Das Leben war viele Jahre lang gut zu ihnen gewesen. Hedwig und Karl Maurer (Name von der Redaktion geändert) hatten sich verliebt. Sie heirateten 1967 und bekamen zwei Töchter, Christine und Johanna. Karl machte Karriere als Jurist, Hedwig hielt zuhause den Laden zusammen. Die Wirtschaft erblühte, der Wohlstand der Familie auch. Karl und Hedwig kauften eine Wohnung im Bergischen Land. Sie kauften auch Kunst, hochwertige Möbel und jede Menge Bücher.
Mit 40 erkrankte Hedwig an Multipler Sklerose, aber sie kam klar. Die Krankheit schritt nur langsam voran. Die Kinder wurden groß und gingen fort, die Eheleute zogen um nach Essen, zu zweit in eine Wohnung mit 140 Quadratmetern. 5000 Bücher zogen mit.
Karl starb 2016, ganz plötzlich, mit 78 Jahren. Hedwig blieb allein zurück. Neun Jahre lang ging das gut. Dann stürzte sie schwer. Acht Monate Krankenhaus. Hedwigs Welt schrumpfte. Wieder zu Hause lebte sie im Pflegebett, geistig topfit, aber von der Hüfte abwärts unbeweglich. Ein Pflegedienst half, und ihre erwachsenen Töchter sprangen immer wieder ein, wenn es sein musste. Bis es nicht mehr ging.
Im September 2025 zog Hedwig, nun 84, in ein Pflegeheim nach Frankfurt. Hedwig ließ ihr altes Leben zurück. Und ihr Zuhause.
„Wir mussten die Wohnung unserer Mutter schnell auflösen“, erinnert sich Christine, die heute in Hamburg lebt, „zu unserer emotionalen Belastung kam der Stress, weil zusätzlich zu den Pflegeheimkosten die Miete weiterlief. Alles in allem dauerte es drei Monate, bis wir fertig waren. Einen Entrümpler zu beauftragen, kam nie infrage. Ich hätte es nicht verkraftet, wenn fremde Leute das ganze Leben meiner Eltern achtlos weggeworfen oder verwertet hätten.“
Plötzlich fehlt dem Elternhaus die Seele
Das Haus oder die Wohnung der Eltern aufzulösen, gehört zu den prägenden Erfahrungen in der Biografie eines Menschen. In den verlassenen Räumen ist es still, vielleicht brummt irgendwo ein Kühlschrank. Darin noch eine Tube Senf oder ein Glas Marmelade. Ganz so, als ob hier bald jemand zurückkehren und wieder essen würde.
Aber die einzigen, die zurückkehren, sind jene Angehörigen, die sich nun kümmern müssen, weil Vater oder Mutter gestorben sind – oder ins Pflegeheim mussten. Auf einmal erscheint die eben noch vertraute Welt wie verwandelt. Den Räumen fehlt nun etwas: die Seele derer, die dort lebten. In der Luft noch der vertraute Geruch der Teppiche, Polstermöbel und Kleiderschränke, auf dem Fenstersims die Vase, auf dem Schreibtisch gerahmte Fotos, im Bad eine Wärmflasche. Irgendwo tickt eine Uhr. Plötzlich wird die Endlichkeit des Lebens greif- und fühlbar, auch des eigenen.
Es ist paradox, wie wenig Wissen es über diese einschneidende Phase gibt, in der sich Angehörige um den Nachlass der Eltern oder naher Verwandter kümmern müssen. Es gibt nicht einmal verlässliche Statistiken darüber, wie viele Häuser oder Wohnungen pro Jahr hierzulande aufgelöst werden müssen, weil Mieter oder Eigentümer sie nicht mehr nutzen können.
2024 starben in Deutschland laut Statistischem Bundesamt etwa eine Million Menschen. Ende 2023 waren etwa 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig, wobei nur ein Fünftel in Pflegeeinrichtungen lebten. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland etwa 440.000 zuvor bewohnte Eigentumswohnungen und Eigenheime verkauft. Eine schon ältere Umfrage des Immobilienportals Immoverkauf24 legt nahe, dass hierzulande etwa jede vierte Immobilie aus Altersgründen den Besitzer wechselt.
