Abschied vom Elternhaus
„Manches, was ich von meinen Eltern fand, war mir zu privat“

  • von Tobias Schmitz aufgezeichnet
Thema Elternhaus: Stuhl in einer Wohnung eines Verstorbenen
Was vom Leben übrig bleibt: Ein Bild aus dem Elternhaus-Projekt von Fotograf Jörg Egerer, der Eindrücke aus dem Haus seines verstorbenen Vaters festgehalten hat 
© Jörg Engerer
Abschied vom Elternhaus: Als ihre Mutter ins Pflegeheim musste, löste Christine, 53, deren Wohnung auf. Nicht jede Entdeckung in den Schränken und Schubladen war willkommen.

Wenn Angehörige die Wohnung oder das Haus ihrer Eltern auflösen müssen, ist das eine große Herausforderung. Wie sind sie dabei vorgegangen? Was waren Hürden? Was hat geholfen? Hier erzählt Christine, 53, aus Hamburg, von ihren Erfahrungen. Alle Texte, Tipps und Protokolle zum Thema „Abschied vom Elternhaus“ finden Sie hier.

„Nach der Pensionierung meines Vaters zogen meine Eltern in eine Mietwohnung in Essen. 140 Quadratmeter, viel moderne Kunst, etwa 5000 Bücher im Wohnzimmerregal. 2016 starb plötzlich mein Vater. Meine Mutter wollte unbedingt in der Wohnung bleiben, obwohl sie seit Jahrzehnten mit Multipler Sklerose lebte und zunehmend eingeschränkt war. Meine Eltern waren fast 50 Jahre lang ein Paar gewesen, und die Wohnung war der Ort, der meine Mutter weiterhin mit meinem Vater verband.

Eine Zeit lang ging das gut. 2019 jedoch stürzte meine Mutter schwer und verbrachte acht Monate im Krankenhaus. Wieder zu Hause war sie geistig immer noch topfit, aber von der Hüfte abwärts unbeweglich. Ihr Wohnzimmer und ihr Pflegebett wurden ihre ganze Welt. 

Ich lebe in Hamburg, meine Schwester in Frankfurt am Main. Trotz der Entfernung schafften wir es bis zum vergangenen Jahr, unserer Mutter ein Leben in der vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Dabei unterstützten uns ein Pflegedienst und wechselnde Betreuungskräfte, die bei ihr lebten. Meine Schwester und ich waren trotzdem immer auf Stand-by und mussten oft spontan Betreuungslücken füllen. 

Als dann der zuverlässigste Betreuer in seine Heimat zurückmusste, weil die eigene Mutter schwer erkrankt war, konnten wir einfach nicht mehr. Unsere Mutter zog im September 2025 mit 84 Jahren in ein Frankfurter Pflegeheim. Früher hatte allein ihr Wohnzimmer 45 Quadratmeter gehabt, jetzt waren es zwölf. 

Vorher fühlte sie sich in ihren Entscheidungen autark, jetzt fremdbestimmt. Eine riesige Umstellung – für uns alle, aber natürlich vor allem für meine Mutter. Einen Monat lang hat sie nur geweint: „Holt mich bitte nach Hause.“ Aber sie wusste, dass das nicht mehr ging.

Zu unserer emotionalen Belastung kam der Stress, weil wir die Wohnung schnell räumen mussten, schließlich lief die Miete weiter – zusätzlich zu den Pflegeheimkosten. Alles in allem dauerte es drei Monate, bis wir fertig waren. Einen Entrümpler zu beauftragen, kam nie infrage. Ich hätte es nicht verkraftet, wenn fremde Leute das ganze Leben meiner Eltern achtlos weggeworfen oder verwertet hätten. 

Noch am Tag des Umzugs begann die Arbeit. Wir hatten in den vergangenen Jahren immer mal wieder etwas aussortiert, aber ich bin ein Mensch, der selbst sehr an Sachen – oder besser: Erinnerungen – hängt. Den Mantel meines Vaters konnte ich nicht weggeben. Auch von Büchern kann ich mich generell schwer trennen. 

Ein paar wertvolle Gegenstände wie Gemälde oder einen Designersessel haben wir behalten, den Rest haben wir verschenkt, notgedrungen weggeworfen oder für Kleinstbeträge verkauft, was mir sehr weh tat. Ich hatte das Gefühl, dass die Dinge nicht die gebührende Würdigung erfuhren.

Beim Ausmisten lernte ich Seiten meiner Eltern kennen, die ich bisher gar nicht gekannt hatte. Das waren sehr persönliche Erkenntnisse. Wir mussten unter Hunderten von Schriftstücken und Fotos auswählen, was erhaltenswert war. Dadurch wurde das Bild unserer Familie für mich im Nachhinein noch komplexer. Manches überforderte mich. Das, was ich las, etwa in Briefen, war mir zu privat, zu nah, nicht mein Leben – und vor allem: nicht für meine Augen bestimmt. 

Ade Elternhaus: „Es war gut, meine Mutter noch befragen zu können“

Behalten habe ich die Möbel des Arbeitszimmers meines Vaters. Sie stehen jetzt bei mir in der Firma. Und Fotos, die ich mit meiner Mutter noch mal durchgehen möchte. Behalten habe ich auch Bücher mit besonderen Widmungen. Und Briefe. 

Der für mich wichtigste Gegenstand war eine alte Grubenlampe mit einem Einschussloch aus dem Zweiten Weltkrieg. Mein Opa war Bergbauingenieur gewesen. Die Lampe steht für meine Familie, meine Herkunft und die Entbehrungen meiner Vorfahren.

Rückblickend war es gut und entlastend, die Wohnung noch zu Lebzeiten meiner Mutter aufgelöst zu haben. Mit ihrem Einverständnis und mit der Möglichkeit, sie dazu zu befragen. Jetzt bin ich nicht nur traurig über den Abschied, sondern auch erleichtert. Ich glaube auch: Wenn meine Mutter eines Tages stirbt, dann wird mehr Platz für Trauer und andere Gefühle sein – weil es weniger Gegenstände gibt, die Raum beanspruchen.

Die vergangenen Monate haben auch dazu geführt, dass ich viel stärker hinterfrage, was ich wirklich brauche. Ich weiß jetzt, dass Gegenstände nicht mehr so wichtig für meine Erinnerungen sind, wie ich immer dachte. Für mich habe ich beschlossen, dass am Ende meines eigenen Lebens nur zwei Kisten mit Sachen übrig bleiben sollen – dann kann jeder schauen, ob es etwas ist, das für ihn oder sie bedeutsam ist.“ 

Alle Texte, Tipps und Protokolle zum Thema „Abschied vom Elternhaus“ finden Sie hier.