Primäre Insomnie "Ich kann einfach nicht schlafen"


In Stressphasen sind unruhige Nächte normal. Was aber tun, wenn sie zum Dauerproblem werden?

Marianne Göbel*, 51, Sozialarbeiterin:

"Trennung, Probleme mit den Kindern, Fälle aus der Arbeit, die mich nicht losließen - es kann sein, dass es damit anfing, vor acht Jahren: Ich wurde nachts immer häufiger wach und konnte nicht mehr einschlafen. Ich lag da, habe gegrübelt, über den Tag nachgedacht, und irgendwann war ich nur noch genervt, weil ich schlafen wollte, aber nicht konnte. Da ich eigentlich ein Hochleistungsmensch bin, hat mich das schier wahnsinnig gemacht. Ich war furchtbar nervös und habe mir Vorwürfe gemacht: ,Du schläfst schon wieder nicht, morgen bist du total fertig, du kriegst den Tag bestimmt nicht rum." Meist bin ich erst gegen Morgen eingedöst.

Mit der Zeit wurden die Schlafprobleme immer schlimmer: Ich hatte nachts Herzrasen, richtige körperliche Symptome. Irgendwann konnte ich mich tagsüber kaum noch konzentrieren. Mitten im Satz wusste ich nicht mehr, worüber ich geredet habe. Ständig habe ich vergessen, was ich noch gleich tun wollte, konnte kaum noch ein Gespräch führen.

Ich war todunglücklich und hatte Angst, Alzheimer zu bekommen. Ich bin zum Arzt gegangen, aber der hat mir Baldrian empfohlen. Als ich gedrängt habe, weil die Probleme schlimmer wurden, wollte er mir Schlaftabletten verschreiben. Dagegen habe ich mich gesträubt. Zum Glück ist ihm das Schlaflabor eingefallen. Dort habe ich zwei Nächte geschlafen, und man hat mir meine Schlafkurven gezeigt: Ich schlafe sehr unruhig, habe aber zwei bis drei Tiefschlafphasen pro Nacht. Das hat mich beruhigt: Ich brauchte mich also nicht mehr verrückt zu machen, dass ich überhaupt nicht schlafe.

In einer Verhaltenstherapie habe ich gelernt, mit dem Schlafen besser umzugehen. Nach sieben Jahren hatte ich erstmals wieder das Gefühl, dass ich mich ruhig hinlegen kann. Es gibt immer noch schlechte Nächte, aber ich rege mich nicht mehr so darüber auf. Wenn mich Gedanken nachts nicht loslassen, dann stehe ich auf und schreibe sie auf. Wenn ich schlecht geschlafen habe, mache ich nur das, was ich leisten kann. Und wenn ich eine tolle Nacht hatte, dann wache ich auf und freue mich morgens total." * Name geändert

Prof. Jutta Backhaus vom Schlaflabor der Medizinischen Universität Lübeck rät: Entspannung trainieren

Es trifft oft die Leistungsbewussten. Die, die sich selbst kaum Pausen gönnen. Scheinbar ganz plötzlich bleibt ihr Schlaf weg. Und je mehr sie ihn wollen, desto ferner entschwindet er ihnen. "Oft fängt eine Schlafstörung mit einer Stresssituation oder einer Lebenskrise an", sagt Jutta Backhaus, Leiterin des Schlaflabors an der Klinik für Psychiatrie der Medizinischen Universität Lübeck: Jemand grübelt über die Finanzierung des Eigenheims nach oder hat Stress im Job.

"Dass man in solchen Situationen eine Zeit lang nicht gut schläft, ist völlig normal; das geht in der Regel nach spätestens einem Monat vorbei. Bei manchen Menschen aber verselbstständigt sich die Schlafstörung. Nach einer Weile grübeln sie nachts nicht mehr über ihr Problem, sondern darüber, dass sie nicht schlafen", beschreibt Backhaus den Teufelskreis. Die Grübelei macht noch unruhiger. "Wenn man willentlich versucht einzuschlafen, passiert das genaue Gegenteil, man wird immer wacher."