Jeden Tag also stehen irgendwo im Land Angehörige vor der Herausforderung, sich kümmern zu müssen: um das „gute Sonntagsgeschirr für wenn Besuch kommt“, um den Mantel, der 1973 mal sehr teuer war, um unverwüstliche Sofakissen oder um Kontoauszüge von 1981 auf dem vollgestopften Dachboden.
Grundgefühl? Überforderung!
Eine Aufgabe, die für alle Beteiligten mühsam, anstrengend und psychisch belastend ist. Ältere Menschen, die zu Hause nicht mehr versorgt werden können, haben das Gefühl, nicht nur ihres vertrauten Umfeldes, sondern ihres ganzen Lebens beraubt zu werden. Und Angehörige sind mit dem Wust der Dinge, die zu erledigen sind, häufig überfordert.
Die Überforderung zeigt sich auf mehreren Ebenen: Es fehlt an Wissen: Was ist zu tun? Was darf ich tun? Was war und ist Wille jener, die sich nun nicht mehr kümmern können oder wollen? Es fehlt an innerer Distanz zu den Dingen, über die zu entscheiden ist: Was soll weg? Was bleibt wertvoll? Es fehlt oft aber auch an einer inneren Erlaubnis, Verantwortung übernehmen zu dürfen für all das, was Verstorbene oder Pflegebedürftige nicht mehr zu leisten imstande waren oder sind. Christine erinnert sich:
„Noch am Tag, als meine Mutter ins Heim zog, begann die Arbeit. Wir hatten in den vergangenen Jahren immer mal wieder etwas aussortiert, aber ich bin ein Mensch, der selbst sehr an Sachen – oder besser: Erinnerungen – hängt. Den Mantel meines Vaters konnte ich nicht weggeben. Auch von Büchern kann ich mich generell schwer trennen. Ein paar wertvolle Gegenstände wie Gemälde oder einen Designersessel haben wir behalten, den Rest haben wir verschenkt, notgedrungen weggeworfen oder für Kleinstbeträge verkauft, was mir sehr weh tat. Ich hatte das Gefühl, dass die Dinge nicht die gebührende Würdigung erfuhren. Beim Ausmisten lernte ich auch Seiten meiner Eltern kennen, die ich bisher gar nicht gekannt hatte. Das waren sehr persönliche Erkenntnisse. Wir mussten unter hunderten Schriftstücken und Fotos auswählen, was erhaltenswert war. Dadurch wurde das Bild unserer Familie für mich im Nachhinein noch komplexer. Manches überforderte mich. Das, was ich las, etwa in Briefen, war mir zu privat, zu nah, nicht mein Leben – und vor allem: nicht für meine Augen bestimmt.“
Es sind nicht nur intime Einblicke, die anstrengen. In letzter Konsequenz geht es um den Umgang mit dem Thema Vergänglichkeit und Abschied. Um Festhalten und Loslassen.
„Ein Leben ohne Abschied gibt es nicht. Wer keinen Abschied wagt, bleibt in etwas hängen, was ihn in der Vergangenheit festhält“, schreibt der Benediktinerpater und Bestsellerautor Anselm Grün. In der Tat begleiten uns Abschiede von Geburt an: Die Nabelschnur wird durchtrennt. Das Kind abgestillt. Die lieben Kleinen feiern ihren letzten Schultag und ziehen fort. Paare trennen sich. Freunde gehen.
Irgendwann dann der Abschied von der Gesundheit, der Abschied von einem Leben ohne Schmerz und von der Illusion, alt würden nur die anderen werden. Abschied vom Hobby, Abschied vom Autofahren, Abschied von körperlichen oder geistigen Fähigkeiten. Der letzte Abschied, den wir bewältigen müssen, ist der schwerste: Es ist der vom Leben. Ist es nicht eine ungeheure Zumutung, eines Tages all das zu verlieren, was man sich im Leben an materiellen und immateriellen Dingen so hart und mühevoll erarbeitet hat?
