Abschied vom Elternhaus
„Fotografien vom Elternhaus helfen beim Loslassen“

  • von Tobias Schmitz aufgezeichnet
Fotograf Jörg Egerer im Elternhaus mit seinem Vater
Kindheitserinnerungen an das Elternhaus: Fotograf Jörg Egerer an seinem neunten Geburtstag mit seinem inzwischen verstorbenen Vater
© Jörg Egerer
Als sein Vater starb, musste sich Jörg, 55, um das verwaiste Elternhaus kümmern. Er beauftragte eine Entrümpelungsfirma – und lernte den Wert seiner Kamera schätzen.

Wenn Angehörige die Wohnung oder das Haus ihrer Eltern auflösen müssen, ist das eine große Herausforderung. Wie sind sie dabei vorgegangen? Was waren Hürden? Was hat geholfen? Hier erzählt Jörg, 55, aus München, von seinen Erfahrungen. Alle Texte, Tipps und Protokolle zum Thema „Abschied vom Elternhaus“ finden Sie hier.

„Mein Elternhaus steht bei Mannheim. 150 Quadratmeter, großer Garten, ein typisches deutsches Einfamilienhaus aus den 1970er-Jahren. Ich lebte dort, bis ich zwölf war. Dann ließen sich meine Eltern scheiden, und ich zog zu meiner Mutter.

Meinen Vater besuchte ich regelmäßig. Er blieb bis ins hohe Alter fit, fuhr im Winter noch regelmäßig zum Langlauf in die Schweiz. Er hatte immer gesagt, er wolle eines Tages in seinem Haus sterben. Es kam anders. Mein Vater wurde dement, und der Verfall schritt rasch voran. Bald war er vollkommen desorientiert und musste in ein Pflegeheim. Dort starb er 2020 mit 90 Jahren an Corona, einen Tag vor Heiligabend.

Zusammen mit meinem Bruder kümmerte ich mich um den Nachlass. Ohne meinen Vater fehlte dem Haus das Entscheidende: die Seele.

Wir beauftragten ein Unternehmen, die Räume auszuräumen. So landete das Meiste im Sozialkaufhaus. Ich selbst habe nur wenige Gegenstände behalten: einen Bierkrug aus Steingut etwa. Er erinnert mich daran, wie ich früher für meinen Vater Bier aus dem Keller holte und wie wir dann zusammen zu Abend aßen. Oder eine Windmühle aus Sperrholz, die ich mal in der Grundschule gebaut hatte, und bei der mein Vater gemeinsam mit mir kleine Verbesserungen vorgenommen hatte.

„Fotografien vom Elternhaus helfen beim Loslassen“

Ich bin Fotograf. Noch zu Lebzeiten meines Vaters hatte ich damit begonnen, das Haus Raum für Raum zu fotografieren. Nur für mich privat. Ich bin sehr froh, das gemacht zu haben. Das Haus haben wir längst an eine junge Familie mit Kindern verkauft, damit aus meinem Elternhaus wieder ein Elternhaus wird. 

Das Leben geht weiter. Aber die Fotos bleiben. Inzwischen biete ich das auch als Dienstleistung an: Elternhausfotografie. Ich gehe mit Angehörigen durch die Räume und lasse mir von Erlebnissen und Erinnerungen erzählen, die mit dem Haus in Verbindung stehen. So entstehen sehr individuelle Bilder, die die Vergangenheit nacherzählen. 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Fotografien helfen beim Loslassen. Ich kann in aller Ruhe Abschied nehmen. Gleichzeitig behalte ich lebendige, farbige Erinnerungen an ein Zuhause, das es so nicht mehr gibt.“

Alle Texte, Tipps und Protokolle zum Thema „Abschied vom Elternhaus“ finden Sie hier.