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"Der Frauenjäger": Petra Hammesfahr schickt Frauen ins Verderben

Eigentlich ist Marianne Faithfulls "Ballad of Lucy Jordan" ein Song von zarter Melancholie. In Petra Hammesfahrs atemberaubendem Krimi "Der Frauenjäger" allerdings wird die Musik zum akustischen Folterinstrument.

Wie es sich anfühlt, in einer stockdunklen Höhle mit Schmerzen am ganzen Leib und vor Kälte schlotternd aufzuwachen, während das Gewölbe von einer wieder und wieder ertönenden Melodie vibriert, beschreibt Petra Hammesfahr in ihrem Thriller "Der Frauenjäger". Hinter dem reißerischen Titel verbirgt sich die Geschichte von vier Paaren, deren Freundschaft von einem pathologischen Frauenhasser auf die Zerreißprobe gestellt wird. Denn eine der Clique, die zurückhaltende Marlene, gerät dem Serienkiller ins Netz.

Die Bestseller-Autorin hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten Drehbücher und mehr als 30 Spannungsromane vorgelegt, von denen einige, "Der stille Herr Genardy" etwa, auch verfilmt wurden. Mit spürbarem Vergnügen schickt die 60-jährige Vielschreiberin ihre Figuren ins Verderben. Ihre Geschichten sind sehr realistisch und beschreiben die Normalität des deutschen Alltags, so wie sie ihn im Kreise ihrer Familie und Nachbarn in einer Reihenhaussiedlung in Kerpen wohl erlebt. Allerdings tun sich in ihren perfiden Geschichten hinter der gutbürgerlichen Fassade Abgründe auf. Hammesfahrs Krimis sind immer ein bisschen anders als andere - und oft auch ein bisschen besser.

Ungeahnter Lebensmut

So auch ihr neuestes Werk: In einer Disco haben die Freundinnen Marlene, Karola, Ulla und Annette einst vier ebenfalls befreundete Männer kennengelernt. Aus der zufälligen Begegnung wurde ein Bund fürs Leben. Man heiratete. Marlene wählte den bedächtigen, etwas spießigen, dafür aber erfolgreichen Werner zum Mann, der sie seitdem auf Händen trägt. Ihre Ehe ist die stabilste, auch wenn sie sich häufig nutzlos vorkommt. Ihre Freundin Ulla hingegen hat mit ihrer Wahl kein glückliches Händchen bewiesen: Ihr unsteter Mann Martin ist mittlerweile über alle Berge.

Gleichwohl geht das Leben der Freunde seinen gewohnten Gang. Noch ahnt niemand von ihnen, dass ein kranker Killer umgeht, der es vor allem auf jene Frauen abgesehen hat, sie sich seiner Meinung nach von den Männern aushalten lassen, um sie auch noch zu betrügen. Eines Tages taucht Martin bei Marlene auf, um sie um Hilfe zu bitten. Kurz darauf erwacht Marlene in der totalen Finsternis einer Höhle und wird ohne Unterlass mit Marianne Faithfulls "Ballad of Lucy Jordan" beschallt. Während der Verdacht des gespannten Lesers sofort auf Martin fällt, kann sie sich nicht erinnern, wie sie unter die Erde gelangt ist. Mit der Gefahr wächst die verwöhnte Hausfrau aber über sich hinaus: Sie, die bisher vom liebenden Gatten umsorgt und verhätschelt wurde und sich wie Lucy Jordan in dem Song überflüssig gefühlt hat, entwickelt in ihrer Gefangenschaft ungeahnten Lebensmut.

Susanna Gilbert-Sättele/DPA / DPA