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"Nur eine Tochter": Eine Frau für Afghanistan

Bei ihrer Geburt war sie "Nur eine Tochter" - nun hat sie sogar Chancen, Präsidentin Afghanistans zu werden. Fausia Kufi schildert in ihrem autobiografischen Roman, wie es dazu kam.

Der zarte Schal sitzt locker auf ihrem schwarzen Haar. Wäre da nicht dieses kämpferische Selbstbewusstsein in Blick und Lächeln, könnte man Fausia Kufi für eine Muttergottes in einem Renaissancegemälde halten. Viele Afghanen, die sie 2010 zum zweiten Mal ins Kabuler Parlament gewählt haben, dürften die 36-Jährige tatsächlich für so etwas wie eine wohltätige Heilige halten. Denn als Grund für ihren bisherigen politischen Erfolg sieht Kufi vor allem den Kontakt mit tausenden kleinen Leuten, Leidtragenden von all dem Krieg und Elend im Afghanistan der letzten 30 Jahre.

Als frühere Sozialarbeiterin hat sie jahrelang unermüdlich zugehört, getröstet, ermuntert und, wenn möglich, geholfen. Nun werden ihr sogar Chancen zugeschrieben, Präsidentin Afghanistans zu werden. Über all dies berichtet Kufi in ihrem autobiografischen Buch "Nur eine Tochter". Der Titel weist auf den grausigen ersten Lebenstag der Autorin hin. Weil sie nicht der erhoffte Sohn war, hat ihre Mutter sie gleich nach der Geburt im Gebirge ausgesetzt in der Hoffnung, dass das Baby sterbe. Doch Fausia überlebte.

Prügel als Liebeszeichen

Trotz dieses unmenschlichen Akts ist ihre Mutter Bibi dschan die beeindruckendste Heldin dieses Buchs. Denn sie hat einen spektakulären Mentalitätswandel vollzogen: Als eine von sieben Frauen eines afghanischen Provinzpolitikers und Analphabetin fand sie es selbstverständlich, von ihrem Mann regelmäßig brutal geschlagen zu werden. Sie wertete dies sogar als Liebeszeichen. Trotzdem war es Bibi dschan, die durchsetzte, dass ihre Tochter lesen und schreiben lernte, dass sie sogar studieren konnte.

Afghanistan wirkt auch in Kufis Buch bisweilen wie ein fremder Planet. Dennoch schafft es die Autorin, anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte die Gemeinsamkeiten der Afghanen mit dem Rest der Menschheit deutlich zu machen. Auch hier wollen die Menschen Freiheit, Frieden, eine geordnete Politik und Wohlstand, so lautet die Botschaft.

Kufis Familiengeschichte bietet auch Einblick in politische Muster, die bis heute gelten: Ihr Vater hat durch seine siebenfache Verheiratung regionale Bündnispolitik betrieben. Über seine Ehefrauen war er mit fast allen Stammesfürsten in der nordafghanischen Region Badachschan verschwägert. Auch heute noch sind weitreichende Familienbande die wichtigste politische Struktur. Sie sind Wurzel der von Kufi kritisierten Vetternwirtschaft und Korruption.

Eine Frau als Staatschef?

Kufis Buch liest sich teils wie ein spannender Abenteuerroman, in dem Kriege, Fluchtaktionen, das Überleben als Untergrund-Oppositionelle während der Taliban-Herrschaft, aber auch Liebesgeschichten und Milieuschilderungen vorkommen. Auf weiten Strecken ist das Buch ein politisches Manifest. Dass manche Stellen stilistisch allzu glatt daherkommen, dürfte der Co-Autorin Nadene Ghouri geschuldet sein, die als preisgekrönte BBC-Journalistin weiß, was die Öffentlichkeit erwartet.

Kufi äußert sich auch kritisch gegenüber den Weltmächten. Sorgen macht ihr, dass die internationalen Friedenstruppen ihr höchst instabiles Land jetzt schon verlassen wollen. Für grundfalsch hält sie den Vorschlag von westlicher Seite, die Taliban an der afghanischen Politik teilhaben zu lassen. Die Taliban seien dialogunwillig, zumal sie noch nicht einmal bereit wären, sich neben eine Politikerin ins Parlament zu setzen, schreibt sie. Sie selbst werde ständig von potenziellen Attentätern bedroht.

Große Zweifel hat Kufi daran, dass die Afghanen eine Frau als Staatschef akzeptieren würden. "Ich weiß, dass ich dieser Aufgabe gewachsen wäre und sie gut erledigen würde", schreibt sie. "Aber ich bezweifle, dass die Zeit dafür reif ist." Erste Präsidentin Afghanistans könnte viel eher ihre jüngste Tochter Schura werden, meint Kufi. Das politisch interessierte Mädchen hat seiner Mutter schon bei Wahlkämpfen geholfen. Auch Schura war "nur eine Tochter". Als sie geboren wurde, freute sich ihr Vater nicht, denn er hatte sich einen Sohn gewünscht. Immerhin hatte Schura einen etwas freundlicheren Start ins Leben als ihre Mutter: Niemand wollte sie umbringen. Man muss dies wohl als Zeichen des Fortschritts sehen.

Kathrin Lauer/DPA / DPA
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