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Grauzonen in der Griechenland-Krise: Fifty Shades of Grexit

In der Griechenland-Krise wird immer nur in Schwarz-Weiß-Lösungen gedacht. Es gibt auch Grauzonen, wie eine Studie von Goldman and Sachs zeigt.

Von Andreas Hoffmann

Griechenland mit oder ohne den Euro? Zu Schwarz-Weiß gedacht! Eine Studie der Investmentbank Goldman and Sachs zeigt: Griechenland könnte im Euro-System bleiben und dennoch eigene Wege gehen.

Griechenland mit oder ohne den Euro? Zu Schwarz-Weiß gedacht! Eine Studie der Investmentbank Goldman and Sachs zeigt: Griechenland könnte im Euro-System bleiben und dennoch eigene Wege gehen.

Sie sollen raus. 52 Prozent der Deutschen wollen laut einer ZDF-Umfrage, dass die Griechen die Euro-Zone verlassen. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, ist die Devise. Aber was ist, wenn die Griechen nicht gehen, wenn es Zwischenstadien gibt, wenn Griechenland bankrott ist, aber trotzdem im Euro bleibt? Ein geordnetes Verfahren, wie ein Land die Währungszone verlässt, sehen die europäischen Verträge nicht vor.

Mit solchen Zwischenstadien beschäftigt sich eine Studie der Investmentbank Goldman and Sachs ("Grexit is not a matter of black and white"), und die Investmentbanker kommen zu dem Schluss: Bei einem Ausstieg Griechenlands gibt es nicht nur Schwarz-Weiß-Lösungen, sondern eine Palette von Grautönen ("many shades of grey"). Griechenland könne im Euro-System bleiben und dennoch eigene Wege gehen. Der Euro würde so "im Land als faktische Währung existieren, obwohl Griechenland pleite" wäre.

Banken führen Sperrstunden ein

Wie das in der Praxis aussieht? Mal angenommen, die Griechen können ihre Kreditraten an die ausländischen Gläubiger nicht mehr überweisen. Tja, dann zahlen sie erst mal nicht, und es bauen sich Zahlungsrückstände auf. Diese Rückstände könnten die Griechen später wieder abbauen.

Oder die Regierung kann ihre Staatsdiener nicht mehr bezahlen. Tja, dann verteilt sie Schuldscheine, mit denen ihre Bediensteten sich etwas kaufen können. Vielleicht entsteht so ein Parallelwährungssystem. Die neuen Schuldscheine werden gegen Euros getauscht und umgekehrt. Ja, ein Staat kann sogar den Euro nutzen, ohne Mitglied der Euro-Zone zu sein. Das zeigen Montenegro und Kosovo. Beide Länder haben keine eigenen Währungen, sondern verwenden den Euro, ohne dem System anzugehören. Den Bankverkehr wickeln ausländische Geldhäuser ab, die sich bei der Europäischen Zentralbank verschulden können.

Und was passiert, wenn die Griechen die Banken stürmen, ihre Konten leerräumen, weil sie um ihr Geld fürchten? Tja, dann könnten die Geldinstitute eine Zeitlang schließen. Sogenannte Bankferien werden eingeführt, die Häuser öffnen nur zeitweise, die Kunden dürfen nur kleine Summen abheben oder ins Ausland überweisen. All dies erleben die Zyprioten seit bald zwei Jahren.

Dass solche Zwischenlösungen beim Grexit wahrscheinlich sind, begründen die Investmentbanker von Goldman and Sachs damit, dass eine neue Währung Griechenland mehr Probleme bringt als Lösungen schafft.

Griechenland als Präzedenzfall

Angenommen, Athen würde die neue Drachme einführen. Dann müsste die Regierung neue Banknoten drucken, die fälschungssicher sind, und anschließend Firmen, Bürger, Banken und Geldautomaten damit versorgen, was aufwendig ist. Viele Verträge zwischen Lieferanten im In- und Ausland müssten umgestellt werden, ebenso viele Bilanzen bei Banken und Versicherern, denn jetzt gilt die neue Drachme und nicht mehr der alte Euro. Diese Umstellung werden ausländische Unternehmen nicht einfach akzeptieren. Sie könnten Geld verlieren, die neue Drachme ist weniger wert als der alte Euro. Also wird man verhandeln. In dieser Zwischenzeit fließt kein Kapital, keine Waren und keine Dienstleistungen nach Griechenland, weil die Unternehmer an Geschäften nichts verdienen. Das Land wäre abgeschnitten.

Es ist nicht mal sicher, dass Athens Schulden durch die neue Währung sinken würden. Viele griechische Anleihen unterliegen ausländischem Recht, Anleger könnten die griechische Regierung bei ausländischen Gerichten verklagen, so wie es Investoren bei Argentinien machen.

Für die Europäer wäre ein Grexit ebenfalls unattraktiv. Sie würden einen Präzedenzfall schaffen und die Botschaft aussenden: Ein Krisenstaat fliegt aus dem Euro, wenn er schlecht wirtschaftet. Das heißt für die Finanzmärkte aber auch: Andere Krisenstaaten könnten folgen, und wenn ich als Anleger dort investiere, ist das gefährlich. Die Folge: Portugal, Irland, Spanien oder Italien kommen schwerer an Geld.

Hilfskredite verloren, Merkel im Unrecht

Schließlich gibt es noch politische Kosten eines Grexits. Die Politiker in Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland und allen anderen Euro-Ländern müssten eingestehen, dass die Hilfskredite an Griechenland größtenteils verloren sind. Sie müssten viele, viele Milliarden abschreiben. Angela Merkel würde ihre vermutlich größte politische Niederlage erleben. Die Kanzlerin müsste zugeben, dass ihre Kritiker Recht und sie Unrecht hatte. Die Alternative für Deutschland (AdF) würde jubeln.

Die grauen Szenarien, wie sie Goldman and Sachs diskutieren, vermeiden diese Nachteile. Griechen, Deutsche und Europäer können sich durchmogeln, keiner muss Milliarden abschreiben oder politische Fehler eingestehen. Die Regierungen machen einfach weiter. Und genau das macht die grauen Szenarien so wahrscheinlich.