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"Die 68erinnen": Die rebellische Frauengeneration

Sie wollten sich und die Verhältnisse zum Tanzen bringen, doch auf der politischen Bühne tanzten fast nur Männer. Dass an der 68er Revolte Frauen maßgeblich beteiligt waren, zeigen 14 Porträts.

Wenn die Prominenz der Protagonisten zählt, war die 68er Bewegung eine Männersache: Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel - ihre Namen sind bis heute präsent. Frauen dagegen werden eher als anonyme sexy Demonstrantinnen erinnert, die ihren Busen im Gerichtssaal entblößten, oder als flinke Helferinnen beim Flugblatt-Tippen. Dass dieses Bild ein Zerrbild ist, zeigt die Journalistin Ute Kätzel in ihrer Porträtsammlung "Die 68erinnen". Darin lässt sie 14 Frauen schildern, wie sie als Ideengeberinnen, Studentenführerinnen und Aktionistinnen an vorderster Front mitmischten, wie sie Tabus brachen, manchmal daran scheiterten, sich aber an der Revolte immer mindestens genauso beteiligt fühlten wie die Männer.

Männer als Machos und Sprücheklopfer

"Ich denke sogar, dass die Frauen der revolutionärste Teil dieser etwas revolutionären Bewegung waren, weil sie wirklich ihre eigene Situation stark infrage gestellt haben", resümiert Sarah Haffner, heute 62-jährige Malerin und Autorin. "Diese Studenten-Machos hingegen bekamen es mit der Angst zu tun." Sie hatte - gar nicht untypisch für ihre 68er-Mitstreiterinnen - ein Kind zu versorgen. Dafür schmiss sie ihr Studium. Als Künstlerin schuf sie politische Collagen. Als junge Oppositionelle übersetzte sie anlässlich des Berliner Vietnam-Kongresses 1968 ins Englische - und merkte, wie hilflos mancher Sprücheklopfer ohne sie war, weil er zwar große internationale Ideen verfocht, aber kein Engisch konnte.

Ein anderes spannendes Beispiel für die weibliche Sicht auf die Umbruchphase ist die Schilderung von Gretchen Dutschke-Klotz, geboren 1942 in den USA. Sie selbst habe, angeregt durch US-Vorbilder, die Idee gehabt, neue Gruppen-Wohnformen zu erproben. "Die Frauen könnten mehr Politik, die Männer mehr Haushalt machen", beschreibt sie ihre Vision von Kommunen. Dann habe Dieter Kunzelmann ("extrem patriarchalisch und autoritär") ihr die "Idee geklaut" und die Sache in die Hand genommen, auch wenn er das nie zugegeben habe. Sein Name wird bis heute mit der legendären Kommune 1 identifiziert, in der drei Frauen und fünf Männer Anfang 1967 zusammenzogen.

Öffentliches Reden war in Männerhand

Obwohl die porträtierten Frauen der 68-Generation sehr unterschiedliche Lebensläufe haben, berichten fast alle von einer großen Angst: Der des Redens vor Gruppen - etwa bei politischen Debatten. Das Reden war, jedenfalls zu Beginn der Studentenbewegung, Männerdomäne. Natürlich gab es Ausnahmen. Sigrid Fronius zum Beispiel, die im Mai 1968 an die Spitze des Asta der Freien Universität Berlin gewählt wurde. Viele andere wollten nicht im Rampenlicht stehen, sondern näher am (Familien-)Alltag der Frauen praktisch aktiv sein. Helke Sander, Filmemacherin und Mutter, berichtet von der Gründung des "Aktionsrates zur Befreiung der Frauen", vom Aufbau der ersten Berliner Kinderläden und vom Streik der Kindergärtnerinnen.

Auf ein exponiertes Thema der Umbruchepoche blicken die weiblichen Zeitzeugen durchweg mit Ernüchterung zurück: Auf die sexuelle Revolution. "Die Vergesellschaftung der Zweierbeziehung war (...) überhaupt nicht meine Sache, ebenso wenig wie ausgehängte Klotüren", resümiert Hedda Kuschel. Dagmar Przytulla, Mitbegründerin der Kommune 1, charakterisiert ihre eigene Revoluzzer-Truppe als "verklemmten Haufen". Und Gretchen Dutschke meint rückblickend über die Wünsche mancher Mitkämpfer: "Letztendlich sollte freie Sexualität bedeuten, dass die Frauen den Männern immer zur Verfügung stehen."

Petra Kaminsky

Ute Kätzel: Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration Rowohlt Verlag, Berlin, 319 Seiten, 22,90 Euro

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