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Coronavirus Masken im Flieger ade – was das für die Infektionsgefahr an Bord von Flugzeugen bedeutet

Menschen im Flugzeug
Wie groß das Infektionsrisiko an Bord eines Flugzeuges ist, hängt von mehreren Faktoren ab.
© izusek
Bei dem Flug in den Sommerurlaub könnte es möglich sein, dass im Flieger keine Maske mehr getragen werden muss. Grund dafür sind gelockerte Corona-Maßnahmen in der EU ab Montag. Doch birgt diese neue Freiheit ein hohes Infektionsrisiko in Flugzeugkabinen?

Vor den Reisewellen im Sommer sind in der EU die Corona-Maßnahmen rund um die Flugreise gelockert worden. Ab Montag (16.5.22) fällt die Empfehlung zum verpflichtenden Tragen medizinischer Masken in Flughäfen und an Bord von Flugzeugen weg. Doch was heißt es für das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus im Flieger und am Flughafen?

Nicht alle Reisenden werden direkt ab Montag auf allen Flügen ohne Maske an Bord sitzen dürfen. "In Deutschland ist weiterhin das Infektionsschutzgesetz maßgebend, welches die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr und damit in Flugzeugen vorsieht. Insofern gilt weiterhin auf allen Lufthansaflügen eine Maskenpflicht", teilt Jörg Waber, Sprecher der Lufthansa-Group, mit. Doch auch jetzt ist es in jedem Fall schon erlaubt, während des Essens die Maske im Flieger abzunehmen. Und auch an deutschen Flughäfen ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung keine Pflicht mehr, wie auch in anderen Innenräumen.

Wie groß die Infektionsgefahr im Flugzeug ist, hänge von verschiedenen Faktoren ab: Wie gut die Luft gefiltert werde, welche Luftfilter zum Einsatz kommen, wie hoch die Fallzahlen sind, wie hoch die Viruslast einer corona-infizierten Person ist und wie nah sich diese in meinem Umfeld befinde, sagt Dr. Björn Jensen. Er ist Oberarzt der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie an der Uniklinik Düsseldorf. Die Infektionsgefahr im Flugzeug oder am Flughafen lasse sich daher nicht in genauen Prozentzahlen ausdrücken, da dies eben von einer Vielzahl von Faktoren abhänge, deren Komplexität wissenschaftlich meist nur annäherungsweise erfasst werden könne.

Ansteckungen mit dem Coronavirus sind lokal begrenzt

"Es ist ein gewisser Trugschluss, dass alle Passagiere in einem Flugzeug die gleiche Luft atmen. Die Luftsysteme filtern die Luft: An jedem Sitzplatz wird also Luft abgesaugt, gefiltert und frische Luft in den Flieger eingebracht", sagt Prof. Johannes Knobloch. Er ist Mikrobiologe, Infektionsepidemiologe und Leiter der Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der Effekt: Die Luft breitet sich nicht im ganzen Flugzeug aus, sondern nur lokal. Für die Übertragung des Coronavirus über Aerosole einer corona-positiven Person, einem Virusnebel, bedeutet es, dass dieser sich nicht durch das ganze Flugzeug verteilt. "Nur in unmittelbarer Nähe können die infektiösen Aerosole übertragen werden, bevor die Luft abgesaugt wird. Heißt: Eine infizierte, ansteckende Person, die keine Maske trägt, muss in der Reihe vor, hinter oder neben mir sitzen, damit ich mich über einen Virusnebel mit dem Coronavirus infizieren kann." Auch am Flughafen sei eine Infektion über Aerosole nicht so wahrscheinlich – auch ohne Maskenpflicht. "Meist gibt es hohe Decken und eine Kühlung der Räume. Die warme Atemluft steigt also nach oben und eine Akkumulation der Aerosole ist unwahrscheinlich."