Liegt der Schlafstörung keine organische oder psychische Krankheit zugrunde, sprechen die Experten von primärer Insomnie. Frauen trifft sie häufiger als Männer, da ihre hormonellen Schwankungen Schlafprobleme auslösen können. Ältere Menschen trifft sie häufiger als junge, da etwa ab 40 der Schlaf leichter wird.

Häufig pilgern die Schlaflosen jahrelang Hilfe suchend von Arzt zu Arzt. "Menschen mit primärer Insomnie haben das Problem im Durchschnitt schon seit zehn bis elf Jahren, bevor sie zu uns kommen", sagt Backhaus. Die Experten prüfen zuerst, ob sie einen klaren Verursacher ausmachen können. So haben Depressive meist Schlafstörungen; Schmerzerkrankungen oder Funktionsveränderungen der Schilddrüse behindern den Schlaf. "Wir arbeiten mit standardisierten Testbögen", erläutert Backhaus. Außerdem notieren die Patienten in einem Schlaftagebuch, wann sie ins Bett gegangen sind, wie oft sie wach waren und wann sie wieder aufstanden.

In den meisten Fällen ist die Diagnose danach klar, sagt Backhaus: "Ins Schlaflabor braucht man dann eigentlich nur, wenn der Verdacht besteht, dass die Schlafstörung organische Ursachen haben könnte. Manchmal hilft eine solche Untersuchung den Patienten aber, weil sie anhand ihrer Schlafdaten sehen, dass ihre Nächte gar nicht so schlecht sind, wie sie immer dachten." Denn viele Schlafgestörte empfinden leichte Schlafphasen anders als Normalschlummerer: Sie halten sich für wach, obwohl sie dösen oder gar schon schlafen.

Schlaflosigkeit sollte unbedingt behandelt werden. Denn sonst ist das Risiko hoch, nach einigen Jahren depressiv zu werden. Studien haben gezeigt, dass gegen primäre Insomnie am besten eine kognitive Verhaltenstherapie hilft, ergänzt durch Entspannungsverfahren und das Wissen darüber, wie man den Schlaf-Wach-Rhythmus strukturiert.

"Wer zu uns kommt, lernt zuerst, sich körperlich und gedanklich zu entspannen", sagt Jutta Backhaus. Denn das haben die Nichtschläfer oft verlernt. Die meisten kommen mit progressiver Muskelentspannung, kombiniert mit Ruhebildern und Fantasiereisen, am besten klar. Die Patienten lernen, unangenehme Gedanken zu stoppen und sich falsche Verhaltensweisen abzugewöhnen.

So sollten Schlafgestörte nicht länger im Bett bleiben, auch wenn sie schlecht geschlafen haben. Denn sie gleichen das Schlafdefizit dadurch nicht aus. Im Gegenteil. Lange Bettzeiten führen zu leichterem Schlaf, und die Patienten fühlen sich am nächsten Morgen noch unerholter. Auch tagsüber dürfen sie daher kein Auge zutun. "Damit wird der Schlafdruck erhöht, man ist abends müder und schläft besser", erklärt Backhaus. Auch die Vermittlung von Methoden zur Problemlösung gehören zur Therapie. Grüblern etwa helfe es oft, ihre Gedanken aufzuschreiben und sich am nächsten Tag systematisch damit auseinander zu setzen. So ist erst mal der Kopf frei, und die Patienten können einschlafen.

Eine härtere Form der Therapie ist die Schlafrestriktion: Damit die Patienten wieder richtig müde werden, wird ihr Schlaf beschränkt. Das sollte man aber besser nicht selbst ausprobieren: "Wer sich für diese Therapie entscheidet, braucht auf alle Fälle professionelle Beratung", warnt Backhaus.

Am meisten hilft den Insomnikern, dass sie nach der Therapie wieder lässiger mit der Nacht umgehen können. "Viele hatten ihr ganzes Leben um ihre Schlafstörung herum organisiert. Das ist ganz falsch. Wichtig ist, am Leben teilzunehmen - auch, wenn man dann vielleicht mal nicht zur üblichen Schlafenszeit ins Bett kommt", sagt Backhaus.

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