Hinter allem steht auch die Angst vor dem eigenen Tod
All diese erlebten und noch zu bewältigenden Abschiede begleiten uns, wenn wir die elterliche Wohnung räumen. Und dennoch liegt in dieser mühevollen Arbeit auch eine große Chance: „Wir haben weder Übung noch Selbstvertrauen im Umgang mit dem Tod. Aber wir können üben“, schreibt die Autorin und Sterbebegleiterin Charlotte Wiedemann in ihrem Buch „Die Kunst des Abschiednehmens“. „Wir dürfen uns fragen, was uns wirklich wichtig ist. Was wir loslassen könnten, wenn es darauf ankäme.“
In diesem Sinne könnte der Abschied vom Elternhaus eine Gelegenheit sein, all das Schwere, das diese Aufgabe mit sich bringt, durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit in etwas sehr Wertvolles zu verwandeln. Vielleicht in die Erkenntnis: Wir sind mehr als das, was wir besitzen. Soweit die Theorie.
Die Praxis sieht oft ganz anders aus: Keine Statistik erfasst die vielen Dramen, die sich überall da abspielen, wo die Dinge zu lange ungeklärt waren, wo Unausgesprochenes verhindert, dass der Abschied gelingt. Geschwister entzweien sich über das richtige Vorgehen, erwachsene Kinder und greise Eltern entfremden sich über der Frage, was wann wie zu tun ist. Es sind Dramen des Wegschauens und Dramen der Verleugnung. Dabei handelt kaum jemand aus böser Absicht.
Jeder kennt den Spruch, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Was hindert uns, beizeiten die Dinge zu regeln? Es geht immer um Gefühle. Um die Angst vor Verlust, und dieser Verlust ist in der Regel gar kein materieller.
Noch immer wird das Thema Tod tabuisiert. Jeden Tag werden wir mit Mord, Totschlag und anderem Sterben konfrontiert. Sobald aber die Möglichkeit des eigenen Todes in den Schutzraum der Familie eindringt, wird der Abschied, dem sich jeder Mensch eines Tages stellen muss, entweder schlicht ignoriert oder aber auf ein ungefähres, weniger bedrohliches Übermorgen verschoben. „Darüber wollen wir jetzt nicht reden.“ Verständlich. Aber es bürdet jenen, die sich kümmern müssen um das, was vom Leben übrigbleibt, so viel vermeidbare Arbeit und Verantwortung auf.
„Unser Umgang mit dem Tod gleicht im Extremfall einem absurden Theaterstück“, meint Katja Werheid, Professorin für Klinische Neuropsychologie und Psychotherapie an der Universität Bielefeld. Werheid ist Expertin für Gerontopsychologie, also für die Psyche älterer Menschen. In ihrem Buch „Nicht mehr wie immer – Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können“ schreibt sie auch über totkranke ältere Menschen, die von ihren Angehörigen im Krankenhaus oder Pflegeheim besucht werden. „Dabei reden sie über alles Mögliche, verlieren aber kein Wort über den nahenden Tod. Nicht die Angehörigen, nicht die Sterbenden. Beide Seiten sind der Auffassung, der jeweils anderen Seite damit etwas Gutes zu tun, obwohl beide unter dieser Sprachlosigkeit leiden.“
Besitz hat für die ältere Generation eine andere Bedeutung
Diese Sprachlosigkeit führt dazu, dass häufig auch das Thema Wohnungsauflösung oder wenigstens das gelegentliche Ausmisten nicht rechtzeitig besprochen werden. Angeblich kam ein Haushalt vor 100 Jahren noch mit etwa 180 Dingen aus – heute sind es Tausende von Gegenständen, die sich in einem Durchschnittsheim finden. Es wäre hilfreich, würde es älter werdenden Eltern und ihren erwachsenen Kindern gelingen, noch zu Lebzeiten mit klarem Verstand über Erwartungen und Befürchtungen zu sprechen, was den Umgang mit den Dingen des Lebens angeht.