Die Infektionsgefahr über Tröpfchen sei im Flugzeug und am Flughafen allerdings höher, wenn alle Reisenden keine Maske mehr tragen. "In Warteschlangen, beim Boarding, beim Ein-und Aussteigen und der Sicherheitskontrolle habe ich engere Gesprächskontakte, bei denen eine Ansteckung über Tröpfchen möglich ist", sagt Knobloch.

FFP2-Maske zum Eigenschutz weiterhin sinnvoll

Doch auch wenn fast keine Person am Flughafen oder im Flieger eine Maske trägt, ist es möglich, sich selbst zu schützen. "Wird eine FFP2-Maske richtig getragen und liegt wirklich eng an, kann ich mich damit sehr effektiv selbst vor einer Infektion schützen – auch wenn keine andere Person eine Maske trägt." Für den Fremdschutz sei ein Mund-Nasen-Schutz mindestens genauso gut wie eine FFP2-Maske, manchmal sogar besser. Denn schlecht sitzende FFP2-Masken seien problematisch. Durch die entstehenden Lücken zwischen Gesicht und Maske dringe die Atemluft in einem Strahl nach außen und Aerosole können relativ weit verbreitet werden, so Knobloch.

Doch für einen guten Schutz ist Konsequenz wichtig, erklärt Björn Jensen. Er sagt: "Wer sich optimal vor einer Infektion schützen möchte, sollte den ganzen Flug über eine gut sitzende FFP2-Maske tragen. Dafür darf die Maske auch nicht für das Essen abgenommen werden, auch diese Minuten können reichen, um sich anzustecken, wenn eine infektiöse Person in der Nähe ist und auch keine Maske trägt." Denn: "Die neuen Omikron-Varianten sind sehr infektiös und so kann ich mich schon bei einem kurzen Kontakt über Aerosole oder größere Tröpfchen anstecken. Hinzukommt, dass viele Sars-CoV-2-infizierte Menschen sich bei milden oder asymptomatischen Verläufen ihrer Corona-Infektion gar nicht bewusst sind, was das Ansteckungsrisiko erhöht, da weder sie selbst noch ihre Umgebung einen Anlass für besondere Verhaltensmaßnahmen sehen."

Ob ein Wegfall der Maskenpflicht in Flugzeugen zu einem Anstieg der Fallzahlen führt, lässt schwer voraussagen. "In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass durch Urlaubsreisen aus Ländern mit höheren Fallzahlen Infektionen nach Deutschland eingetragen wurden. Das konnte man zum Ferienende beobachten. Sie haben den Start der nächsten Welle unterstützt." Doch dabei dürfe nicht ein Flug oder ein Aufenthalt am Flughafen ohne Maske als alleiniges Infektionsrisiko betrachtet werden, sondern immer der ganze Urlaub. Auch bei Restaurantbesuchen, einem Abend in der Disco oder anderen Aktivitäten ohne Maske besteht ein Infektionsrisiko.

Johannes Knobloch sieht es ähnlich: Der Wegfall der Maskenpflicht an Flughäfen und im Flieger führe wahrscheinlich nicht zu einem starken Anstieg der Corona-Fallzahlen. "Ich würde die Flugreise auch nicht isoliert betrachten. Durch vermehrte Kontakte im Urlaub und dem dortigen Verhalten kann es zu mehr Corona-Fällen in den klassischen Reisezeiten kommen." Ein solcher Anstieg in Rückreisezeiten werde auch von anderen Effekten beeinflusst: "Wenn ich weiß, dass ich in der nächsten Woche in den Urlaub fliegen möchte und etwas Schnupfen und Heiserkeit spüre, werde ich vielleicht vermeiden, mich testen zu lassen, um die Reise nicht zu gefährden. Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme und Symptome habe, werde ich mich eher testen lassen." Aus epidemiologischer Sicht findet der Experte es sinnvoll, dass in allen Situationen am Flughafen und im Flugzeug, in denen Gesprächskontakte stattfinden und viele Menschen eng zusammenkommen, weiter Masken zum Schutz getragen werden.


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