Abschied vom Elternhaus
„Mein Rat: Schaut nicht auf ein paar Euro. Verschenkt möglichst viel“

  • von Tobias Schmitz aufgezeichnet
Thema Elternhaus: Verlassene Werkstatt eines Verstorbenen
Was vom Leben übrig bleibt: Ein Bild aus dem Elternhaus-Projekt von Fotograf Jörg Egerer, der Eindrücke aus dem Haus seines verstorbenen Vaters festgehalten hat 
© Jörg Engerer
Abschied vom Elternhaus: Herberts Vater konnte nichts wegwerfen. Die Mutter litt unter Kaufsucht. Haus und Wohnung aufzulösen, war für die Angehörigen ein riesiger Kraftakt.

Wenn Angehörige die Wohnung oder das Haus ihrer Eltern auflösen müssen, ist das eine große Herausforderung. Wie sind sie dabei vorgegangen? Was waren Hürden? Was hat geholfen? Hier erzählt Herbert, 65, aus Wien, von seinen Erfahrungen. Alle Texte, Tipps und Protokolle zum Thema „Abschied vom Elternhaus“ finden Sie hier.

„Mein Vater starb vor 25 Jahren. Damals war meine Mutter 61 Jahre alt. Sie wollte unbedingt im gemeinsamen Haus wohnen bleiben. Es lag in einem Dorf, etwa 40 Kilometer westlich von Wien. Haus und Garten waren ihr Ein und Alles. Aber beides machte auch viel Arbeit – die sie immer weniger bewältigen konnte. Mein Bruder und ich kümmerten uns. Immer war etwas zu tun, zu regeln, zu reparieren. Wir waren für unsere Mutter da – bis wir nicht mehr konnten. 

„In unserem Elternhaus hatten sich Unmengen von Sachen angesammelt“

Vor zehn Jahren brachten wir sie gegen viele Widerstände dazu, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Das Haus zu entrümpeln war eine riesige Aufgabe. Mein Vater, Jahrgang 1933, hatte den Krieg erlebt. Er konnte nichts wegwerfen. Keine einzige Schraube. Auch meine Mutter konnte nicht loslassen. Sie litt unter Kaufsucht. 

Im Haus hatten sich Unmengen von Sachen angesammelt. Es dauerte Monate, bis das Haus mit Keller und Garage leer war und verkauft werden konnte. Wir entschieden damals, alles selbst zu entrümpeln, der Aufwand war enorm.

Dies war für uns der erste Abschied. Der zweite folgte im vergangenen Jahr. Mutter war in ihrer Wohnung gestürzt und konnte sich nicht mehr allein versorgen. Sie wurde auch dement. Wieder waren wir Söhne an unserer absoluten Belastungsgrenze. Es ging nicht anders: Unsere Mutter kam in ein Pflegeheim – ohne Aussicht, je wieder zurückzukehren. 

Wir kümmerten uns also auch um die Auflösung der Wohnung. Trotz unserer Erfahrung, trotz genauer Planung und strukturiertem Vorgehen dauerte es fünf Monate, bis wir es geschafft hatten. Denn auch die Wohnung war vollkommen vollgestopft mit allem Möglichen. Wir mussten allein 100 Kilo abgelaufene Lebensmittel wegwerfen. 

Mein Rat an andere, die so eine Arbeit noch vor sich haben: Verschenkt möglichst viel. Schaut nicht auf die fünf oder zehn oder fünfzig Euro, die manche Sachen noch bringen könnten. Es macht unglaublich viel Arbeit, einzelne Gegenstände zu verkaufen. Teilt eure Kräfte ein!

„Wir arbeiteten immer mit schlechtem Gewissen“

Dass unsere Mutter noch lebte, während wir ihre Wohnung auflösten, war für uns Kinder oft schwer zu ertragen. Rechtlich war alles in Ordnung, wir hatten alle notwendigen Vollmachten. Dennoch arbeiteten wir immer wieder mit einem schlechten Gewissen. Aber es gab ja kein Zurück mehr für unsere Mutter. 

Es war tröstlich, dass sie wegen ihrer rasch fortschreitenden Demenz nicht mehr wirklich verstand, was wir taten. Dennoch blieb es herzzerreißend, wenn sie uns sagte, sie wolle zurück nach Hause. Wir wussten ja: Dieses Zuhause existiert nicht mehr. 

Ich habe aus der Wohnung meiner Mutter kein einziges Erinnerungsstück behalten. Es gab nichts, an dem mein Herz wirklich hing. Mir waren Dinge nie so wichtig, eher Erlebnisse und Begegnungen mit anderen Menschen. 

„Ich trenne mich leichten Herzens von Sachen“

Meine Mutter starb im November 2025 im Alter von 86 Jahren. Seit wir das Haus unserer Eltern und die Wohnung unserer Mutter aufgelöst haben, weiß ich: Auch wenn wir Menschen uns mit noch so vielen Dingen umgeben – im Grunde ist das alles nur geliehen. Am Lebensende besitzen wir nichts mehr. Sind nur noch immer schwächer werdender Geist und Körper. Wir sterben. Besitz ist nicht mehr relevant. 

Ich trenne mich längst leichten Herzens von Sachen. Ich habe schon vieles verschenkt. Ich will mich dem Thema meiner eigenen Sterblichkeit nicht entziehen: Wenn ich eines Tages gehen muss, dann finden meine Hinterbliebenen einen Ordner mit allem, was wichtig ist. Es ist alles geregelt. Alles andere fände ich egoistisch.“

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