auf den Abijahrgang zuzulassen, möchte er lieber anonym bleiben.