„Besonderes Konfliktpotenzial birgt in den meisten Familien das Festhalten an Besitz“, schreibt Expertin Katja Werheid. „Das liegt daran, dass sich Werte wie Sparsamkeit und Treue weniger rasch geändert haben als der wirtschaftliche Wohlstand.“ Heißt konkret: In Kriegs- und Krisenzeiten war es durchaus sinnvoll, Dinge so lange wie möglich zu verwenden oder zu horten. Wofür aber Angehörige, die in der Wegwerfgesellschaft des Überflusses aufgewachsen sind, häufig nur noch wenig Verständnis haben.
Statt Bevormundung – „Das kommt jetzt in den Müll!“ – wäre gegenseitiger Respekt und Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse des jeweils anderen ein Schlüssel. In einer idealen Welt übernähmen die älter werdenden Eltern in der späten Lebensphase Verantwortung für ihren Besitz. Sie würden rechtzeitig Wichtiges von Unwichtigem trennen und ihren Angehörigen die Erlaubnis geben, später freien Herzens nur das zu behalten, was ihnen selbst wichtig ist.
Und die Angehörigen hätten mehr Verständnis dafür, warum die alten Leute so handeln, wie sie handeln: Menschen haben ein lebenslanges Bedürfnis danach, Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen und zu pflegen – etwa durch gemeinsame Erfahrungen. Sehr viele der Gegenstände, mit denen wir uns umgeben, sind Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. „Diese Vase habe ich 1968 gekauft, als ich mit deinem Vater in Italien war.“
Die Dinge haben ihren eigenen, oft irrationalen Wert
Der Ehemann und Vater ist vielleicht längst gestorben und die Vase mag für Außenstehende eine getöpferte Scheußlichkeit sein, aber sie verbindet mit Erinnerungen, mit Gefühlen, mit Menschen. Wer über all das zärtlichen Herzens sprechen kann, tut viel dafür, den inneren Stress beim Thema Loslassen und Abschied zu reduzieren.
Dann wird vielleicht die Bedeutung der Dinge noch klarer: Jede aufbewahrte Schraube, jedes leere Marmeladenglas, jeder Karton mit Dingen, die vollkommen aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, steht für ein Bedürfnis nach Sicherheit. Über diese Verlustängste einfach hinwegzugehen, wäre grausam.
Andere ältere Menschen horten Sachen, weil sie schlicht nicht mehr körperlich zum Ausmisten und Wegwerfen in der Lage sind. Wieder andere leiden vielleicht bereits an kognitiven Einschränkungen – Stichwort Demenz –, die sie an einem anderen Umgang mit den Dingen hindern.
Aufmerksamkeit, Interesse und liebevolle Beharrlichkeit – all das hilft Angehörigen beizeiten auch hier. Dann kann das Aufräumen, Ausmisten, Aussortieren und Verschenken später vielleicht leichter von der Hand gehen und Teil einer eigenen inneren Inventur werden. Einer Bestandsaufnahme, bei der es um die eigene Haltung zum Leben geht. Was war einmal wichtig? Was ist verzichtbar? Was bleibt wertvoll.
Christine blickt inzwischen mit etwas Abstand auf die vergangene Zeit zurück: „Rückblickend war es gut und entlastend, die Wohnung noch zu Lebzeiten meiner Mutter aufgelöst zu haben. Mit ihrem Einverständnis und mit der Möglichkeit, sie dazu zu befragen. Der für mich wichtigste Gegenstand war eine alte Grubenlampe mit einem Einschussloch aus dem Zweiten Weltkrieg. Mein Opa war Bergbauingenieur. Die Lampe steht für meine Familie, meine Herkunft und die Entbehrungen meiner Vorfahren. All das nehme ich mit. Jetzt bin ich nicht nur traurig über den Abschied, sondern auch erleichtert. Ich glaube auch: Wenn meine Mutter eines Tages stirbt, dann wird mehr Platz für Trauer und andere Gefühle sein – weil es weniger Gegenstände gibt, die Raum beanspruchen.“
Vielleicht gibt es kein größeres Geschenk als diesen Platz.
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