HOME

Comics: Mickys Altenherrenwitze

Ausgerechnet ein Comic-Klassiker für Kinder verbreitet längst überholt geglaubte Rollenklischees. Auf den besonders gern gelesenen Witzseiten erscheinen Frauen als quasselnde Drachen, Männer als kuschende Pantoffelhelden. Und die Kinder verstehen nur Bahnhof.

Von Eckhard Stengel

Wenn Opa seinem Enkel etwas vorliest, haben meist beide ihren Spaß. Bei Witzen wie diesem lacht wahrscheinlich nur einer: "Fritz und Paul stehen vor einer Skulptur, einem männlichen Akt. 'Das ist Adam", behauptet Fritzchen. Fragt Paulchen: 'Du, warum macht der denn so ein böses Gesicht? Eva ist doch noch gar nicht da. 'Fritzchen glaubt es zu wissen: 'Ich sage dir, der ahnt schon was.'"

Das ist kein Witz aus einem Altherrenmagazin. Nein, humoristische Abhandlungen dieser Art findet man immer wieder auf den Witzseiten von "Micky Maus"-Heften. Pardon, der Comic-Klassiker heißt mittlerweile "Micky Maus-Magazin". Da steht dann zum Beispiel auch der hier: "Hubert klagt einem Freund sein Leid: 'Ich hab seit sechs Monaten nicht mehr mit meiner Frau gesprochen.' - 'Warum das?' - 'Ich wollte sie nicht unterbrechen...'"

Das wird laut Ehapa-Verlag von durchschnittlich 677.000 Sechs- bis Dreizehnjährigen - sowie zahlreichen Vätern, Tanten und Großeltern - gelesen. Schließlich ist das bunte Wochenblatt laut Verlag "die Nr. 1 im Kinderzeitschriften-Markt".

Solche altbackenen Witze auf Stammtisch-Niveau, die das Geschlechterrollenbild der Großelterngeneration widerspiegeln, findet die Bremer Landesfrauenbeauftragte Ulrike Hauffe "richtig ärgerlich". "Wenn solche Rollenklischees weiter Verbreitung finden, kommen wir nie zu einem Miteinander der Geschlechter auf gleicher Augenhöhe", so Hauffe im Gespräch mit stern.de.

Drache und Pantoffelheld

Da kann man fast froh sein, dass ein Großteil der Hauptzielgruppe solche Sprüche wahrscheinlich gar nicht erst versteht. Aber unterschwellig, "subkutan" nennt es die Frauenbeauftragte, komme die Botschaft bei den Kindern möglicherweise doch an: Die Frau ist ein ständig quasselnder Drache, der Mann ein Pantoffelheld.

Man kann lange darüber streiten, ob diese Elaborate mehr frauen- oder mehr männerfeindlich sind. Das Erstaunliche ist jedoch: Angeblich werden die Witze allesamt von Kindern eingesandt. So jung schon so alt? "Ich vermute, dass nicht immer die Kids die Witze schreiben", räumt der verantwortliche "Micky Maus"-Redakteur Kai Reininghaus ein. Also spielen vermutlich Papa oder Oma öfter mal Souffleur, damit Lucas aus Berlin oder Isabell aus Konstanz einmal im Leben ihren Namen in der Presse gedruckt sehen - oder sogar "ein pralles Überraschungspaket" gewinnen, wenn ihr Bonmot zum "Witz der Woche" gekürt wird.

Es sind mehrere hundert Einsendungen, mit denen die Redaktion laut Reininghaus jede Woche überschüttet wird. Eine freie Mitarbeiterin sichte die Postberge und lege dem Chef eine Auswahl vor. "Ich stelle das dann zusammen", erzählt der stern.de.

Beide sind noch längst nicht im Rentenalter: Sie ist "Mitte 30", er 42. Und Reininghaus muss erstmal lachen, als ihm beim Interview eine Kostprobe aus dem eigenen Heft vorgelesen wird: "'Mama, in der Zeitung steht, das Theater sucht Statisten. Was sind denn Statisten?' - 'Statisten sind Leute, die nur rumstehen und nichts zu sagen haben.' - 'Wäre das nix für Papa?'"

Dass dies nix für Kinder und auch nix für halbwegs emanzipierte Vorleser/innen sein dürfte, darüber scheint sich Reininghaus noch keine Gedanken gemacht zu haben. "Das ist doch nicht böse gemeint", findet er. Aber "natürlich haben wir eine Verantwortung". Deshalb würden die Einsendungen immer "gefiltert": Keine Chance haben demnach Witze, in denen Minderheiten angegriffen werden, und schon gar nicht "die alten dämlichen rassistischen Geschichten". Aber "wenn wir alles ausklammern, wo sich irgendjemand beschwert, dann würde uns das ja noch mehr einschränken".

Gute Unterhaltung

Reininghaus ist jedenfalls überzeugt: "Wir bieten gute Unterhaltung für Kids." Auch wenn es "eine schwierige Geschichte" sei, die richtige Mischung, die "gewisse Vielfalt" hinzukriegen. Bestätigt fühle er sich durch ständige Leserumfragen, bei denen die Witze "immer super abschneiden". "Das ist eine der beliebtesten Rubriken", versichert der verantwortliche Redakteur.

Vielleicht wäre sie noch beliebter, wenn die Kinder die Witze künftig ohne Erklärungen von Opa verstehen würden. Immerhin versichert Reininghaus am Ende des Gesprächs: "Ich schau mir das noch mal genauer an."

Themen in diesem Artikel