Abschied vom Elternhaus
„Der Abschied reißt einem ein bisschen die Wurzeln raus“

  • von Tobias Schmitz aufgezeichnet
Thema Elternhaus: Ein Badezimmer einer verstorbenen Person
Was vom Leben übrig bleibt: Ein Bild aus dem Elternhaus-Projekt von Fotograf Jörg Egerer, der Eindrücke aus dem Haus seines verstorbenen Vaters festgehalten hat 
© Jörg Engerer
Ihre Mutter wurde pflegebedürftig. Silke, 52, löste gemeinsam mit ihrer Schwester das Elternhaus auf. Rückblickend hätte sie ein paar Dinge gern anders gemacht.

Wenn Angehörige die Wohnung oder das Haus ihrer Eltern auflösen müssen, ist das eine große Herausforderung. Wie sind sie dabei vorgegangen? Was waren Hürden? Was hat geholfen? Hier erzählt Silke, 52, aus Frankfurt am Main, von ihren Erfahrungen. Alle Texte, Tipps und Protokolle zum Thema „Abschied vom Elternhaus“ finden Sie hier.

„Meine Mutter starb bereits 1988, mein Vater dann 2019. Mein Elternhaus – viel Eiche rustikal, das Bad ohne Fenster – gehörte unserer Familie seit 1903. Es steht in einem 500-Seelen-Dorf in Unterfranken. Ein ehemaliges Bauernhaus mit Stall, Scheunen und Nebengebäuden, in dem zuletzt die zweite Frau meines Vaters lebte. Im November 2024 zog sie aus Altersgründen in eine Stadtwohnung, seitdem stand das Haus leer. 

Meine Schwester und ich wussten immer, dass wir es eines Tages würden entrümpeln müssen. Das lag mir schwer im Magen. Dabei hängt mein Herz gar nicht an Gegenständen. Ich kann eigentlich gut loslassen. Es ging eher um die Erinnerungen, die mit dem Haus verbunden waren. Teils waren es schöne Erinnerungen, aber zur Geschichte gehörten auch belastende Ereignisse. Ich glaube, dass über mehrere Generationen keine Frau, die von außen in unsere Familie kam, wirklich glücklich in diesem Haus war. Das beschäftigt mich noch immer. 

„Plötzlich wirkte mein Elternhaus wie eine leblose Kulisse“

Als ich das Haus im Dezember 2024 nach Wochen des Leerstands zum ersten Mal betrat, war ich überrascht, wie schnell Räume ihre Seele verlieren, wenn niemand mehr drin wohnt. Draußen auf den Treppenstufen waren Moos und Laub, drinnen in den Zimmern lagen tote Fliegen. Der Heizöltank war leer, alles war eiskalt. Das ganze Anwesen wirkte plötzlich nicht mehr wie mein Elternhaus, sondern wie eine leblose Kulisse. 

Ich ging von Raum zu Raum und schaute in alle Schränke. Auf dem Dachboden fand ich unter anderem uraltes Geschirr von Oma und Kontoauszüge von 1980. Meine Schwester und ich trafen schnell die Entscheidung, das Haus an eine junge Familie aus dem Dorf zu verkaufen – und zwar „wie gesehen“, also mit dem ganzen Inventar. Das hat uns viel Arbeit erspart.

Trotzdem haben wir natürlich geschaut, welche Dinge wir mitnehmen wollten. Allein das war aufwühlend. Ich entschied mich für ein paar Gläser und für Fotoalben, vor allem für das Hochzeitsalbum meiner Eltern. Wäre ich jünger gewesen, hätte ich wohl mehr mitgenommen. Aber ich habe selbst keine Kinder und wollte mir meine eigene Wohnung nicht vollstellen. 

Trotzdem, die ganze Auseinandersetzung mit dem Haus macht etwas mit einem. Es geht nicht um Materielles, sondern um Grundsätzliches. Der Gedanke „Ich bin jetzt die Nächste, die stirbt“ verändert vieles. Und führt zu der Frage: Was wünsche ich mir noch vom Leben? 

Rückblickend hätte ich mir mehr Zeit für den Abschied vom Haus nehmen sollen. Ich war damals total im Organisations- und Machermodus. Ich wollte nach vorn schauen. Jetzt im Nachhinein denke ich manchmal, ich habe es versäumt, mich würdevoll vom Haus zu verabschieden. Der Abschied reißt einem ein bisschen die Wurzeln raus, er kappt etwas. Manchmal fühlt es sich an, als habe ich einen Rückzugsort verloren, eine Art Backup für schwere Zeiten. 

Das Haus hat wieder eine Seele – wie tröstlich!

Meine Schwester und ich haben inzwischen das Gefühl, dass die neuen Eigentümer ,unser' Haus sozusagen adoptiert haben. Sie haben viel modernisiert und verändert. Im Kopf habe ich das Haus losgelassen, im Herzen noch nicht ganz. Aber das Gebäude lebt weiter. Es hat wieder eine Seele. Eine neue Familie füllt die Räume mit Leben. Das finde ich wunderbar und tröstlich.“

Alle Texte, Tipps und Protokolle zum Thema „Abschied vom Elternhaus“ finden Sie hier.